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(c) Pester Lloyd / 10 - 2009
GESELLSCHAFT 03.03.2009
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Jenseits von Gloria Gaynor
Emanzipation von Schwulen und Lesben in Ungarn
Ungarn galt bis vor nicht so langer Zeit im Vergleich zu anderen mittel- und
osteuropäischen Staaten als eher liberal im Umgang mit Homosexuellen. Doch spätestens seit den gewalttätigen Angriffen auf Demonstrationen für die Rechte
Homosexueller in den letzten beiden Jahren sollte jedem klar sein, dass Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung immer noch weit verbreitet ist.
Seit 1995 wird in Budapest jeden Sommer, wie auch in vielen anderen Städten
weltweit, der Christopher Street Day (CSD) gefeiert. Der Tag erinnert an die Proteste gegen eine Razzia in einem New Yorker Schwulenclub in der Christopher
Street 1969. Die Feiern und auch die Demonstrationen verliefen in der Vergangenheit stets friedlich. Doch in den letzten zwei Jahren wurden die
Teilnehmer des Demonstrationszugs unter dem Motto „Marsch der Würde“ von Gegendemonstranten angegriffen sowie mit Flaschen, Steinen und Eiern beworfen. (unser Beitrag vom Juli 2008) Im letzten Jahr hatte die Polizei auch erstmals versucht, die Demonstration zu verbieten, angeblich wegen der
befürchteten Verkehrsbehinderung.
Rechtsextreme Gegendemonstranten
Dieser plötzliche Wandel in den letzten beiden Jahren ist laut Gábor Kuszing,
einer der Organisatoren des CSD, vor allem auf die zunehmende Aktivität von Rechtsextremen zurückzuführen. Nach der Wiederwahl der Sozialisten 2006 habe
sich zunehmend Frustration und Enttäuschung in konservativen und rechten Kreisen breit gemacht, die schließlich zu mehr Aggressivität führte. 2008 hatten
rechtsextreme Gruppen im Internet zu Gewalt aufgerufen.
Eine weitere Ursache der gewalttätigen Proteste der letzten Jahre sieht Kuszing
darin, dass die politischen Forderungen von Schwulen und Lesben immer deutlicher geäußert werden. In den 1990er Jahren wurde dieses Thema von
vielen Teilen der Bevölkerung noch ignoriert, was nun nicht mehr möglich ist. Die Folge ist eine Spaltung der Gesellschaft in „dafür“ und „dagegen“.
Auch Kisdubos, zusammen mit seinem Kollegen Százalék, Veranstalter und DJ der
schwul-lesbischen Party Brutkó Diszko in Budapest, sieht die Lage ähnlich: „Das einzige, was sich in den letzten Jahren sichtbar verändert hat, ist das
Frustrationslevel der Ungarn. Und in solchen Situationen bekommen gewalttätige Extremisten immer Zulauf, was den queeren [Überbegriff für Homo- und
Transsexualität – Anm. d. Autorin] Emanzipationsprozess aber nicht aufhalten wird, er wird nur etwas lauter vor sich gehen.“
Gábor Kuszing erwartet auch in diesem Sommer militante Gegendemonstranten.
Doch die Polizei wird diesmal alle Straßen, die auf die Andrássy út, die vorgesehene Demoroute, führen, komplett abriegeln, um die Sicherheit zu
erhöhen. Doch auch außerhalb des CSD kommt es vor, dass homosexuelle Paare angegriffen werden, nur würden diese Fälle selten öffentlich bekannt, so Kuszing.
Neues Gesetz für Partnerschaft?
Immerhin gibt es auf rechtlicher Ebene Bewegung: Ein bereits vom Parlament
verabschiedetes Gesetz über ein Modell der registrierten Partnerschaft (die ursprünglich auch für heterosexuelle Paare möglich sein sollte) wurde im letzten
Jahr vom Verfassungsgericht abgelehnt, da es eine direkte Konkurrenz zur Ehe darstelle, deren Schutz die Verfassung vorschreibt. Laut Kuszing ist das Urteil
eine „Schande“. In der Verfassung stehe lediglich, dass die Ehe durch den Staat geschützt werde, daraus habe das Gericht erstens abgeleitet, dass die Ehe mehr
Schutz verdiene als registrierte Partnerschaften, zweitens, dass die Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen werden könne.
Ein modifizierter Entwurf der Vorlage soll demnächst wieder ins Parlament
eingebracht werden, diesmal soll das Modell nur für gleichgeschlechtliche Paare gelten. Doch genau aus diesem Grund stehen die Chancen für die Verabschiedung
des Gesetzes schlechter: Der frühere Entwurf stieß auf breitere Akzeptanz, weil er auch eine neue Möglichkeit für heterosexuelle Paare, die (noch) nicht heiraten wollten, schuf.
Beim Thema Heirat zeigt sich auch der Einfluss der katholischen Kirche, der laut
Kuszing in Ungarn zwar weitaus geringer ist als beispielsweise in Polen, aber dennoch häufig religiöse Wertvorstellungen in die Diskussion einbringt. In einer
Eurobarometer- Umfrage aus dem Jahr 2006 sprachen sich nur 18 Prozent der Ungarn (EU-Durchschnitt 44 Prozent) für eine Öffnung der Ehe für
gleichgeschlechtliche Paare aus, gleichzeitig waren aber auch zwei Drittel der Meinung, dass der Staat sich beim Thema Homosexualität nicht einmischen solle.
Sollte der neue Gesetzesentwurf für die registrierte Partnerschaft verabschiedet
werden, ist das für Kuszing zwar ein großer Schritt vorwärts, so ist zum Beispiel das Erbschaftsrecht dasselbe wie in der Ehe, aber dennoch werde keine volle
Gleichberechtigung erreicht. Adoption oder das Führen eines gemeinsamen Namens bleibt weiterhin verheirateten gemischtgeschlechtlichen Paaren
vorbehalten, ebenso die Bezeichnung „Ehe“. DJ Százalék befürchtet zudem, dass eben diese Themen nach der Verabschiedung des Gesetzes für Jahre in der Versenkung verschwinden werden.
Die Lichter der Großstadt
Die rechtliche Gleichstellung ist auch das Hauptziel der Organisation Patent, der
Kuszing angehört. Durch Lobbyarbeit und Gespräche mit Politikern versucht sie, die rechtliche Lage Homosexueller zu verbessern.
Hattér ist die größte Organisation, die sich um LGBT (lesbian, gay, bisexual,
transgender) Interessen kümmert. Sie betreibt eine Hotline, bietet Beratung in rechtlichen Fragen und AIDS und HIVAufklärung. Speziell an lesbische Frauen
wendet sich Labrisz. Neben Diskussionsgruppen und der Organisation des lesbischen Festivals im Herbst führt die Organisation auch ein Informationsprogramm an Schulen durch.
Neben diesem politischen und rechtlichen Engagement hat auch die kulturelle
Szene ihr Zentrum eindeutig in Budapest: Hier gibt es zahlreiche schwule Bars und Clubs. Für Frauen ist die Auswahl aber bereits bedeutend kleiner. An jedem
zweiten Samstag im Monat findet die lesbische Party Ösztrosokk statt und in manchen schwulen Clubs sind auch Frauen willkommen. Partys abseits des Mainstreams gab es bis vor einiger Zeit noch gar nicht.
Doch die DJs Kisdubos und Százalék wollen ein Publikum jenseits von Gloria
Gaynor erreichen und starteten deshalb die queere Alternative/Electro Partyreihe Brutkó Diszko an wechselnden Orten abseits der üblichen „schwulen“ Clubs. Der
Rest des Landes hat in Sachen Szene und Kultur weniger zu bieten: In einigen Städten wie Miskolc oder Szeged gibt es hin und wieder Veranstaltungen, doch
das Angebot ist beschränkter und das Publikum kleiner als in der Hauptstadt. abei ist diese nicht zwangsläufig auch toleranter.
Sowohl Kuszing als auch Százalék sind der Meinung, dass es in Budapest einfach
nur leichter ist, sich zu verstecken und in der Menge unterzugehen. Zudem sind die Menschen in der Großstadt, so Százalék, weniger interessiert am Leben
Anderer, „es gibt weniger Nachbarn, die neugierig hinter ihren Gardinen hervorschauen“.
Lene Bayerlein
Organisationen: www.hatter.hu www.labrisz.hu www.patent.org.hu
Partys: www.osztrosokk.hu www.brutko.hu
Sonstiges: www.budapest.gayguide.net (englische Seite) www.gay.hu (Veranstaltungstipps etc., ungarisch)
www.pride.hu (LGBT-Portal, u.a. Kontaktanzeigen)
Zum Thema:
Homosexuelle im Eierhagel Massive Ausschreitungen beim zwölften Gay Pride Day in Budapest
(c) Pester Lloyd
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