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Ausgabe 18 / 2009
29. April - 5. Mai

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(c) Pester Lloyd / Nr. 48 - 2008 GESELLSCHAFT 22.11.2008
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Mafiamorde oder beginnende Pogrome?

Vier ermordete Roma in Ungarn innerhalb von zwei Wochen. Vertreter der größten Minderheit und die Polizei streiten über die Motive.

Zwei Eheleute starben vergangene Woche in Pécs, als in das Haus der Romafamilie mitten in der Nacht eine Handgrante geschleudert wurde. Bereits am 3. November starben zwei Roma in Ostungarn im Gewehrfeuer, nachdem sie mit Brandbomben attackiert wurden. Die Polizei spricht von Szenen organisierter Kriminalität, doch Romavertreter sehen den Anfang von Pogromen aus rassistischen Motiven.

Die drei Kinder des Paares kamen mit leichten Verletzungen und einem Schock fürs Leben davon, sie leben vorerst bei Verwandten. Romaverbände forderten die sofortige umfassende Polizeiaufklärung. Diese wiederum verwarf - schneller als logisch und vernünftig - jeden Hinweis auf einen rassistischen Hintergrund, verortete das Verbrechen in der organisierten Kriminalität und sprach von einem typischen Mafia-Rachemord.

Auf einer Pressekonferenz führte die Führung des Romarates an, dass die Polizei noch vor Abschluss der Untersuchungen bereits das Urteil über den Hergang und die Hintergründe der Verbrechen gesprochen habe. "Die Polizei kann rassistische Motive nicht ausschließen", beharren die Vertreter der größten ethnischen Minderheit Ungarns. Es fällt doch auf, dass in letzter Zeit jedes mal Roma zu den Opfern solcher Gewalttaten zählen. István Kosztics, Regionalvertreter der Minderheit, widersprach dem Verdacht der Polizei, das Opfer wäre in Kreditbetrügereien und Prostitutionsgeschichten verstrickt gewesen mit dem etwas dünnen Hinweis darauf, dass er sich die Wohnung und Lebensumstände der Opfer angeschaut hätte und er eine solche Verstrickung daher für unwahrscheinlich halte.

Der Ombudsmann für Minderheiten beim Parlament, Ernö Kallai, äußerste sich nach einer Krisensitzung mit Romavertretern vorsichtig skeptisch und sagte, daß "die Romagemeinschaft adäquaten Schutz von der staatlichen Autorität erwarte". Kallai empfahl der Polizei die Einrichtung einer Sondereinheit bzw. -kommission, die sich mit Verbrechen gegen die Roma beschäftigen solle. Man solle bei den Ermittlungen besonders sensibel und gründlich nach rassistischen Motiven suchen, ergänzte er.

Es gibt ein Romaproblem - ein selbstgemachtes

Seit der Gründung der rechtsextremen "Magyar Gárda" hat sich die Stimmung gegen die rund 7% der Einwohner ausmachende Volksgruppe in Ungarn stark verschärft. Die mit faschistischen Sprüchen und Symbolen agierende "Garde" marschierte mehrfach provokant durch von Roma stark bewohnte Orte und fordert ein "sauberes Ungarn". Der politische Arm der Garde bewirbt sich im nächsten Jahr um Sitze im EU-Parlament. Ressentiments sind aber auch in intellektuell anspruchsvolleren Schichten weit verbreitet. Das Bild vom stehlenden, ungepflegten Menschen niederer Entwicklung überwiegt.

Die offizielle Politik behauptete in der älteren Geschichte zwar immer eine weitergehende Toleranz als andere europäische Staaten, aber noch vor knapp einhundert Jahren sollten per Gesetzesbeschluss Roma körperlich gebrandmarkt und ihnen die Pferde weggenommen werden, um sie zur Seßhaftigkeit zu zwingen. In den neunziger Jahren gründeten zahlreiche Elterninitiativen Schulstiftungen, um die Einschulung von Romaschülern in die Schulen ihrer Kinder zu verhindern. Bürgermeister zahlten den Clanchefs "Wegziehprämien". Es gibt zwar einige, vornehmlich von der EU finanzierte Ausbildungsprogramme, doch von einer realitätsnahen Lösung des Roma-Problems, dass durch Jahrhunderte der Stigmatisierung und Ausgrenzung tatsächlich zu einem sozialen Problem geworden ist, ist man - nicht nur in Ungarn - weit entfernt.

Einer der Tatorte, Pécs, wird 2010, neben Essen, die europäische Kulturhauptstadt sein. Die Stadt erhielt den Zuschlag vor allem wegen ihrer angeblichen Multikulturalität, ihrer Grenzlage zwischen rumänischen, serbischen Einflüssen und ihrer bunten, osmanisch und deutsch und eben auch von den Roma geprägten Geschichte. Vielleicht eine Anregung für die Programmgestalter, die Schwerpunkte der Kulturveranstaltungen nochmals zu überdenken.

M. Schicker

 

(c) Pester Lloyd

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