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(c) Pester Lloyd / 22 - 2009 fEUILLETON 25.05.2009
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Sanftes Oval in kantiger Zeit

Zum 70. Todestag von Joseph Roth

Der folgende Text von Joseph Roth, dem Jahrhunderterzähler, an dessen 70. Todestag (27. Mai) wir hiermit erinnern wollen, entstand ganz wahrscheinlich im Café Le Tournon in Paris, in dem Roth auf diesem berühmt gewordenen Foto sitzt und das so viel über ihn zu sagen scheint. Dort lebte Roth in einem kleinen Zimmer über dem Kaffeehaus, seit im Jahr zuvor das gegenüberliegende Hotel, sein Domizil für viele Jahre, abgerissen wurde.

Der Galizier, der sich in den europäischen Metropolen des Geistes, Wien, Prag, Berlin, Paris herumtrieb, von überall etwas mitnahm und es mit den Spuren seiner Herkunft zu einem so kleinteiligen wie großartigen Bild von Zivilisation und Verfall zusammenfügte, war damals schon verarmt und kränkelte. Kurz darauf kam er, der Zeit seines Lebens gut verdient hatte und die große Geste mochte, in ein Armenhospiz und ging jämmerlich zu Grunde.

Roth ging schon 1933, am Tage der Machtergreifung Hitlers ins Exil, hatte also die weise Voraussicht über den Vernichtungswillen der neuen Machthaber, die so vielen anderen fehlte. Sein Text, eine schwermütig klingende, aber fein formulierte, bitter-poetische Miniatur, erschien am Tage des Einmarschs deutscher Truppen in Österreich und seines Anschlusses, reiht sich ein in die Abschiede so vieler Schriftsteller und Journalisten, die der Pester Lloyd aus Budapest noch drucken konnte. Tags darauf sagte auch Felix Salten Adieu, andere folgten, viele blieben zu lange...
 

Alte und neue Photographien

Von Joseph Roth

Pester Lloyd, 12. März 1938

Die alten Photographien sind durch einen leicht geblichen, elfenbeinfarbenen Schimmer geadelt. Sie erinnern an betagte Meerschaumpfeifen. Sie liegen eingerahmt in rotsamtenen Alben oder gebündelt in den Schubläden bräunlicher Kommoden. Die Porträts der Männer und Frauen werden von einem sanften Oval eingefaßt, der rührendsten und imposantesten geometrischen Form der Erde, der Eier und des menschlichen Gesichts. Manchmal umgeben Girlanden das Porträt. Der Mensch steht vor dem Hintergrund einer grauen, leichtbewölkten und von Rosen bewachsenen Leinwand, wo Frauen und Männer gemeinsam Photographiert sind, legen sie gewöhnlich ihre Köpfe zusammen, dermaßen das sich ihre Schläfen sachte berühren. Ihre Gedanken liebkosen einander. Ist es ein Brautpaar, so steht der Herr über der sitzenden Dame und erscheint doppelt aufrecht. Einzelne Männer sind immer ernst, die übliche Aufforderung des Photographen zur „rechten Freundlichkeit“ haben sie just noch in dem Maße beachtet in dem es ihnen notwendig erschien, nicht gerade finster zu blicken. Einzelne Frauen lassen sich selten Photographieren. Mit Kindern am Arm kommen sie öfter vor. Großmütter in Kapotthütchen finden sich mit Enkeln ein, eine Generation dazwischen wird übergangen. Die Technik ist noch keineswegs fortgeschritten. Das Atelier des Photographen besteht noch aus Glas und Leinwand. Der Photograph selbst wird vorstellbar, betrachtet man seine Kundschaft. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein breites Plastron oder eine fliegende Krawatte, und wenn er unter dem schwarzen Tuch verschwindet, ist es, als hätte er seinen Kopf für einige Augenblicke in eine fremde, jenseitige Welt getaucht, wo er Geister beschwört. Länger paktiert er mit ihnen in der rötlich beleuchteten Camera obscrusa, aus der er dann wieder mit gebräunten Fingernägeln wieder heraustritt. Die Wirklichkeit korrigiert er nur bescheiden, den großen Rest überlässt er der Linse, dem Objekt und dem Schicksal. Diese Bescheidenheit findet ihren Lohn. Die Porträts sind trotz der Hilflosigkeit der Technik „getroffen“. Es ist als hätten die relative Unvollkommenheit des Apparats, die mangelhafte Regie der Photographen und die arme Inszenierung seines Ateliers die Ausdrucksfähigkeit des aufzunehmenden Angesichts gesteigert. Der Mensch der sich Photographieren lassen wollte brauchte dazu einen festlichen Anlaß. Sein Antlitz wurde zielbewusst. Er hatte nur drei, vier ganz bestimmte Gelegenheitsdrücke: Hochzeit, Taufe, Geburtstag, Kurort, Jubiläum...Mann ließ sich nicht leichtsinnig photographieren. Man wurde ernst wenn man zum Photographen ging. Man war überhaupt nicht leichtsinnig. Man war überhaupt ernst. Man hatte überhaupt ein eigenes Gesicht. Es konnte sich sehen lassen.

Die neuen Photographien sind nicht “getroffen“ sondern „ausdrucksvoll“. Sie geben nicht die Stabilität eines Angesichts wieder, sondern seine unwahrscheinlich große Fähigkeit, sich zu verändern. „Bitte recht hart,“ sagte der Photograph. Und noch in das en face scheint er das Profil hineinkontunieren zu wollen. Er macht das Porträt für Schaufenster und Zeitschriften, nicht für das Album. Nicht der und jener wird für die Öffentlichkeit photographiert; sonder wer sich photographieren läßt, tut es für die (restringierte) Öffentlichkeit. Hat das Objekt kein öffentliches Interesse, so leiht ihm der Photograph das seinige. Überhaupt bezieht das moderne Porträt von vielen Hilfsmitteln Bedeutsamkeit: von Licht und Schatten, von der Gestalt der Hand, von Glanz der Iris, von der Vollendung des Apparats. Im übrigen jagt der Photograph so lange hinter dem Objekt einher, bis er auch das harmloseste in eine repräsentative Enge getrieben hat. Er lockt das Unscheinbare in eine gewichtige Situation. Und wir er vor fünfzig Jahren Rosen an Sommerwölkchen malte, so bestreicht er heute den Alltag mit Tragik. Er nimmt nicht ein Angesicht auf, sondern bestimmte Situationen eines Angesichts: das gereckte Kinn, die gesuchte Stirn, die beschattete Wang. Im Lauf der letzten Jahre hat sich ein großes Reservoir physiognomischer Bedeutsamkeit durch Veröffentlichungen von Boxer-, Läufer- und Fliegergeschichten gebildet. Aus diesen schöpft der Photograph ein Quäntchen für seine namenlosen Klienten. Menschen denen sonst nur ein Angesicht eigen war, gelangen also plötzlich zu einem Profil. Leute, die nur ganz gewöhnliche Augen hatten, erhalten auf einmal einen Blick. Gleichgültige werden nachdenklich; Harmlose humorvoll, Simple zielsicher; gewöhnliche Spaziergänger sehen aus wie Flieger, Sekretäre wie Dämonen; Direktoren wie Cäsaren.

Dahin ist der ovale Rahmen! Kantig ist die Zeit. Dahin der elfenbeinerne Schimmer! Über manchen Porträts liegt ein bläulichgrauer Dunst wie von Zigaretten. Über anderen ein hartes, mattes Braun, das an Rost erinnert aus souveränem Holz geschnitzt, ragen Profile unerbittlich in diese unerbittliche Zeit, in der die Originale glücklicherweise unerkennbar und unkenntlich untertauchen...

Mehr zu Joseph Roths Leben und Werk (Wikipedia)

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(c) Pester Lloyd

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