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(c) Pester Lloyd / Nr. 07 - 2008 GESELLSCHAFT 13.02.2008 ______________________________________________________________
Dem Terror auf der Spur
Im Gespräch mit der Direktorin des "Haus des Terrors" in Budapest
Dr. Mária Schmidt, Generaldirektorin des Budapester Museums Haus des
Terrors, hat Einmaliges geschaffen. „Ihr“ Haus wurde in dem berüchtigtsten Gebäude der Andrássy út eingerichtet. In den 1940er
Jahren war hier das sogenannte „Haus der Treue“ untergebracht, das Hauptquartier der Pfeilkreuzler, der ungarischen Nazis. Einige Jahre
später richtete sich hier die kommunistische Geheimpolizei ein. Nunmehr quälten deren Schergen in den Kellern ihre Opfer. Das ungewöhnliche
Museumsgebäude will diese zwei dunklen Kapitel der jüngsten ungarischen Geschichte transparent machen. Es möchte erinnern, es möchte warnen.
Wir sprachen mit Dr. Schmidt über die vergangenen fünf Jahre Existenz des Hauses – aber auch über Lage und Perspektiven der ungarischen Politik.
2,5 Millionen Besucher, jeder zweite aus dem Ausland
Zwar gab es anfänglich Zweifel und wurden kritische Stimmen laut,
dessen ungeachtet ist das Haus des Terrors ein klarer Erfolg. In den fünf Jahren seit der Eröffnung im Februar 2002 wurden stattliche 2,5 Millionen
Besucher gezählt – die Hälfte von ihnen kam aus Ungarn, der Rest aus aller Herren Länder. Die Generaldirektorin freut sich besonders über die
vielen Jugendlichen. Die meisten Geschichtslehrer des Landes seien schon da gewesen, und viele hätten ihre Schüler im Schlepptau gehabt.
Gerade für junge Leute ist dieses Museum besonders attraktiv, weil
verständlich. Beherrschen doch hier diejenigen Medien die Szenerie, mit denen sie aufgewachsen sind: Vieles kann auf Bildschirmen gelesen, aus
Lautsprechern angehört werden. Und es gibt massenweise Bilder, meist freilich traurige, tragische. Auch meisterhaft gestaltete Ausstellungsräume samt deren Objekten sorgen dafür, dass die
Geschichte, die das Museum vermitteln will, auch von den jungen Leuten verstanden und gefühlsmäßig aufgenommen werden kann. Immerhin geht
es um Zeiten, die für sie bisher etwas Unbegreifliches und Uraltes gewesen sind.
Museum Haus des Terrors macht Schule
Frau Schmidt ist auch sehr erfreut, dass das Budapester Haus, das erste
seiner Art in der Region, schon Schule gemacht hat. Fast alle früheren sozialistischen Länder wollen dem Beispiel folgen: In Tallinn gibt es bereits
schon ein vergleichbares Museum, in Vilnius wird eines aufgebaut. Unlängst trafen sich Historiker und Vertreter der „Gauck-Behörden“ in
Bukarest, wo ebenfalls eine Gedenkstätte dieser Art geplant wird. Übrigens sind unter den Hunderttausenden von ausländischen Besuchern
des Haus des Terrors auch sehr viele aus Westeuropa und überseeischen Ländern.
Wie aber reagieren diese Menschen? Meist betroffen und überrascht. Man
hatte freilich in den USA, Lateinamerika oder Japan kaum eine Ahnung von dem, was sich hierzulande in den letzten 60 bis 70 Jahren wie
abgespielt hat. Oder die Menschen hegten ganz falsche Illusionen, was die KPZeiten betrifft.
Die Direktorin hat neben Geschichte auch
Germanistik studiert und pflegt enge Kontakte zur deutschen Geschichtswissenschaft. Sie wirkte u.a. an der TU Berlin und ist Mitglied des Kuratoriums der internationalen
Ettersberg-Stiftung in Thüringen (auf dem bei Weimar gelegenen Ettersberg befand sich das KZ Buchenwald). Auch daher die Frage: Wie ist das Echo des Haus des Terrors in deutschen Landen?
Die Antwort der Historikerin klingt eher
ernüchternd. Frau Schmidt findet, dass die Deutschen hinsichtlich der Aufarbeitung des DDR-Erbes noch nicht so weit sind, wie andere in der Region. Wenn auch viel
darüber gesprochen werde, geschehe wenig. Und was geschehe, sei oft zweideutig. Personen, deren Vergehen offenbar wurden, würden kaum
geächtet – wie übrigens auch in Ungarn nicht. Und es gebe Fälle wie die von Günter Wallraff oder Günter Grass, die ungeachtet der Enthüllungen
geschont würden, denen auch verziehen worden sei. Für die Aufarbeitung dieser gemeinsamen Vergangenheit habe man in den baltischen Staaten, ja sogar in Ungarn, bereits mehr getan.
Und was meinen die deutschen Kollegen zu dieser Kritik? „Nun, sie hören
es nicht gerne, doch müssen sie gestehen, dass diese nicht unbegründet ist.“
Kein Geld für Institute der Opposition
Das Museum Haus des Terrors entstand in der Zeit der konservativen
Regierung, in der übrigens Mária Schmidt eine der Hauptberaterinnen von Regierungschef Viktor Orbán war. Damals warfen Kritiker den
Museumsgründern politische Befangenheit vor. Ihr Vorwurf: Der KP-Herrschaft sei wesentlich mehr Raum gewidmet worden als der „Vorgeschichte“ in Form der Pfeilkreuzler.
Die Generaldirektorin bezeichnet diese Kritik als politisch motiviert. Das
Haus des Terrors habe nie die Aufgabe angenommen, die Geschichte der Judenverfolgungen aufzuzeigen. In der Zwischenzeit sei das Budapester
Holocaust Gedenkzentrum entstanden, das dieses Ziel erfolgreich erfülle. Was nicht bedeute, dass die politische Auseinandersetzung um das
Museum aufgehört habe. Dr. Schmidt beklagt, dass die auch von ihr selbst geführten Forschungsinstitute des 20. und des 21. Jh. keinerlei staatliche
Subventionen erhielten, während andere, den Regierungsparteien nahestehende Institute über Hundertmillionen-Budgets verfügten. Sie
kritisiert, dass ihr Haus die Eigenkosten zu 50 Prozent aus den Eintrittskarten finanzieren müsse, während der entsprechende Anteil bei anderen Museen höchstens zehn bis 20 Prozent betrage.
Wir erinnern Schmidt daran, dass die Orbán-Regierung seinerzeit die
Finanzierung des als linksliberal angesehenen 56-er Instituts vollständig eingestellt hatte. Wie wir erfahren, sei das die Replik darauf gewesen,
dass die Horn-Regierung die Erforschung der Verantwortlichen für Bluttaten nach dem Volksaufstand nicht finanzieren wollte...
Wird neue politische Kraft erzwungen?
Womit wir schließlich in der irrationalen Welt der ungarischen Innenpolitik
angelangt sind. Mária Schmidt ist eine der wenigen Intellektuellen, die nicht müde werden, Dialog und sogar Kompromisse von beiden Seiten zu
fordern, von den Linksliberalen und den Christlich-National-Konservativen. Vor einem Jahr soll sie sogar noch mehr gewagt haben: Ein Bericht der
oppositionsnahen Magyar Nemzet klagte sie quasi als „Verräterin“ an. Das Blatt warf ihr vor, sie bereite mit einigen Fidesz-Politikern und mit Hilfe
aus Wirtschaftskreisen die Gründung einer neuen Rechtspartei vor. Die Angeklagte dementierte diese obskuren Anschuldigungen, doch der
anonyme Autor des Skandalberichts wurde nie bekannt, zu einer Konfrontation konnte es nicht kommen. Die Museumsdirektorin beklagte unlängst von der Impotenz der politischen Elite ausgelöste
„bürgerkriegsähnliche“ Zustände im Lande.
Ihr Wissenschaftsinstitut hatte auch Diskussionen organisiert, bei denen
Vertreter beider Seiten Verständigungsversuche unternahmen – mit
mäßigem Erfolg. Dr. Schmidt ist trotz allem entschlossen und zuversichtlich. Sie verweist darauf, dass schon immer ein Dialog unter den
Intellektuellen verschiedener Auffassungen existiert habe. Doch nütze das nichts, wenn es auf beiden Seiten Politiker gebe, die am Weiterschwelen
der Konfrontation interessiert seien, die möchten, dass diese erbitterten Kämpfe auch künftig das öffentliche Leben dominierten.
„Das ist schrecklich: Politik ist zwar sehr wichtig – doch so wichtig auch
wieder nicht.“ Die Museumschefin ist der Meinung, dass sich die Lage nach dem Amtsantritt der Gyurcsány-Regierung noch verschlimmert habe.
Gesten der Annäherung, das Anstreben von Kompromissen sollten von den Machthabern ausgehen – doch die gegenwärtig Regierenden seien daran
überhaupt nicht interessiert, vielmehr an der völligen „Vernichtung“ der Opposition.
Doch deutet alles darauf hin, dass diese Opposition in absehbarer Zeit –
spätestens in zwei Jahren – an die Macht kommt. Würde die heutige
Opposition nicht dasselbe tun? Hatte nicht Fidesz-Chef Viktor Orbán bereits getönt, dass die Sozialisten für lange Zeit in den Hintergrund gedrängt werden sollten?
Für Frau Dr. Schmidt erscheint eines sicher: „Die gegenwärtige Konfrontationspolitik kann nicht fortgeführt werden.“ Sollte die
Opposition an die Macht kommen und wolle sie glaubhaft agieren, bräuchte sie eine andere Politik. Und es gebe Menschen, die diese
umsetzten könnten. Die Tätigkeit der Gyurcsány-Regierung habe das Land in den Abgrund gestürzt. Immer mehr Menschen entdeckten, dass
diese Politiker nicht dem Land, sondern ihren Eigeninteressen dienten. Würden sie sehen, dass auch die andere Seite diesen Weg gehe, würden
sie die Geburt einer neuen politischen Kraft erzwingen. Die Erhebungen zeigten, dass die Menschen die gegenwärtige Lage satt hätten und etwas
anderes wünschten. „Eine neue politische Kraft hat es nicht leicht, sich zu etablieren. Sollte sich das Bedürfnis markant artikulieren, wird sie jedoch
entstehen“ – so Dr. Mária Schmidt zum Abschluss unseres Gesprächs.
Das Gespräch führte András Heltai-Hopp
(c) Pester Lloyd
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