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(c) Pester Lloyd / 11 - 2009
FEUILLETON 11.03.2009
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Verbotenes Kino
Ungarische Filme in Wien
Von Georg Kövary (1922 - 2009) *
Als Wien und ich einander im Jahre 1956 näher
kennenlernen durften, sah in meiner Umgebung das für mich schönste Naturambiente, die Kinolandschaft folgendermaßen aus: es gab mehr als 100 Lichtspieltheater, darunter einige Premierenkinos und
massenhaft kleine, beengte, stickige Kintopps. Es dauerte eine Weile, dann begann das große Kinosterben. Von plötzlichem Tod keine Rede; das Dahinsiechen spielte sich in
zwei Etappen ab. „Das kleine Kino um die Ecke” wurde zuerst vom Fernsehen dezimiert, welches das „Kleine Kino im Bette” anbot. Das zweite Kapitel vom
Untergang des Altbestandes schrieben die neugebauten Multiplex-Filmpaläste. In der Neusprech-Schreibe lautet es Multiplexx, was wie ein orthographischer Fehler
anmutet. Diese super-hyper-mega-modernen Multiwieauchimmer, mit denen man mittlerweile auch in Ungarn auf Du und Du steht, bedeuten in der
Filmvorführung eine Wende; sie haben Riesenleinwände und 10 bis 12 Säle, aber keine Seele.
In Wien schwebte also der Pleitegeier
über den Lichtspielhäusern, zwei der beliebtesten Premierenstätten hatte er bereits als nächste Opfer ausersehen: das Gartenbau- und das Metro-Kino. Die erhoffte Beute wurde em Raubvogel
jedoch entrissen: ersteres übernahm das Festival Viennale ganzjährig, letzteres erhielt das Filmarchiv Austria (FA). Sein Audivisuelles Zentrum im Augarten behielt zwar das FA, doch ist jener Ort nur für
Opern-Air-Vorführungen geeignet. Zur Premierengala 1997 wurde die österreichische Version des in zwei Sprachen gedrehten Fußballustspiels „3:1 a szerelem” (Roxy und ihr Wunderteam)
mit Rosy Bársony und Hans Holt gezeigt. 2001 wurde zum Geburtsjahr des heutigen Metro-Kinos mit der neuen Bestimmung, - ein Juwel unter den auf 45
geschrumpften hauptstädtischen Kinos. Schließlich tat sich Laxenburg auch etwas: ein funkelnagelneues Zentralarchiv wurde neben dem alten gebaut. Sobald
dürfte eine Platzerweiterung nötig werden: es sind 70.000 Streifen im Gebäude untergebracht, aber 300.000 hätten Platz.
Im Filmarchiv Metro werden täglich zwei, manchmal drei Vorstellungen geboten.
Sie sind stets in Retrospektiven eingebettet. Eine der jüngsten Filmreihen hatte den Titel „Grenzenlos”, Untertitel: Filme aus dem alten/neuen Europa. Sie wurde
von der Serie „Verboten – Verbannt – Wiederentdeckt / Regalfilme aus Zentral- und Osteuropa” abeglöst. Die Filme, die teilweise ihre österreichische
Erstaufführung erlebten, stammen alle aus den Ländern, die am 1. Mai in die EU aufgenommen worden sind. Mit seinen mehr als 20 von insgesamt 74 Beiträgen
bildete Ungarn sozusagen den Schwerpunkt. Auch die Filmarchive der teilnehmenden Nationen wurden vorgestellt. Der Abend, an dem die Ungarn
drankamen, erntete vor einem vollen Haus den größten Erfolg mit zwei Stummfilmen von Paul Sugár aus den Jahren 1918 (Vihár után – Nach dem
Gewitter) und 1929 (Rabmadár – Achtung, Kriminalpolizei!). Die Delegation des Ungarischen Filminstitutes, mit dem das FA oft bei Filmrekonstruktionen
zusammenarbeitet, wurde von Györgyi Balogh angeführt, in Vertretung der erkrankten Chefin Vera Györgey, die Gattin des ruhmreichen Regisseurs und Oscarpreisträgers István Szabó.
Helmut Pflügl, Mitarbeiter des FA, hält viel vom ungarischen Film. Er meint, die
Qualität der Spielfilmneuschöpfungen nähert sich seit dem vorigen Jahrzehnt, welches ungewohnterweise nicht nur in vorige Jahrhundert sondern auch noch ins
vorige Jahrtausend fällt, wieder jener der sechziger Jahre, als magyarische Meisterwerke in einer Reihe mit Ländern wie Frankreich großes Ansehen
genossen. Pflügl spricht von einer „Ungarischen Schule” und hebt einige hervorragende Beispiele hervor. Sein favorisierter Film ist die ung.-frz.-pln.
Koproduktion „Senkiföldje – Dieu n’existe pas” (Niemandsland – Gott existiert nicht), 1993 von András Jeles, über eine siebenbürgische Anne Frank. Büchners
„Woyzzek” (1949, Debut des jungen Regisseurs János Szász), ausgezeichnet mit mehreren Preisen und dem europäischen Oscar „Felix”, war nach Pflügls
Dafürhalten die überhaupt beste Verfilmung, welches dieses Drama erlebt hatte. Er beurteilt die filmische Bearbeitung mit dem Prädikat „sensationell”.
„Vademberek” (Ihre eigene Insel), 2001 Miklós Szurdi – hochaktuelles Thema: Fremdenhass, zählte gleichfalls zu den Erfolgsfilmen dieser Serie.
Erlauben Sie, daß ich mit meiner eigenen Auswahl fortfahre? „Csisnibaba”
(Zuckerpuppe, 1996), inszeniert von Péter Timár, sei ein persönlicher Geheimtipp. Meine Begeisterung wurde durch nostalgische Gefühle
hervorgerufen, kommen doch in besagter satirischer Komödie alte Schlager von namhaften Budapester Komponisten vor, für die ich vor 1956 Liedertexte
geschrieben hatte. Dann erfuhr ich erst, daß dieses Lustspiel 1997 zu dem Kultfilm geworden war.
”Regalfilme” ist die Bezeichnung für Streifen, die ihr Dasein in Filmlagern fristen,
wo sie Rolle für Rolle in Blechdosen auf Regalen im Dornröschenschlaf dahindämmern, bis sie einmal in die Kinos kommen. Wenn überhaupt. Um in
Lagern zu lagern und auf Regalen in Dosen zu dösen, müssen sie von der Zensur verboten worden sein. Schon allein dieser Umstand weckt großes Interesse für die
zweite Reihe des FA. Die besten Beispiele dafür: „Ének a buzamezökröl” (Das Lied von den Weizenfeldern, 1947, Regie: István Szőts, der mit dem Solbernen
Löwen von Venedig ausgezeichnet wurde). Dieser Film wurde von den Kommunisten, die in Ungarn offiziell noch gar nicht an der Macht waren,
verboten, weil es nicht in ihr politisches Konzept passte, dass der Film gegen die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft sprach. Die Uraufführung fand mehr als
30 Jahre später, 1979 statt. „Álombrigád” (Traumbrigade, 1983, R: András Jeles) mußte nur 6 Jahre zwischen den Regalen auf seine Premiere warten.
Obwohl auch ein sowjetrussischer literarischer Stoff eingebaut worden war, beurteilte die Zensur den kritischen Humor gegen die Auswüchse des Systems als feindliche Propaganda. Er war unzulässig lustig.
Der größte Wurf unter allen Regiefilmen war „A tanú” (Der Zeuge, 1969, Péter
Bacsó). Ich würde ihn sogar als Legalfilm für hervorragend halten. Das heikle Thema: Es wird ein falscher Zeuge für den Schauprozess gegen einen in Ungnade
gefallenen Minister aufgebaut (die Áhnlichkeit mit dem Fall des Energieministers Rajk ist unverkennnbar). Der für die Herrschenden provokante Film wurde erst
1979 freigegeben. Das geschah auf ungewöhnliche Art. Der Zeuge stand in einem kleinen Kino, dem Tivoli, plötzlich auf dem Programm, ohne Ankündigung, ohne
Werbung. Die Mundpropaganda tat jedoch ihres: der unerwünschte Kinohit blieb jahrelang auf dem Programm. 1981 erhielt er in Cannes eine Auszeichnung. Auch
in die Reihe der verbotenen Filme gehört der kürzlich im Collegium hungaricum gezeigte „Eltüsszentett birodalom” (Das verwehte Imperium, 1956, R: Tamás
Banovich). Dies war ein für die lokalen Verhältnisse sündteurer Märchenfilm, hinter dem sich eine politische Satire verbarg. Den Machthabern blieb das nicht
verborgen. Der hochbegabte Regisseur erhielt danach keinen Auftrag mehr in seinem Beruf.
Daß dieser Film 34 Jahre lang in die verschiedenen Regale verbannt wurde, stellt
einen gewissen Rekord dar. Dabei war das gar nicht eindeutig zu erwarten gewesen, denn schließlich wurde die Geschichte im Budapester Theater der
Jugend als Bühnenstück bereits aufgeführt. Und zweitens und drittens undsoweiterstens würde ich mich als Zensor schämen, einen Film, in dem ein
dummdreister Tyrann jeden hinrichten läßtm, der ihm nicht laut „Gesundheit!” wünscht, wenn er niest, zu verbieten. Dadurch gibt er ja zu, dass er das
despotische Regime als sein Land (wieder)erkannt hat. Das ist ein Eigentor: der Zensor hat sich bloßgestellt. Der Film schließt mit der Aufschrift: Der Film und die Tyrannei ist zu - ENDE-
(2004)
(c) Pester Lloyd
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