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(c) Pester Lloyd / 19 - 2009 WIRTSCHAFT 05.05.2009
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Konsumrausch mit Kater
Faule Devisenkredite in Ungarn und ihre Auswirkungen auf die Privathaushalte
Ein Lebensstandard wie in westeuropäischen Ländern – nach der Wende war es
genau das, was viele Ungarn in möglichst kurzer Zeit erreichen wollten. Weil keine Regierung der postsozialistischen Ära diesen Erwartungen in dem Maße
entsprechen konnte, wie man sich das vorstellte, hielt sich keine von ihnen lange im Amt.
Die Mehrheiten sprangen von links
nach rechts und wieder zurück, an der gewünschten wirtschaftlichen Entwicklung änderte das indessen nicht viel. Viele Ungarn wollten dennoch nicht auf ihren Traum vom Eigenheim oder auf lange
Shoppingtouren in den neuen, riesigen Einkaufscentern, die wie Pilze aus dem Boden schossen, verzichten. Um diese Wünsche zu finanzieren griff manch einer zum
„Allheilmittel“ – der Kreditkarte.
Der Boom der Devisenkredite
Der ungarische Bankenmarkt ist zu über 80 Prozent in nicht-einheimischer Hand.
Weil die ungarischen Banken auf Befehl ihrer ausländischen Mutterbanken nur so viel Geld ausleihen durften, wie sie im Lande als Einlagen einholten, stiegen die
einheimischen Kreditzinsen bald ins Unermessliche. Viele Ungarn entschieden sich daraufhin für die Aufnahme von Devisenkrediten, d.h. von Krediten in Fremdwährung.
Wer sein Geld in Euro oder insbesondere in Schweizer Franken lieh, musste
plötzlich nur noch fünf Prozent Zinsen zahlen – anstatt der 15 Prozent für Forintbasierte Kredite. So erlebte diese Art der Geldbeschaffung ab 2003 einen
regelrechten Boom: Allein von 2007 auf 2008 stieg der Anteil der Darlehen an Privatkunden in Fremdwährungen von 59 Prozent auf knapp über 70 Prozent. Das
Ganze funktionierte gut, man erfreute sich seines Konsums und wenn es dann mal wieder an Geld mangelte, borgte man sich einfach noch ein bisschen mehr.
Das Ende des Konsumtraums
Die gesamte Situation änderte sich schlagartig, als am Vorabend des
Nationalfeiertags am 22. Oktober 2008 der ungarische Forint aufgrund internationaler Spekulationsgeschäfte schlagartig fast ein Fünftel seines Wertes
verlor. Innerhalb von nur wenigen Tagen zogen ausländische Investoren rund fünf Milliarden Euro aus dem Land ab, davon drei Milliarden allein aus ungarischen
Staatsanleihen, deren Handel daraufhin zeitweise vollends zusammenbrach. In Folge dieser Ereignisse stand Ungarn auf einmal am Rande des Ruins. Nur durch
den 20 Milliarden Euro Riesenkredit von EU, IWF und Weltbank konnte der Staatsbankrott bekanntlich noch abgewendet werden.
Die Auswirkungen des Währungsverfalls für die Privatkreditnehmer waren und
sind katastrophal. Von heute auf morgen schossen die Zinsen teilweise um mehr als 30 Prozent in die Höhe – und plötzlich stecken Hunderttausende Ungarn in
Zahlungsschwierigkeiten. Auf das Land rollt eine Lawine von Pfändungen und Zwangsräumungen zu. Schon jetzt wird die Bürde für viele untragbar,
Obdachlosenorganisationen berichten von einem immensen Anstieg der Menschen ohne Bleibe.
Die angekündigten Sparmaßnahmen der Regierung Bajnai dürfte gerade diese
Menschen besonders hart treffen. Seine Aussage, dass sich die Ungarn entscheiden müssten, „ob noch Tausende Jobs verloren gehen oder ob sie ein
paar Prozent ihres Einkommens abgeben“, wirkt vor diesem Hintergrund geradewegs wie ein Todesurteil für viele Betroffene.
Die Auswirkungen auf die Gesellschaft
Auch wenn diese Einsparungen für den ungarischen Staat unbedingt notwendig
sind – auf Verständnis oder gar Unterstützung werden diese Ankündigungen wohl kaum treffen. Vielmehr fühlt man sich – wieder einmal – als Opfer der Umstände
und Machtspielchen westlicher Mächte, die Ungarns Abhängigkeit ausgenutzt hätten.
Anstatt sich darauf zu besinnen, dass man sich die Ausmaße der Krise in gewisser
Weise auch selbst zuzuschreiben hat, wird bereits wieder mit Vergnügen nach Sündenböcken gesucht. Das trifft natürlich besonders die Minderheiten wie
Roma, aber auch Juden. Jüdische Gemeinden berichten von der inflationären Zunahme von Hassbriefen. Diejenigen, die von dieser Entwicklung profitieren,
sind natürlich die Rechtsextremen, deren Wählerpotenzial mittlerweile auf zwölf Prozent beziffert wird.
Lea Steinrücke
(c) Pester Lloyd
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