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Ausgabe 19 / 2008
7. bis 13. Mai 2008

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(c) Pester Lloyd /
Nr. 19 - 2008 FEUILLETON 07.05.2008
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100 Jahre NYUGAT

100 Jahre "Westen" im "Osten"

Das intellektuelle Ungarn hat sich seit Hunderten von Jahren immer nach Westen orientiert, aber vor 100 Jahren haben Schriftsteller, Dichter und Journalisten diesem Blick nach Westen – ins „Abendland“ – in Form einer Zeitschrift einen Rahmen gegeben, der weit über diese Publikation hinaus wirkte.

Diese 1908 gegründete einflussreiche Zeitschrift, nach der bisweilen eine ganze Epoche der ungarischen Literatur benannt wird (etwa von 1908 bis 1941), heißt „Nyugat“. Einer ihrer bedeutendsten Mitarbeiter war der Dichter und Schriftsteller Mihály Babits.

„Nyugat“ wurde ursprünglich von Ignotus (Hugo Veigelsberg) geleitet, einem langjährigen Mitarbeiter des PESTER LLOYD, dessen Bruder, Leo Veigelsberg, als Nachfolger von Max Falk 1906 die Chefredaktion der Zeitung übernahm, aber bereits 1909 verstarb. Seine Nachfolger beim „Nyugat“ waren dann Ernô Osvát und Miksa Fenyö. Den Gründern ging es besonders darum, die zeitgenössische literarische, künstlerische und philosophische Entwicklung (zunächst v.a. Naturalismus, Symbolismus, Impressionismus) Westeuropas zu rezipieren und für Ungarn fruchtbar zu machen.

Das Programm der Zeitschrift umfasste sowohl Prosa als auch Lyrik. In der ungarischen Literatur unterscheidet man drei Nyugat-„Generationen“: Zur ersten Generation gehören u.a. bekannte Dichter wie Endre Ady, Árpád Tóth, Mihály Babits, Dezsô Kosztolányi, Gyula Juhász sowie Gyula Krúdy und Zsigmond Móricz.

Zur zweiten Generation werden Lôrinc Szabó, József Fodor, György Sárközi, Attila József, Gyula Illyés, Miklós Radnóti, József Erdélyi, László Németh, Tibor Déry sowie Sándor Márai gezählt.

In der dritten Generation, der „essayistischen“, finden sich Schriftsteller wie Antal Szerb, László Szabó, Gábor Halász, Sándor Weöres, István Vas, Jenô Dsida, Zoltán Zelk, Gábor Devecseri, György Rónay und Zoltán Jékely.

Die Mitglieder des „Nyugat“ wurden wegen ihrer politisch-publizistischen Richtung auch als „Westler“ im Ungarn der Zwischenkriegszeit bezeichnet. Im Gegensatz dazu gab es die Bezeichnung „Völkische“.

Die Nyugat-Leute vertraten eine enge Anlehnung an die westeuropäische Kultur und Moderne. Sie sahen nicht zuletzt in der Metropole Budapest die Entstehung einer modernen ungarischen Zivilisation verkörpert, während für die „Völkische“ Budapest geradezu den Inbegriff für den Verfall der ungarischen Kultur darstellte.

In den politischen Auseinandersetzungen und der politischen Rhetorik wirkt der Gegensatz zwischen beiden intellektuellen Strömungen bis heute nach. So bedient sich der ungarische Antisemit István Csurka von der Partei für ungarisches Recht und Leben (MIÉP) noch heute gern typischer Argumente der „Völkischen“.

„Der Nyugat — das ist eine Epoche. Eine fruchtbare Epoche ... Tausend Quellen taten sich auf, tausend Vögel begannen zu singen, tausendmal tausend Empfindungen, die ungarische Vergangenheit und die ungarische Gegenwart, die ungarische Pußta und die ungarische Stadt, das ungarische Dorf und die Vibration der Sinne des ungarischen, einzigartigen Budapests. Dies war und dies ist der Urgrund der Zukunft; trennt ihr die fünfzehn Jahre des ‚Nyugat‘ heraus aus der ungarischen Literatur, so könnt ihr gleich umkehren, um in der Sahara zu ersticken.“ So schrieb Zsigmond Móricz 1923 über die Zeitschrift, deren Ideen von vielen ungarischen Schriftstellern im europäischen Rahmen heute weiter getragen und weiter entwickelt werden, während der Name „Nyugat“ heutzutage auch für alle möglichen merkantilen und touristischen Hinwendungen Ungarns zum Westen Verwendung findet wie zum Beispiel für EuRegio West/Nyugat Pannonia.

(c) Pester Lloyd

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