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(c) Pester Lloyd / 21 - 2009 fEUILLETON 21.05.2009
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Gegen Vorurteile

Über die Stiftung des Lenau-Preises und seine erste Verleihung

Das Präsidium der Selbstverwaltung der Deutschen Minderheit in Dunakeszi (DNKÖ) stiftete aus eigenen Mitteln und mit privater Unterstützung für die Deutschlehrer der Stadt und jene Schüler, die am Deutschunterricht teilnehmen, einen nach dem in Ungarn geborenen österreichischen Dichter Nikolaus Lenau (1802-1850) benannten Preis. Bestandteile des Preises sind eine Urkunde, Bücher-Geschenke und eine Plakette, die den Dichter darstellt. Die Verleihung erfolgt jedes Jahr am Tag der Pädagogen, bzw. bei der Abschlußfeier des Schuljahres, diesmal am 29. Mai 2009.

Für die Entscheidung der Verleihung des Preises wurden aus der Reihe der Lehrer der Stadt zwei Kuratorien beauftragt. Erhalten können den Preis jene Deutschlehrer, die im betreffenden Schuljahr mit ihren Schülern die besten Leistungen erzielen konnten, bzw. jene Schüler, die in ihrer Klasse die besten Ergebnisse erreicht haben.

Bei der Benennung des Preises war für die Selbstverwaltung die Herkunft des Dichters, sein Lebensweg, seine Gedenkweise und die Tatsache, dass seine Zielstrebungen der deutschen Minderheit der Stadt nahe stehen, entscheidend. Vieles von dem, was der Dichter erlebt und beschrieben hat, wird von zahlreichen Vertretern der deutschen Minderheit bewusst oder instinktmäßig nachvollzogen. Sie gehen ebenfalls aus der deutschen Minderheit hervor, bekennen sich ähnlich dem Dichter zum ungarischen Staat, und „schöpfen” – wenn auch in unterschiedlichem Maße - von dem Erbe, den Erlebnissen und Gebräuchen ihrer Voreltern. Sie haben auch die Muttersprache ihrer Vorfahren teils bewahrt, teils wird sie heute von ihnen neu entdeckt oder von manchen von Grund auf wieder erlernt.

Der Preis, der den Namen des Dichters trägt, soll die künftigen Preisträger und alle, die anhand des Preises von dem Dichter etwas erfahren, anregen, daran zu denken, wie eng die deutsche Sprache und die Kultur der deutschsprachigen Staaten immer schon mit der ungarischen Geschichte und Sprache verbunden war, und wie selbstverständlich zur Kenntnis genommen wurde und auch heute wird, dass man in der Nachbarschaft stets aufeinander angewiesen ist, sich gegenseitig unterstützt.

Der gesamte Lebensgang des Dichters diente in manchen Beziehungen als Vorbild für seine ungarischen Zeitgenossen und regte auch heute alle zur Nachfolge an, die in diesen Regionen Europas leben. Lenaus mütterlicher Großvater war im 18. Jahrhundert als gebildeter Jurist Oberbürgermeister der Stadt Buda (Ofen), wo die Bevölkerung damals in Mehrheit noch deutsch zur Muttersprache hatte. Die väterlichen Vorfahren kamen aus Schlesien und dienten als Offiziere dem österreichischen Kaiser, der gleichzeitig auch ungarischer König war.

Gerade in der Zeit, als die Willkürherrschaft Metternichs diesseits und jenseits der Leitha für die Menschen unerträglich wurde, trat Nikolaus von Strehlenau, mit dem Dichter-Namen Lenau, gegen die alles lahmlegende Zensur auf. Er tat es ähnlich, wie seine ungarischen Dichter-Zeitgenossen und der um etwa zwanzig Jahre jüngere ungarische Dichter Sándor Petofi. Der ungarische Dichter-Revolutionär setzte übrigens nicht nur mit den gegen die Zensur gerichteten Gedichten Lenaus Erbschaft fort, auch die Landschaftsgedichte des österreichischen Autors über die Schönheit der Natur im Karpatenbecken konnten mit ihrer Thematik auf den jüngeren ungarischen Lyriker anregend wirken.

Die „zügellose” Theiß, die ungarische Tiefebene, das Hochwasser der Donau, die Eigenart der ungarischen Puszta-Landschaft mit ihren seltsamen Bewohnern, mit den Betyáren (Räubern), den armen Bauern und den völlig mittellosen Zigeunern ziehen alle in den Gedichten Lenaus in deutscher Sprache vor unseren Augen vorbei und führen das Karpatenland in deutscher Sprache in die westeuropäische Dichtung und in das Bewusstsein der dortigen Leser ein.

Diese gefühlsmäßige Bindung des österreichischen Dichters an die ungarische Landschaft und seine Bewohner, die jugendlichen Eindrücke, die den Dichter im Banat, in den Städten Sátoraljaújhely und Tokaj, in der Schule der Piaristen in Pest, dann als Hochschüler in Ungarischaltenburg und in der damaligen ungarischen Hauptstadt Pressburg wirkten auf ähnliche Weise auf Lenau wie auf die in diesen Regionen nach der Befreiung von den Türken angesiedelten vielen Tausenden von deutschsprachigen Menschen, deren Nachfahren dann hundert Jahre nach Lenaus Leben und Wirken dieser Landschaft gewaltsam entrissen wurden, und die mit ähnlichen Gefühlen mit dieser Landschaft aufs innigste verbunden waren, wie einst der Dichter, und auch heute noch genau so eng verbunden sind.

Der in deutscher Sprache dichtende österreichische Dichter hat mit der Entdeckung dieser Landschaft und ihrer Bewohner für die Dichtung nicht nur auf den jungen Petöfi anregend gewirkt, der auf höherem dichterischem Niveau und mit viel mehr Radikalismus verbunden den Weg zum Jahr 1848 anzeichnete, sondern wurde auch für die Wiener „Achtundvierziger” zum richtungsweisenden Vorbild.

Seine Dichtung wirkte auch auf die Nachwelt. Zum hundertsten Geburtstag des Dichters konkurrierten bei den Feierlichkeiten Vertreter der ungarischen und österreichischen Literaturwissenschaft mit einander, und ungarische Dichter-Übersetzer von János Vajda bis Dezso Kosztolányi, Mihály Babits oder Dezso Szabó sprachen ihn in Gedichten an und übersetzten aus seinen Werken.

So ist auch von heute gesehen leicht zu verstehen, dass in den dunklen Jahrzehnten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „Das Instititut für Kulturelle Beziehungen” und seine Hintermänner gegen alle Versuche, die Lenau und Petofi miteinander in Beziehung brachten, zu verhindern versuchten. Allein mit Unterstützung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften konnte es gelingen, in gemeinsamer österreichisch–ungarischer Initiative, unter heftigem Einsatz des Professors der Badener Hochschule, Nikolaus Britz, die geplante Internationale Lenau-Gesellschaft 1964 ins Leben zu rufen. Unter der Schirmherrschaft dieser Gesellschaft haben dann Vertreter aus Europa, Amerika, Afrika und Asien im Jahrestreffen ihre Lenau-Konferenzen veranstalten können, die unter fachlicher Leitung deutscher und ungarischer Germanisten in gemeinsamer internationaler Zusammenarbeit zu einer historisch-kritischen Ausgabe von Lenaus Werken und Briefen führten.

Der von der Selbstverwaltung der Deutschen Minderheit der Stadt Dunakeszi gestiftete Lenau-Preis bezweckt, die Aufmerksamkeit auf den Dichter, auf die Nachwirkung seiner Gedichte in Ungarn, in Österreich und in der übrigen Welt zu lenken, und gleichzeitig zu verdeutlichen, dass die zentrale Fragen des Dichters auch heute aktuell sind, ja gelegentlich sogar mit vehementer Radikalität hervortreten. Bereits erkrankt schrieb er kurz über sein Lebensziel, das er bemüht war, zu verwirklichen: Hier heißt es: „Ich bin vielleicht der Versöhner, gewiß der Versöhner und ganz gewiß der Bekämpfer aller Vorurteile zwischen Ungarn und Schwaben…” Auf ähnliche Weise äußerte er sich über die Betyaren (Räuber), indem er im Gedicht „Der Räuber im Bakony” die soziale Frage in Mittelpunkt stellt, und auch über die ungarischen Zigeuner, wenn er in den „Drei Zigeunern” deren Lebensweise zu beobachtend versucht, eine Lehre für sich zu ziehen: „Dreifach haben sie mir gezeigt, / Wenn das Leben uns nachtet, / Wie man’s verraucht, verschläft, vergeigt / Und es dreimal verachtet...”

Die feierliche Überreichung des Lenau-Preises für die Deutschlehrer findet am 29. Mai 2009, im Rahmen der Feierlichkeiten des „Tages der Pädagogen” statt, Schüler erhalten jeweils zur Abschlußfeier ihrer Schule den Lenau-Preis.

Prof. Dr. Antal Mádl

Der Autor dieses Beitrages, Prof. Dr. Antal Mádl, war viele Jahre Lehrstuhleiter für Germanistik der ELTE-Universität Budapest und hat zahlreiche wissenschaftliche Beiträge u.a. zu Thomas Mann und Nikolaus Lenau – auch im PESTER LLOYD – veröffentlicht.

 

(c) Pester Lloyd

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