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Ausgabe 18 / 2009
29. April - 5. Mai

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(c) Pester Lloyd / Nr. 39 - 2008 FEUILLETON 24.09.2008
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ZUM 100. TODESTAG UND 180. GEBURTSTAG VON MAX FALK

Für König, Volk und/oder Vaterland?

Max Falk, dem langjährigen Chefredakteur des Pester Lloyd, gelang ein imposanter publizistischer Spagat: Er wurde als Ungar, Deutscher und Jude angefeindet und brachte alles schreibend unter einen Hut. - Falks Beispiel sollte sich das heutige Ungarn mit dicker Druckerschwärze hinter die Ohren schreiben.

„...das Verhältnis der ungarischen Nation zu ihrer Dynastie und speziell zu ihrem König ist ein so eigenthümliches, daß wir es begreiflich finden, wenn dasselbe außerhalb unserer Landesgrenzen nirgends verstanden wird. ... Für ein Königthum „von Gottes Gnaden“ hat unsere Nation allerdings kein Verständnis und jene spanische Etiquette, welche den König als ein unnahbares höheres Wesen jeder Berührung mit dem frisch pulsierenden Volksleben entzieht, ist in Ungarn nie heimisch geworden und wird es nie werden.“

Der Kaiser hat seine inneren Regungen mit Heroismus niedergekämpft

Mit diesen Worten beginnt der Chefredakteur des PESTER LLOYD 1893 die Schilderung der Sommerfrische des Königspaares Franz Joseph und Elisabeth in Ungarn. Da er als einstiger Vertrauter Sisis befangener war als einem liberalen Journalisten in Pest damals gut zu Gesichte stand, lieferte er eine umfassende Begründung, warum der jetzige der erste gute König für Ungarn sei:

Max Falk / Falk Miksa wurde am 7. Oktober 1828 in Pest geboren. Er entstammt einer ungarisch-jüdischen Kaufmannsfamilie, studierte zunächst Philosophie sowie Recht und veröffentlichte schon in jungen Jahren Artikel in ungarischen Zeitungen.

Ab Mitte der vierziger Jahre bis 1867 lebte Falk überwiegend in Wien, arbeitete bei der Sparkasse, als Redakteur beim „Wanderer“, der „Österreichischen Zeitung“, Korrespondent des „Pesti Napló“ und als Literaturübersetzer. Die Revolution 1848 erlebte er in Budapest mit.

Seine Kontakte in ungarische Adelskreise verhalfen ihm später zu einer persönlichen Bekanntschaft als Gesellschafter bei Kaiserin Elisabeth, was vom höfischen Überwachungsapparat mit Bespitzelungen und Beschlagnahmungen von Schriftstücken quittiert wurde.

Zwischen 1850 und 1860 war Falk enger Vertrauter des kranken Graf Széchenyi, den er regelmäßig in der Döblinger Klinik besuchte.

1867 wurde Max Falk auf Betreiben von Graf Julius Andrássy von der Pester Lloyd Gesellschaft zum Chefredakteur gewählt. Die Funktion hatte er bis 1905 inne. In seiner Zeit formte er den PESTER LLOYD (Sitz war der Lloyd Palast am heutigen Roosevelt tér) zu einer weltweit anerkannten Qualitätszeitung.

Seit 1875 war Falk Oberhausabgeordneter, leitete den Journalistenverband und richtete erstmals eine Sozialkasse für Journalisten ein.

Er starb am 10. September 1908 in Budapest, wo heute eine Straße im V. Bezirk nach ihm benannt ist. Dort befand sich auch jahrelang die Redaktion des 1994 wiedergegründeten PESTER LLOYD. Max Falk ist der Urgroßvater des als „Columbo“ bekannten amerikanischen Schauspielers Peter Falk.

Er unterscheidet das Rechtsverhältnis, das sich auf den Ausgleich von 1867 als „weitere Ausgestaltung“ der „pragmatischen Sanktion“ von 1723 gründet, von dem Gefühlsverhältnis, das „je nach der Individualität Desjenigen, der die Krone des heiligen Stefan auf seinem Haupte trägt, mehrfache Gradationen zulässt...“ Er schließt sich einerseits den mehrfachen Aussprüchen Stefan Széchenyis an, der von der „Verstandesehe“ sprach, fügt aber hinzu, „...daß sich zu diesen Eingebungen der Vernunft allmälig auch mächtige Regungen des Herzens gesellen“ könnten.

Kaiser Franz Josef I. sei seit 370 Jahren der erste, der nie mit den „geschriebenen Satzungen oder den ungeschriebenen Postulaten der Verfassung in Widerspruch gerathen“ ist. Leicht ist ihm das nicht gefallen, immerhin habe er „die Regungen in seinem Innern mit Heroismus niedergekämpft“, was ja bedeutet, dass es sehr wohl Aversionen gegen eine gerechte Behandlung der ungarischen Sache zu geben schien. „Bei Kaiser und König Franz Josef steht jedoch der Mensch mit dem Herrscher auf gleicher Höhe“ und zurecht gebühre ihm der Beiname „der Ritterliche“, wie man auch die ungarische Nation als „ritterliche“ bezeichne.

Über Falk gibt es im Haus-, Hof- und Staatsarchiv
in Wien eine meterhohe „Stasiakte“

Die vielen liebevollen Beschreibungen der Mildtätigkeiten Elisabeths („diesem tausend- und tausendfach gesegneten Schutzengel der Armen und Leidenden“) mögen noch mit einer schwärmerischen Verliebtheit Falks erklärbar, die unbedingte Hingabe an die Monarchie muss aber auch taktischen Überlegungen geschuldet sein.

Falk hatte immerhin mit den Kerkern Metternichs einige Bekanntschaft geschlossen, seine Briefwechsel mit „gewissen revolutionären Elementen“ wurden polizeilich beschlagnahmt, seine Wohnung regelmäßig durchsucht und im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien gibt es eine meterhohe „Stasiakte“ über den Journalisten, der sein Leben lang zwischen Wien und Budapest pendelte.

Die Nähe zur Königin beruht auf zahlreichen Treffen vor 1867, einer Zeit also, in welcher der Status zwischen dem restaurierten Österreich und dem noch immer in postrevolutionärer Verzagtheit schmollenden Ungarn erst in zähen Verhandlungen geklärt werden musste. Falk brachte verbotene Literatur aus Ungarn und war stiller Bote von Briefen mitunter nicht nur politisch korrumpierenden Inhalts. Die Kaiserin umgab sich gern mit solcherlei, allein schon, um die Hofcamarilla zu ärgern und lohnte ihm das Abenteuer mit dem Zauber ihrer Anwesenheit.

Emanzipation oder Public Relation?

Falk gehörte zur Deák-Partei, einer großbürgerlich bis aristokratischen Gruppe von Konservativ-Liberalen, die vor allem an Besitzstandswahrung im Innern und klaren Verhältnissen nach außen interessiert waren, statt – wie die Kossuth-Jünger, deren Anführer im Exil war – an wirklicher nationaler Unabhängigkeit. Sein Freund István Széchenyi, den er als einer der letzten regelmäßig im Döblinger Santorium besuchte, bestärkte ihn darin und machte ihn zum Oberhausabgeordneten.

Buchtipps zum Thema:
Zukunftsland
Die europäische Ideenwerkstatt Pester Lloyd 1866 - 1938. erscheint Ende 2008, Vorbestellung möglich

 

Das blieb vom Doppeladler
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Österreich-Ungarn
Das Habsburgerreich von 1867 bis 1918

 

Sisi und ihre Männer
2008. 238 S.

 

Der spätere k+k-Außenminsiter Graf Andrássy sorgte dafür, dass Falk den PESTER LLOYD leiten und zum führenden Sprachrohr ungarischer Interessen in Österreich, später zu einer der angesehensten Zeitungen Mitteleuropas, ausbauen konnte. Handelt es sich bei den zahlreichen Lobeshymnen, dem „Krönungsalbum“ und allerlei schmeichelnden Artikelchen also um Public-Relations-Produkte eines Journalisten, dem aufgrund persönlicher Kontakte die kritische Distanz abhanden gekommen war?

Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Falk, so wie eigentlich die meisten deutschsprachigen Journalisten Pests, Jude war. Diese waren stets verdächtig, nicht Ungarisch oder nicht Österreichisch genug zu sein. Den Österreichern, vor allem Innenminister Bach, war er ohnehin zu ungarisch, da konnte der Eindruck, der einstige Revoluzzer habe sich bekehrt, nicht schaden. Falk ergriff Partei für „sein“ Ungarn, ein Ungarn des Ausgleichs mit der Monarchie. Unbestritten begab sich seine Zeitung, zumindest im politischen Teil damit oft an den Rand des Offizösen, die weltläufige Unabhängigkeit gelang erst der nachfolgenden Generation.

Falks Beispiel sollte sich das heutige Ungarn mit dicker Druckerschwärze hinter die Ohren schreiben

Ein Jahr nach Falks Tod schrieb 1909 der Präsident der Ungarischen Akademie der Künste, Edmund Gerö, in einem Nachruf aufklärende Worte über dieses ambivalente Verhalten Max Falks, die unterschwellig die Schande der immer wieder geforderten Legitimierung der Juden als „echte Ungarn“ anprangern und sich gleichzeitig gegen eine damals fast monströse Magyarisierungswelle stemmten, der unter anderem der Deutschunterricht und das Deutsche auf ungarischen Bühnen zum Opfer fiel.

Gerö schreibt: „Die Lehren seines Lebens sind schätzenswert für alle, die die Überzeugung hegen, daß die beste, die einzige Art und Weise, den Wert des Ungarntums zu vermehren, darin besteht, daß wir es von den Voreingenommenheiten, den Vorurteilen befreien, die sich darüber angesetzt und kristallisiert haben. – Nationen und Kulturen (...) werden reicher, so oft sie eine Voreingenommenheit abschütteln.“ Das sollte sich das heutige Ungarn mit dicker Druckerschwärze hinter die Ohren schreiben. „Die der Pflege der ungarischen Kraft ergebene Denkweise muß es bekennen, daß jeder ein Ungar ist, der ein Ungar sein will, und daß die besten Ungarn jene sind, die mit aller Energie der ungarischen Nation dienen. Darum wurde Max Falk der Erste unter den ungarischen Journalisten genannt...“

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Marco Schicker

(c) Pester Lloyd
 

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