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(c) Pester Lloyd / Nr. 25 - 2008
BILDUNG & FORSCHUNG 17.06.2008
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Im Gespräch mit Prof. József Pálinkás, dem neuen Vorsitzenden der Akademie der Wissenschaften Ungarns
Die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA) wurde im
frühen 19. Jh. gegründet. Ihr klassizistisches Palais an der Budapester Kettenbrücke ist eines der Schmuckstücke der Hauptstadt. Mitglieder hat die Akademie genau
so viele, wie es Tage im Jahr gibt. Es bedarf einer langen und erfolgreichen Laufbahn, um zunächst korrespondierendes und später „wirkliches“ Mitglied zu werden. Zwar scheiden sich
gelegentlich über die Mitgliedschaft des einen oder des anderen Akademikers die Geister, doch hat die altehrwürdige Einrichtung einen beneidenswerten Ruf: Laut Umfragen ist sie die anerkannteste
Institution des Landes überhaupt.
Weniger ruhmreich hingegen präsentiert sich die Lage von
Wissenschaft und Forschung in Ungarn. Gegenwärtig wird lediglich ein Prozent des BIP für diese Zwecke aufgewendet. Das sind rund eine Milliarde Euro pro Jahr aus dem Staatshaushalt, bzw. vom
Privatsektor. Kein Wunder also, wenn die wissenschaftliche Elite das Land scharenweise verlässt, um Arbeitsplätze mit zeitgemäßer Infrastruktur sowie einer Bezahlung anzunehmen, die ihrem Talent
und ihrer Leistung angemessen ist.
Der neue Präsident der MTA, der Atomphysiker József Pálinkás,
möchte das in absehbarer Zeit verändern. Der Professor der Universität von Debrecen ist ein im In- und Ausland anerkannter Wissenschaftler mit einer zweijährigen Berufspraxis in den
Vereinigten Staaten. Nach der Wende auch politisch engagiert, gehörte er zunächst dem MDF und danach der gemäßigten Nachfolgepartei MDNP an. Seit 2000 ist er im Fidesz aktiv. Er stand
an der Spitze des Bildungsministeriums der Orbán-Regierung.
Wir sprachen mit József Pálinkás über die Lage der ungarischen
Wissenschaft sowie die Pläne des neuen MTA-Präsidiums, dem übrigens erstmals seit 178 Jahren auch eine Dame angehört.
Pálinkás kam im Mai über eine Kampfabstimmung auf seinen neuen
Posten, auf dem er den Neurobiologen Szilveszter E. Vizi ablöst. Das bedeutet, dass sich weder die (natur-)wissenschaftliche noch die politische Orientierung an der Akademiespitze verändern werden:
Auch Vizi galt als Sympathisant der Konservativen. Zwar ist die MTA offiziell unpolitisch, dennoch spielt im überpolitisierten Land die Neigung zum einen oder anderen der zwei großen politischen Lager
auch hier eine Rolle. Immerhin: Pálinkás hatte schon vor der Wahl angekündigt, dass er im Falle seiner Wahl seine politischen Ämter abgeben wird.
Mittlerweile hat er Premier Ferenc Gyurcsány und sämtliche
zuständigen Fachminister besucht. Wie wurde er empfangen?
Mehr Geld für Forschung und Entwicklung
„Korrekt und sachlich“, lautet die Antwort. Pálinkás hat sich das Ziel
gesetzt, dass die Ausgaben für Fotschung und Entwicklung von dem erwähnten einem Prozent des BIP auf 1,5 bis 1,6 Prozent jährlich steigen. In den vergangenen Jahren war die Tendenz ja eher sinkend.
Falls sich Pálinkás mit seinem Vorhaben durchsetzen kann, bedeutet dieser halbe Prozentpunkt mehr durchaus einen Unterschied.
Der neue Präsident hat kühne Pläne. Die Frage ist nur, ob er sie auch
zu verwirklichen vermag. Pálinkás möchte in der trotz weit verbreiteter Armut zuweilen sehr verschwenderischen Welt der ungarischen Wissenschaft Prioritäten setzen. So sollen diejenigen
Forschungsfelder besonders gefördert werden, auf denen die besten Erfolgsaussichten bestehen. Diese Zentren sollten „eine europäische Infrastruktur erhalten und ihre Mitarbeiter europäisch bezahlt
werden“. Dann könnte man auch die besten Kräfte aus dem Ausland für eine Arbeit in Ungarn interessieren sowie die weggegangenen ungarischen Kollegen zurückgewinnen. Über die Auswahl des Personals
dieser Zentren und über ihre Tätigkeit sollten neben der Akademie auch international zusammengesetzte Wissenschaftlergremien wachen.
Prof. Pálinkás weiß sehr wohl, dass die Umsetzung einer solchen
Reform Kritik und Widerstand hervorrufen wird. Aber er ist überzeugt: Vieles müsse anders als bisher gemacht werden. Er möchte beispielsweise erreichen, dass „the best and the brightest“
(die Besten und Intelligentesten) der jungen Wissenschaftlergenerationen an den Universitäten sowie in den Forschungsinstitutionen bleiben. Bedauerlicherweise ist das heute
nicht der Fall: Angesichts der viel besseren Verdienstmöglichkeiten wird die Mehrheit dieser Elite in die Privatwirtschaft abgeworben. Der
Präsident glaubt auch an positive Vorbilder. So sollten mit Hilfe gezielter PR-Arbeit die jungen „Stars“ der ungarischen Wissenschaft in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt werden.
World Science Forum – das „Budapester Davos“
Hoffentlich wir der neue MTA-Präsident auch mit seinem Vorhaben
erfolgreich sein, Wissenschaft als einen Schwerpunkt der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2011 durchzusetzen. Wichtige Vorarbeiten wurden schließlich bereits geleistet: So ging im
vergangenen Jahr das dritte World Science Forum in Budapest über die Bühne. Am weltgrößten Forum der Wissenschaftspolitik nehmen regelmäßig Hunderte namhafter Persönlichkeiten von allen
Kontinenten teil. Die – bislang durchaus Früchte tragenden – Bemühungen gehen dahin, dass sich aus dem Budapester Treffen einmal ein „wissenschaftliches Davos“ entwickelt.
-ai
(c) Pester Lloyd
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