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Ausgabe 50-52 / 2007
13. Dez. 2007 - 1. Jan. 2008

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(c) Pester Lloyd / Nr. 50-52 - 2007 FEUILLETON 13.12.2007
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Verlässliches Erzählen

Zum Tode der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó

Von Wilhelm Droste

Jetzt ist es also doch geschehen. Die Schriftstellerin Magda Szabó ist am Nachmittag des 19. November 2007 im Alter von neunzig Jahren verstorben, friedlich, mit einem Buch in den Händen.

Mehrfach hatte sie sich in den letzten Monaten mit einer Mischung aus spöttischem Humor, bissig-kindlichem Trotz und stolzer Courage gegen das über sie verbreitete Bild gewehrt, todesschwach und eigentlich kaum mehr richtig auf dieser Welt zu sein. Sie stellte mit der ihr eigenen Entschiedenheit gegen alle Gerüchte richtig: Ich lebe, selbstverständlich lebe ich.

Am Samstag noch war sie wieder einmal ausgezeichnet worden und hatte sich entschuldigen lassen, zur Preisübergabe nicht selbst in der Budapester Akademie erscheinen zu können, am Montag war sie dann wirklich mit ihren Kräften am Ende.

Es waren riesige Kräfte eines langen Weges, die man dem zierlichen kleinen Körper der alten Dame, deren Augen mit so viel Lebensfreude und unerschöpflicher Neugier in die Welt zu funkeln verstanden, kaum hätte zutrauen wollen.

Als sie am 5. Oktober 1917 in Debrecen zur Welt kommt, da geht der Erste Weltkrieg und mit ihm die Donaumonarchie zugrunde, es steigern sich die schweren Wirrungen des 20. Jahrhunderts, die sich in Ungarn mit besonderer Heftigkeit ausgetobt haben. Die Bücher von Magda Szabó stehen mit einer eigenartigen Hartnäckigkeit wie Felsen in den Wogen dieser geschichtlichen Katastrophen. Bewegt man sich lesend in diesen Felsen, so scheint es manchmal geradezu, als hätte die Erzählerin sich so hoch über das Wogen und Brausen ihrer Zeiten erhoben, dass diese kaum mehr zu spüren sind in den Höhen ihrer Geschichten. Doch wer zu lesen versteht, der spürt ihn genau, den Wellenschlag des wirklichen Lebens. Ihre ersten großen Bücher kamen in Ungarn erst nach 1958 heraus, also im noch deutlich spürbaren Schatten der niedergeschlagenen Revolution von 1956.

Vielfach traumatisierte Leser stießen in ihren Erzählungen auf wahre Menschen voller Probleme, nicht retuschiert oder idealisiert, sondern leidend und kämpfend. Figuren ihrer Romane verbreiteten Mut und Lebenswillen. Bürger siedelten in ihren Büchern, die es eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen, Menschen, die sich von keiner Politik ihrer Eigenschaften berauben ließen. Direkt nach dem Krieg hatte Magda Szabó mit dem Schreiben begonnen.

Auch sie kam durch den Haupteingang der ungarischen Literatur über die Lyrik. 1949 bekam sie den angesehenen Baumgarten Preis, der ihr aber wegen ihrer bürgerlichen Herkunft wieder abgenommen wurde. Dann folgten fast zehn Jahre Publikationsverbot. Trotz dieser gewaltigen Hindernisse ist Magda Szabó zu einem eigenen Gebirge im Grenzbereich der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts herangewachsen

Das gelang ihr als Frau in einer geradezu restlos von Männern dominierten Literaturgesellschaft, auch dank ihrer tiefen Bindung an ihre Geburtsstadt Debrecen, dem heftigsten Gegenpol, den die ungarischen Provinzen ihrer herrschsüchtigen Hauptstadt Budapest entgegenstellen konnten, mit ihrer protestantischen Identität, doch vor allem durch ihr Beharren auf die Welt der eigenen Kindheit, dem Rohstoff all ihrer Bücher, auf ihr Urwissen vom Menschen, das sich durch keinerlei politische Konjunktur beeinflussen oder gar verdrehen ließ. Magda Szabó verlässt sich auf dieses tief zurückreichende und verwurzelte Wissen, dazu baut sie ganz selbstverständlich auf die Qualität und Schlichtheit ihrer Sprache. Ihre Bücher hatten nie die geringste Angst vor Lesbarkeit. Postmoderne Sprachskrupel und Verwirrungsspiele in der Komposition des Erzählens haben ihren Felsen nie erreicht, geschweige denn erschüttert. Dieses Zusammenspiel der Kräfte verschaffte ihr schnell ein großes, treues und dankbares Publikum in Ungarn, erstaunlich früh wurde aus ihrem nationalen Erfolg internationale Geltung.

Lange bevor die ungarische Literatur vor der Jahrhundertwende ihren Siegeszug im deutschen Sprachraum antrat, war die Einzelgängerin Magda Szabó dort längst schon zuhause. Gerade deutschsprachig hat Magda Szabó viel mehr erreicht als den für die exotischen Ungarn bereits so schweren Achtungserfolg bloßen Erscheinens. Ihre Bücher sind in 42 Sprachen übersetzt, sie ist damit auf bedrucktem Papier der am besten verbreitete Ungar der Welt. Sie wurde und wird mit großem Hunger gelesen, von allen Generationen und von beiden Geschlechtern. Lebendiger können Bücher kaum werden. Magda Szabó hat vorgesorgt, die Zukunft kann also beginnen.

(c) Pester Lloyd

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