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(c) Pester Lloyd / Nr. 39 - 2008 FEUILLETON 24.09.2008 _______________________________________________________
ZUM 100. TODESTAG UND 180. GEBURTSTAG VON MAX FALK
Für König, Volk und/oder Vaterland?
Max Falk, dem langjährigen Chefredakteur des Pester Lloyd, gelang ein imposanter publizistischer Spagat: Er wurde als Ungar, Deutscher und
Jude angefeindet und brachte alles schreibend unter einen Hut. - Falks Beispiel sollte sich das heutige Ungarn mit dicker Druckerschwärze hinter die Ohren schreiben.
„...das Verhältnis der ungarischen
Nation zu ihrer Dynastie und speziell zu ihrem König ist ein so eigenthümliches, daß wir es begreiflich finden, wenn dasselbe außerhalb unserer Landesgrenzen nirgends verstanden
wird. ... Für ein Königthum „von Gottes Gnaden“ hat unsere Nation allerdings kein Verständnis und jene spanische Etiquette, welche den König als ein unnahbares höheres Wesen jeder
Berührung mit dem frisch pulsierenden Volksleben entzieht, ist in Ungarn nie heimisch geworden und wird es nie werden.“
Der Kaiser hat seine inneren Regungen mit Heroismus niedergekämpft
Mit diesen Worten beginnt der Chefredakteur des PESTER LLOYD 1893 die
Schilderung der Sommerfrische des Königspaares Franz Joseph und Elisabeth in Ungarn. Da er als einstiger Vertrauter Sisis befangener war als einem liberalen
Journalisten in Pest damals gut zu Gesichte stand, lieferte er eine umfassende Begründung, warum der jetzige der erste gute König für Ungarn sei:
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Max Falk
/ Falk Miksa wurde am 7. Oktober 1828 in Pest geboren. Er entstammt einer ungarisch-jüdischen Kaufmannsfamilie, studierte zunächst Philosophie sowie Recht und veröffentlichte schon in jungen Jahren Artikel in ungarischen Zeitungen.
Ab Mitte der vierziger Jahre bis 1867 lebte Falk überwiegend in Wien, arbeitete bei der Sparkasse,
als Redakteur beim „Wanderer“, der „Österreichischen Zeitung“, Korrespondent des „Pesti Napló“ und als Literaturübersetzer. Die Revolution 1848 erlebte er in Budapest mit.
Seine Kontakte in ungarische Adelskreise verhalfen ihm später zu einer persönlichen Bekanntschaft als
Gesellschafter bei Kaiserin Elisabeth, was vom höfischen Überwachungsapparat mit Bespitzelungen und Beschlagnahmungen von Schriftstücken quittiert wurde.
Zwischen 1850 und 1860 war Falk enger Vertrauter des kranken Graf Széchenyi, den er regelmäßig in der
Döblinger Klinik besuchte.
1867 wurde Max Falk auf Betreiben von Graf Julius Andrássy von der Pester Lloyd Gesellschaft zum
Chefredakteur gewählt. Die Funktion hatte er bis 1905 inne. In seiner Zeit formte er den PESTER LLOYD (Sitz war der Lloyd Palast am heutigen Roosevelt tér) zu einer weltweit
anerkannten Qualitätszeitung.
Seit 1875 war Falk Oberhausabgeordneter, leitete den Journalistenverband und richtete erstmals eine
Sozialkasse für Journalisten ein.
Er starb am 10. September 1908 in Budapest, wo heute eine Straße im V. Bezirk nach ihm benannt ist.
Dort befand sich auch jahrelang die Redaktion des 1994 wiedergegründeten PESTER LLOYD. Max Falk ist der Urgroßvater des als „Columbo“ bekannten amerikanischen Schauspielers
Peter Falk.
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Er unterscheidet das Rechtsverhältnis, das sich auf den Ausgleich von 1867 als „weitere
Ausgestaltung“ der „pragmatischen Sanktion“ von 1723 gründet, von dem Gefühlsverhältnis, das „je nach der Individualität Desjenigen, der die Krone des heiligen Stefan auf seinem
Haupte trägt, mehrfache Gradationen zulässt...“ Er schließt sich einerseits den mehrfachen Aussprüchen Stefan Széchenyis an, der von der „Verstandesehe“ sprach, fügt
aber hinzu, „...daß sich zu diesen Eingebungen der Vernunft allmälig auch mächtige Regungen des Herzens gesellen“ könnten.
Kaiser Franz Josef I. sei seit 370 Jahren der
erste, der nie mit den „geschriebenen Satzungen oder den ungeschriebenen Postulaten der Verfassung in Widerspruch gerathen“ ist. Leicht ist ihm das nicht
gefallen, immerhin habe er „die Regungen in seinem Innern mit Heroismus niedergekämpft“, was ja bedeutet, dass es sehr wohl Aversionen gegen eine gerechte
Behandlung der ungarischen Sache zu geben schien. „Bei Kaiser und König Franz Josef steht jedoch der Mensch mit dem Herrscher auf gleicher Höhe“ und zurecht gebühre ihm
der Beiname „der Ritterliche“, wie man auch die ungarische Nation als „ritterliche“ bezeichne.
Über Falk gibt es im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien eine meterhohe „Stasiakte“
Die vielen liebevollen Beschreibungen der
Mildtätigkeiten Elisabeths („diesem tausend- und tausendfach gesegneten Schutzengel der Armen und Leidenden“) mögen noch mit einer schwärmerischen Verliebtheit Falks
erklärbar, die unbedingte Hingabe an die Monarchie muss aber auch taktischen Überlegungen geschuldet sein.
Falk hatte immerhin mit den Kerkern
Metternichs einige Bekanntschaft geschlossen, seine Briefwechsel mit „gewissen revolutionären Elementen“ wurden polizeilich beschlagnahmt, seine Wohnung regelmäßig
durchsucht und im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien gibt es eine meterhohe „Stasiakte“ über den Journalisten, der sein Leben lang zwischen Wien und Budapest pendelte.
Die Nähe zur Königin beruht auf zahlreichen
Treffen vor 1867, einer Zeit also, in welcher der Status zwischen dem restaurierten Österreich und dem noch immer in postrevolutionärer Verzagtheit schmollenden
Ungarn erst in zähen Verhandlungen geklärt werden musste. Falk brachte verbotene Literatur aus Ungarn und war stiller Bote von Briefen mitunter nicht nur politisch
korrumpierenden Inhalts. Die Kaiserin umgab sich gern mit solcherlei, allein schon, um die Hofcamarilla zu ärgern und lohnte ihm das Abenteuer mit dem Zauber ihrer Anwesenheit.
Emanzipation oder Public Relation?
Falk gehörte zur Deák-Partei, einer großbürgerlich bis aristokratischen Gruppe
von Konservativ-Liberalen, die vor allem an Besitzstandswahrung im Innern und klaren Verhältnissen nach außen interessiert waren, statt – wie die Kossuth-Jünger,
deren Anführer im Exil war – an wirklicher nationaler Unabhängigkeit. Sein Freund István Széchenyi, den er als einer der
letzten regelmäßig im Döblinger Santorium besuchte, bestärkte ihn darin und machte ihn zum Oberhausabgeordneten.
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Der spätere k+k-Außenminsiter Graf Andrássy sorgte dafür, dass Falk den PESTER LLOYD leiten und zum
führenden Sprachrohr ungarischer Interessen in Österreich, später zu einer der angesehensten Zeitungen Mitteleuropas, ausbauen konnte. Handelt es sich bei den zahlreichen Lobeshymnen, dem
„Krönungsalbum“ und allerlei schmeichelnden Artikelchen also um Public-Relations-Produkte eines Journalisten, dem aufgrund persönlicher Kontakte die kritische Distanz abhanden gekommen war?
Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen,
dass Falk, so wie eigentlich die meisten deutschsprachigen Journalisten Pests, Jude war. Diese waren stets verdächtig, nicht Ungarisch oder nicht Österreichisch genug zu sein. Den
Österreichern, vor allem Innenminister Bach, war er ohnehin zu ungarisch, da konnte der Eindruck, der einstige Revoluzzer habe sich bekehrt, nicht
schaden. Falk ergriff Partei für „sein“ Ungarn, ein Ungarn des Ausgleichs mit der Monarchie. Unbestritten begab sich seine Zeitung, zumindest im
politischen Teil damit oft an den Rand des Offizösen, die weltläufige Unabhängigkeit gelang erst der nachfolgenden Generation.
Falks Beispiel sollte sich das heutige Ungarn mit dicker Druckerschwärze hinter die Ohren schreiben
Ein Jahr nach Falks Tod schrieb 1909 der Präsident
der Ungarischen Akademie der Künste, Edmund Gerö, in einem Nachruf aufklärende Worte über dieses ambivalente Verhalten Max Falks, die unterschwellig die Schande der immer wieder
geforderten Legitimierung der Juden als „echte Ungarn“ anprangern und sich gleichzeitig gegen eine damals fast monströse Magyarisierungswelle stemmten, der unter anderem der Deutschunterricht
und das Deutsche auf ungarischen Bühnen zum Opfer fiel.
Gerö schreibt: „Die Lehren seines Lebens sind schätzenswert für alle, die die
Überzeugung hegen, daß die beste, die einzige Art und Weise, den Wert des Ungarntums zu vermehren, darin besteht, daß wir es von den
Voreingenommenheiten, den Vorurteilen befreien, die sich darüber angesetzt und kristallisiert haben. – Nationen und Kulturen (...) werden reicher, so oft
sie eine Voreingenommenheit abschütteln.“ Das sollte sich das heutige Ungarn mit dicker Druckerschwärze hinter die Ohren schreiben. „Die der Pflege der
ungarischen Kraft ergebene Denkweise muß es bekennen, daß jeder ein Ungar ist, der ein Ungar sein will, und daß die besten Ungarn jene sind, die mit aller
Energie der ungarischen Nation dienen. Darum wurde Max Falk der Erste unter den ungarischen Journalisten genannt...“
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Marco Schicker
(c) Pester Lloyd
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