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Ausgabe 18 / 2009
29. April - 5. Mai

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(c) Pester Lloyd /
Nr. 28 - 2008 POLITIK 07.07.2008
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Homosexuelle im Eierhagel

Massive Ausschreitungen beim zwölften „Gay Pride Day“ in Budapest

In London oder Berlin führten die jeweiligen Bürgermeister Aufmärsche von Schwulen und Lesben an. Alles verlief friedlich und freundlich. Eine andere Hauptstadt in der EU, Budapest, wo man den internationalen „Gay Pride Day“ seit 1997 begeht, bot ein völlig anderes Bild. Gleich vier Gegendemonstrationen stürzten sich auf die Homosexuellen. Und die Polizei erwies sich als unfähig, sie zu verteidigen.

Schon im Vorfeld war klar, dass mit erheblichen Spannungen zu rechnen sei. Im Vorjahr misshandelten rechte Rowdys Teilnehmer des Aufmarsches und machten Jagd auf sie. Im Licht dieser „Kampferfahrungen“ wurde in einschlägigen Internetforen zu Gegendemonstrationen aufgerufen. So schrieb das 2006 gegründete, rechtsradikale „Rendszerváltó Forum“ auf ihrer Internetseite: „Homosexualität ist eine Erfindung des Liberalismus und daher ist ein jeder zu verurteilen, der an der Demonstration teilnimmt. Nur gesunde und produktive Paarbeziehungen können ein starkes Ungarn garantieren.“

Bereits zu Beginn des Aufmarsches am Erzsébet tér wird klar, dass die Angst vor Anschlägen und Angriffe viele potentielle Teilnehmer abschreckte. Die Molotow-Cocktails, die vergangene Woche in einen von Schwulen besuchten Sauna-Club geworfen worden waren, trugen nicht unerheblich zur herrschenden Angst bei. Nahezu das gesamte Versammlungsgelände wurde weiträumig abgesperrt und das Erreichen des Demobereiches von nach Waffen suchenden Ordnern und Polizisten erschwert. Unter den rund 1.500 Demonstranten befanden sich weniger Homo- oder Bisexuelle als in den Jahren zuvor, dafür aber mehr Menschen, die sich aus Solidarität an dem Marsch beteiligen wollten.

Polizei erneut überfordert

Zunächst sprach der frühere Staatssekretär Gábor Szetey, dessen Coming Out vor einem Jahr unter ungarischen Politikern, unter Persönlichkeiten der Öffentlichkeit überhaupt bisher einmalig blieb. Er warnte nicht nur vor Homo-, sondern auch vor Xenophobie und Vorurteilen.

Die Demonstrationsroute führte über die Andrássy út und sollte am Hősök tere enden. Der Zug wurde durch Zäune und die Polizei geschützt. Dies hielt jedoch die feindlich gestimmten Zuschauer am Rande keineswegs davon ab, aggressiv gegen den Aufmarsch vorzugehen. Auf der ganzen Route wurde der Demonstrationszug mit Eiern, Tomaten, aber auch Knallkörpern beworfen. Einigen gelang es, in den Zug einzubrechen. So erinnerte die ganze Demonstration an eine Falle. Die Demonstranten eingepfercht in einer schmalen Gasse aus Zäunen und Sicherheitskräften, begafft, beschimpft und ohne jede Fluchtmöglichkeit. Die Gegendemonstranten und Zuschauer hinter den Zäunen verhielten sich fast wie Tiere, die wohl eher in einen Käfig gehört hätten. Nicht wenige von ihnen skandierten einschlägige schwulen- und lesbenfeindliche, auch antisemitische Parolen.

Am Kodály Körönd wurde der Marsch endgültig zum Stehen gebracht, da am Hősök tere die Straßenschlacht radikaler Rechter mit der Polizei in vollem Gange war. Die Polizei musste Rauchbomben und Wasserwerfer einsetzen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Dennoch konnten die 2.500 Polizisten die Lage erst nach mehreren Stunden stabilisieren.

Die Demo wurde in eine Nebenstraße umgeleitet und hinter der Műcsarnok in einen abgesperrten Bereich konzentriert. Allerdings besaß dieser nur einen Ausgang, der von den Rechten blockiert wurde. Erst nach einer Stunde gelang es der Polizei, die Teilnehmer der Demonstration in die zuvor geschlossene U-Bahn zu schleusen und Richtung Erzsébet tér zurückzudrängen. Konzert und Reden wurden aufgrund der desolaten Sicherheitssituation abgesagt.

Im Gespräch mit dem Besitzer der bekannten Szenebar „Capella Café“, Lászlo Birta, wird klar, wie sehr Homosexuelle unter der alltäglichen Diskriminierung leiden. Es fehle, so Birta, eine verantwortungsbewusste Aufklärung in Ungarn. Prüderie und wirtschaftliche Unzufriedenheit seien die Saat für eine intolerante und homosexuellenfeindliche Gesellschaft. Auch János, ein Arbeiter, betont, wie sehr sich die wirtschaftliche Situation Ungarns auf das Leben der Schwulen und Lesben auswirke. Sie seien Sündenböcke. Er weiß zu berichten, dass ein Coming out auf seiner Arbeitsstelle für ihn die Arbeitslosigkeit bedeuten würde.

Nicht nur Homosexuelle, sondern auch Juden, Roma oder chinesische Einwanderer werden hierzulande als Bedrohung empfunden. Ein vierzehnjähriger Junge meinte im Gespräch, dass es sich bei Homosexualität um eine „Degeneration des Gehirns“ handele und man die Schwulen und Lesben einfach nur umerziehen müsste. Doch nicht nur die jungen Menschen, auch Rentner oder Familienväter säumten den Wegesrand. Wo waren all die anderen Ungarn? Sind sie aus Angst vor Gewalt zu Hause geblieben oder fehlten sie etwa aus Desinteresse? 

Nelli Hajdu

(c) Pester Lloyd

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