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(c) Pester Lloyd / 23 - 2009 KULTUR 04.06.2009
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Der Raum zwischen den Tönen

Saxophonist Jan Garbarek und The Hilliard Ensemble in Budapest

Manchmal müssen Musiker weite Wege gehen, um an einen Punkt zu gelangen, wo sie das Gefühl haben, endlich bei sich angekommen zu sein. Die Begegnung zwischen dem Gesangsquartett und dem Saxophonisten scheint für alle Beteiligten solch ein Punkt zu sein: sowohl für die Musiker als auch für ihre Zuhörer.

Garbareks musikalische Laufbahn kann als eine Entwicklung weg vom Jazz beschrieben werden. Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, dass es die relative Offenheit des Jazz war und mit ihr die Improvisation, die es ihm und Größen wie John Coltrane und Miles Davis ermöglichten, neue Wege zu gehen.

Nordische Folklore und vergoldete Experimente

Die Begegnung zwischen Garbarek und dem britischen A-Capella-Quartett The Hilliard Ensemble war eigentlich nur als „Experiment“ gedacht. Aus dem vermeintlichen Experiment entstand 1994 das mit Gold ausgezeichnete Album „Officium“, dem fünf Jahre darauf „Mnemosyne“ folgte.

The Hilliard Ensemble – das sind der Countertenor David James, die beiden Tenöre Rogers Covey-Crump und Steven Harrold sowie der Bariton Gordon Jones. Das Quartett besteht in wechselnden Formationen seit über 35 Jahren und hat sich auf das Singen von geistlichen Motetten vor 1600 spezialisiert, realisiert aber auch Projekte mit ganzen Orchestern. Die Zusammenarbeit mit Instrumentalsolisten wie Garbarek stellt dabei eher eine Ausnahme dar, wenn auch eine äußerst gelungene.

Wo das Bedürfnis nach religiöser Geborgenheit gestillt wird

Budapest: Die Basilika des Heiligen Stefan ist restlos ausverkauft und erst zwanzig Minuten, nachdem das Konzert beginnen sollte, erklingen leise Stimmen aus dem Hintergrund des Gotteshauses. Es herrscht eine gespannte Aufmerksamkeit: Die vier singenden Herren werden auf ihrem erhabenen Gang zum Altar von den Blicken der Menschen aufgesogen, als würde so ihr Bedürfnis nach religiöser Geborgenheit gestillt werden. Mit jedem Schritt tönen ihre Stimmen lauter.

Der Saxofonist mit dem grau melierten Haar empfängt die vier Weisen auf der geheiligten Bühne, sie formieren sich zum Quintett. Der Instrumentalist nimmt mit den Sängern Tuchfühlung auf, indem er immer wieder in die meditativen Gesangsflächen einsteigt: zunächst mit der rauen Tiefe des Tenorsaxophons und später mit der aufklärenden Helligkeit des gebogenen Soprans.

Eine Stimme und die Improvisation unterschiedlicher Stilrichtungen

Er umspielt die Stimmen mit seiner eigentümlichen Weise, in der die verschiedenen Einflüsse und Stilrichtungen, die ihn innerhalb seiner gesamten musikalischen Entwicklung geprägt haben, je nach Bedarf oder improvisatorischer Eingabe in den Vordergrund treten. Meistens herrscht der stabile Ton des mythischen Klangs nordischer Folklore, gelegentlich gewürzt mit einer orientalischen Note, die immer wieder zurück zu den eigentlichen Wurzeln – dem Jazz geleitet wird. Egal, welcher Stil gerade dominiert, zu jeder Zeit erzählt der Norweger eine Geschichte – sein Körper und der des Saxophons bilden zusammen den Klangkörper, dessen Stimme erzählt.

Gereinigt von Disharmonie und Skepsis

Ab und zu kommt es jedoch vor, dass Saxophon und Gesang nicht in Harmonie zueinander stehen. Sie reiben sich aneinander, erzeugen Disharmonie, als würden in diesen Momenten zwei vollkommen verschiedene Zeitalter aufeinander treffen, die über 500 Jahre voneinander entfernt liegen.

Dann vertragen sie sich wieder miteinander und es kommt dem Zuhörer der Gegenwart so vor, als wäre er in die alte Zeit eingetaucht, als wäre sein Dasein im Hier und Jetzt erträglicher geworden. Manchmal kann er wiederum nicht unterscheiden, ob es mehr das moderne Instrument oder die altertümlich klingenden Stimmen sind, die auf skeptische Weisen von der Unsicherheit in ihrer Welt klagen.

Am Ende entsteht ein heilender Raum zwischen den Tönen, ein kathartischer Effekt, der das Budapester Publikum in gewohntem rhythmischen aber zugleich auch besinnlichen Beifall ausufern lässt, damit Zugaben diesen Effekt verstärken und die Leute gereinigt den Heimweg antreten können.

David Völker

Weitere Konzerte:

23. Juni - St. Paul´s Cathedral (London, GB)
2. Juli – Probstei St. Gerold (Voralberg, A)

 

(c) Pester Lloyd

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