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(c) Pester Lloyd / Nr. 06 - 2009 POLITIK 01.02.2009 _______________________________________________________
Die Roma sind an allem Schuld...
Polizeichef von Miskolc ab- und wieder eingesetzt
Der ungarische Justizminister hat den Polizeichef der zweitgrößten Stadt des Landes, Miskolc, wegen rassistischer Äußerungen abgesetzt und ihn, nach
Protesten von Parteien, auch seiner eigenen, der Polizeiführung und Bürgern, einen Tag später wieder eingesetzt. Die Kontroverse bleibt: sprach
der Mann einfach die Wahrheit aus oder blies er ins rassistische Horn der "Ungarischen Garde" & Co.?
Álbert Pásztor sagte am Freitag öffentlich, dass alle Einbrüche von Dezember und
Januar von Zigeunern verübt worden seien. Justizminister Tibor Draskovics suspendierte den Mann daraufhin, da sich Pasztór mit seiner Äußerung als
Vertreter des Staates unwürdig verhalten habe, der Schritt sei daher eine moralische Entscheidung. Der Beamte sollte an eine andere Dienststelle versetzt,
gleichzeitig werden disziplinarische Ermittlungen eingeleitet.
Am Sonntag wurde der Polizeichef vom
gleichen Minister wieder auf seinen Posten zurückbeordert. Der Landespolizeichef begründete die Maßnahme damit, dass Páztors Statement zu den Roma "keine
persönlichen Rechte" beeinträchtigt. Daher habe er den Minister um Rücknahme der Suspendierung gebeten, dieser habe zugestimmt. Gleichzeitig mahnte der
Polizeibeamte, dass solche Äußerungen den Verdacht der Verallgemeinerung begünstigen könnten, daher habe so etwas zukünftig zu unterbleiben.
Abb: Der “ausgezeichnete” Polizeichef Àlbert Pasztór, Foto: Innenministerium
Auch die regionale Parteigruppe der oppositionellen Fidesz-KDNP rief den
Justizminister zur Rücknahme der Suspendierung auf und begründete dies damit, dass Pasztór "hochqualitative Arbeit geleistet habe, die sowohl von Fachleuten
wie vom Volk anerkannt sei." Auch der Bürgermeister von Miskolc, Sándor Káli, einer der wenigen verbliebenen Regionalgrößen der regierenden Sozialisten,
erklärte sich mit der Maßnahme des Justizministers nicht einverstanden und sagte, dass er "weiter volles Vertrauen in den Polizeichef" habe. Am Sonntag
demonstrierten etwa 1.500 Menschen in Miskolc für den Verbleib von Pásztor auf seinem Posten, an der auch der Bürgermeister teilnehmen wollte. "Die ganze
Romaproblematik ist keine spezielle Angelegenheit von Miskolc, sondern hat sich zu einer Schicksalsfrage für Nord- und Südostungarn entwickelt.", fügte der
MSZP-Politiker hinzu. Der Polizeichef habe nur Fakten benannt und sollte besser unterstützt als abgelöst werden.
Hintergrund:
In Ungarn leben geschätzt bis zu 800.000 Angehörige der Roma, sie bilden daher
die größte ethnische Minderheit des Landes. Vor der Wende mit Hilfsarbeit beschäftigt, dann schnell arbeitslos, ist ihre soziale Integration in den meisten
Fällen völlig misslungen, von einem Großteil der "magyarischen" Bevölkerung auch nicht erwünscht und von der traditionellen Clanlebensweise vieler - mit ihren
“eigenen” Regeln - oft auch schwer behindert. Die Ausgrenzung führte über die Jahrhunderte zu weitgehender Asozialisierung, die sich in schlechten
Bildungschancen (und -zugang) und dadurch bedingt hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität manifestiert. Staatliche Programme halfen bisher nur wenig und
blieben Vorzeigeprojekte für Schönwetterberichte. Individuelle Förderung sorgte hingegen eher von einer Abkehr der Geförderten von ihrer Volksgruppe. Die
rechtsextreme "Ungarische Garde", der militante Arm der Jobbik-Partei, hat die Bekämpfung der "Zigeunerkriminalität" als ihr politisches Aushängeschild
aufgenommen und damit die latent ablehnende Haltung der Bevölkerung instrumentalisiert. Immer wieder machen pauschale Werturteile - auch von
Offiziellen und "Intellektuellen" - über die gesamte Ethnie, die fest verwurzelten Vorurteile über, aber auch das bestehende Problem mit den Roma in Ungarn
deutlich, zu dessen Lösung bisher keine Partei ein profundes Programm vorzuweisen hat, geschweige denn besonderen Willen zum anpacken zeigte, da
sich “Romafreundlichkeit” auf den Wahlzetteln eher nicht auszahlt.
(PL/MS)
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Weitere Beiträge zu diesem Thema:
Im Pester Lloyd vor 100 Jahren:
Zigeunerstempeln Brepohl vs. Bársony: Eine Debatte von gestern und heute
...man möchte doch den Zigeunern alle Wagen und Pferde
abnehmen, um sie dadurch zum Aufgeben des Nomadenlebens zu zwingen. Auch sollen ihnen alle Waffen und Messer abgenommen werden, ferner solle man jedem
Zigeuner an einem sichtbaren Teile des Körpers eine Nummer abstempeln, um so eine Kontrolle derselben zu ermöglichen...
Zum Beitrag
Europas unbekannte Minderheit Viele Initiativen für Roma in Ungarn - doch von Ergebnissen redet man noch nicht
„Roma“, „Zigeuner“, „Gypsies“, „Cigány“ – die
Angehörigen der unter solchen Sammelbegriffen bekannten Großgruppe sind in jüngerer Vergangenheit insbesondere durch Medienberichte über Verarmung und
unmenschliche Lebensbedingungen in Südosteuropa in den Blickpunkt der westlichen Öffentlichkeit geraten.
ZUM BEITRAG
(c) Pester Lloyd
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