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(c) Pester Lloyd / Nr. 40 - 2008 WIRTSCHAFT 26.09.2008 _______________________________________________________
Virtuell insolvent
Ungarn: Dumm gelaufen, statt schön geflogen - die MALÉV wird nach einer rabenschwarzen Woche endgültig zur flügellahmen Ente.
Im Flugverkehr ist, um bei den animalischen Gleichnissen zu bleiben,
momentan eindeutig der Wurm drin. Im Umkreis nur einer halben Flugstunde geht es derzeit drunter und drüber: die Alitalia-Flieger suchen praktisch schon
die Tiefgarage, SkyEurope brauchte kurzfristig einen (weiteren) Notkredit zur Überwinterung, so dass sie sich allmählich den Pinguin als Wappenvogel
anheften können, einen Vogel, der ja bekanntlich auch nicht ohne fremde Hilfe fliegt, dafür aber ausdauernd schwimmt.
Bei der AUA steckt der Schmerz schon im Namen, dort sucht man nach immer
neuen Verlustrekorden dringend nach einem Retter, der wohl in Form eines ungeliebten deutschen Kranichs über Land und Landebahnen kommen wird Und
nun flatterte einem - noch - satten Drittel der Malév-Piloten die Kündigung auf den Tisch, worauf selbiges Flattern auch die Mitarbeiter des Budapester
Flughafens erfasste, der den Löwenanteil seines Umsatzes mit der Malév, der ehemaligen nationalen Fluglinie Ungarns macht.
Ist das die Zukunft? Airport Budapest Ferihegy ohne Flugzeuge, Foto: Archiv
Lebenserhaltende Massnahmen eingeleitet
Für das Gesamtjahr avisierte Malév-Chef Peter Leonov einen Verlust von rund
55 Mio USD (meldet das Wirtschaftsmagazin Portfolio) und zog natürlich das teure Kerosin als Alleinschuldigen an den schon sehr abgegriffenen Haaren
herbei. Gleichzeitig erläuterte man, dass "ein financial deal" mit einer russischen Bank eingefädelt wurde, der mit 30 Mio EUR lebenserhaltende Massnahmen finanziert.
Eigentümer AirBridge hatte sich nicht nur an der Übernahme der defizitären
Airline, samt Investitionszusagen von 50 Mio EUR und Schuldentilgung bzw. Umschuldung von weiteren 13 Mrd. HUF überhoben, sondern auch selbst im
August mit der KrasAir eine Fastpleite hingelegt als man Kerosinrechnungen nicht mehr beglich, daher Maschinen am Boden liess, dafür aber seine
Passagiere nicht zu den sondern auf die Palmen trieb. Für beide Airlines gilt das schön-schreckliche Wort der "virtuellen Insolvenz". D.h. man hängt am
Tropf der Finanz, kann aus eigener Kraft nicht mehr überleben: dumm gelaufen, statt schön geflogen.
Bei der Privatisierung übergaben die zu
einer Umstrukturierung unfähigen ungarischen Manager die Geschäfte in die Hände hazardierender russischer Manager eines etwas seltsamen Konstruktes namens AirBridge/KrasAir des
Oligarchenbrüderchens Boris Abramowitsch (Foto links), der wiederum mit anderen in der AirUnion die Lufthoheit über Rußland und das östliche Europa sowie Vorderasien erobern
will. Anstatt der versprochenen neuen strategischen Ausrichtung als Brücke zwischen GUS und CEE, könnten die Querelen der Aktionäre und ihrer Partner
wie Financiers nun sowohl die Existenz der Malév wie auch die des Flughafens Budapest ernsthaft gefährden.
Hazadeure und Geschiebe
Boris Abramowitsch verlor nämlich kürzlich wegen der Zahlungsschwierigkeiten die Aktienmehrheit der
AirUnion. Ein Staatsbetrieb namens Rostechnology stopfte das Loch und kaufte sich in die Gruppe aus fünf Airlines ein und will weitere fünf Linien dazukaufen. Niemand kann oder will momentan
wirklich einschätzen, welche Rolle die Malév in diesem Geschiebe spielen soll oder wird, Fakt ist jedoch, dass vergangene Woche 100 der 300 Piloten ihre
Vorabkündigung erhielten, wie die Népszabadság weiß. (Darunter allerdings auch einige Karteileichen, die seit Jahren an andere Linien ausgeliehen wurden.)
Schon im August 2007 reduzierte man das Bodenpersonal um 25%.
Die Pilotengewerkschaft Hunalpa warf dem
Management, wohl nicht ganz unberechtigt, Dilletantismus und zahlreiche Fehler vor, darunter die unsinnige Einstellung profitabler Langstreckenflüge,
und forderte das Management zur Suche nach einem seriösen Investor auf. Angeblich stünde schon ein Araber mit dicker Brieftasche bereit. Der
Weiterverkauf der Malév als Ganzes ist zwar nur mit Zustimmung der ungarischen Regierung möglich, das gilt aber nicht für Aktien, die im Besitz des Unternehmens selbst sind. Daher ist die
regierungsseitge Ankündigung, dass "wir unsere Rechte wahrnehmen werden, wenn der Investor seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkommt.", eher symbolisches Getöse.
Aus Rußland hört man nämlich, dass AirBridge
eventuell das Loch bei der AirUnion stopfen muss, sollte sich die illustre Investorenrunde auf die Abramowitschs als Verursacher der Miesen einschiessen. Dann könnte auch die
Malév Teil eines Kompensationspaketes sein, dass als Verschiebemasse für diverse Transaktionen unter die Räder von Spekulanten und nicht in die Hände von fachkundigen Investoren gerät.
Naturschutzpark Ferihegy mit angeschlossenem Technikmuseum?
Die Zukunft der Fluglinie ist also völlig offen und vorbei ist es auch vorerst mit
den Tagträumen des Budapest Airport vom CEE-Drehkreuz. Irgendwie passt zu all dem Kuddelmuddel die Meldung, dass in- und ausländische Investoren die
Errichtung eines zweiten internationalen Flughafens nur 60 km von Budapest (bei Székesfehérvár) beginnen. Für mehr als 100 Mio EUR soll dort schon ab
2010 der Alba-Airport für den Flugverkehr geöffnet werden, vornehmlich Charterflüge zu Touristenzielen, aber auch Citydestinationen sollen "als
Alternative zu Ferihegy" angeboten werden.
Wenn, wie gemeldet, die Cargoflieger ab 2012 auf Szombathely ausweichen
können und die Langstreckler per kostenlosem Shuttle nach Wien oder Bratislava schaukeln, steht der Einrichtung eines Naturschutzparks Ferihegy
mit integriertem Technikmuseum nichts mehr im Wege. Dort kann dann der Turul, jener sagenhafte Urvogel, der den Ungarn einst den Weg in Land und
Zukunft wies, völlig ungestört seine Kreise ziehen, - vorausgesetzt die Futter- sind bis dahin nicht so hoch wie die Kerosinpreise.
Marco Schicker
(c) Pester Lloyd
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