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Ausgabe 18 / 2009
29. April - 5. Mai

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(c) Pester Lloyd / 07 - 2009 FEUILLETON 12.02.2009
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Vor 100 Jahren im PESTER LLOYD:

Felix Mendelssohn-Bartholdy
Zum hundertsten Geburtstag

Von Dr. S. Márcus

Über Mendelssohns Bedeutung gehen die Ansichten auseinander. Indes eine Menge Kunstverständiger in ihm einen genialen Nachfolger unserer Klassiker erblicken, der zu diesen in einem Verhältnis steht, wie etwa Heine und Kleist zu Goethe und Schiller, wollen ihn andere mit Richard Wagner an der Spitze nur als Formalkünstler gelten lassen.

Wohl gibt Wagner zu, daß Mendeslsohn „von der Natur mit einer spezifischen Begabung ausgestattet war, wie wenige Musiker überhaupt vor ihm“, daß er ein Mensch „von reichster spezifischer Talentfülle“ sei, der „die feinste und mannigfaltigste Bildung, das gesteigertste, zartempfindende Ehrgefühl“ besitzt; dennoch vermag er in seinen Kompositionen nichts als eine „Vorführung, Reihung und Verschlingung der feinsten, glättesten und kunstfertigsten Figuren“ zu erblicken, von denen auch ein Ton Herz und Seele zu ergreifen vermöge. Ein solches Urteil geht natürlich viel zu weit. (Gemeint ist hier Wagners teils heftig antisemitisches Pamphlet “Das Judenthum in der Musik”, Anm.)

Mag auch dies und jenes besonders in der Instrumentalmusik Mendelssohns kalt lassen, und mag sich in einigen seiner Kompositionen die Formenglätte und hervorragende Beherrschung aller Kunstmittel aufdrängen – daß sie mehr sind als leere Form, das beweisen die innigen Töne eines „Paulus“ und „Messias“, die zarte und duftige Musik eines „Sommernachtstraums“, die warm empfundenen Psalmen und Lieder.

Daß Mendelssohn die Kraft und Energie eines Beethoven nicht gegeben war, das dürfen wir ihm nicht zum Vorwurf machen. Er war so ganz anders geartet als der große Meister, hatte weder Kämpfe durchzumachen wie dieser, noch besaß er Motive, die sich gleich dramatisch gestalten ließen. War Beethoven ein dramatischer Schöpfer durch und durch, so sehen wir in Mendelssohn den ausgeprägten Lyriker, der nur helle Farben sieht und malt, und dessen so sehr harmonisches, so sehr friedenatmendes Wesen auch auf seine Musik übergeht, um in ihr das Innerste ihres Schöpfers zur Darstellung zu bringen.

Kein Mensch, der Mendelssohn kennt, wird wagen, an seinem Können zu zweifeln. Er beherrscht die Kunstmittel seines Schaffensfeldes wie kein zweiter, und es war ihm ein Leichtes, von ihnen den Gebrauch zu machen, den er wollte. Das ist es ja gerade, was ihn so sehr auszeichnet: die vollkommenste Übereinstimmung zwischen Intention und Ziel, zwischen Wollen und Können. Wollte man ihm den Mangel an Kraft und dramatischer Leidenschaft vorwerfen, so müßte man das auch allen Lyrikern in Musik und Literatur gegenüber tun, deren Stärke gerade in ihrer zarten und duftenden Empfindung liegt und deren Wesen gleich dem Mendelssohn den tiefen Frieden atmet.

(...)

Ihm vor allem hatten es Bach, Mozart und Beethoven zu verdanken, daß sie dem Deutschen und dem Engländer so mundgerecht und so teuer geworden. Ein ganzes Leben hat er ihrer Entwicklung und Popularisierung gewidmet, und das ein Bach in den Konzertprogrammen der Gegenwart eine so große Rolle spielt, dafür gebührt Mendelssohn allein das Verdienst. Hätte er nur als Kapellmeister und musikalischer Regenerator gewirkt – man müßte dankbar seiner gedenken. Daß er der Musikwelt aber auch eigene Kompositionen von der Größe eines „Elias“ geschenkt, das macht ihn unsterblich. Mendelssohns Oratorien gehören heute noch zu den besten; seine Konzertouvertüren bilden immer noch den eisernen Bestandteil unserer Konzertmusik, seine Lieder einen der wichtigsten Teile jeder musiktreibenden Haushaltung; sein Hochzeitsmarsch darf bei keiner Trauung fehlen, und seine Elsen- Scherzi gehören mit zum Vollendetsten dieser Art – wer wagt es, Mendelssohns Lebensfähigkeit zu verneinen?

Gekürzt aus: PESTER LLOYD, 3. Februar 1909

 

(c) Pester Lloyd

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