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(c) Pester Lloyd / 24 - 2009 GASTRONOMIE & SZENE 10.06.2009 _______________________________________________________
Reiten auf der Retrowelle
Heute geh´n wir ins Marxim...
Das Marxim, Pizzeria & Kneipe, liegt etwas abseits vom geschäftigen Treiben
des Moskva Tér in einer Seitenstraße direkt hinter dem Millenáris-Kulturpark. Man wird es kaum verfehlen, wenn man bereit ist, sich von einem
rotleuchtenden Stern den Weg weisen zu lassen. Vor einem Kellereingang steht brav ein weißer Pudel Wache. Die Pizza-Kneipe gehört zu den geheimen Lieblingslokalen Budapests.
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Im Nachwendejahr 1991 von einem Serben eröffnet und mittlerweile den Besitzer
gewechselt, bedient im Marxim immerhin schon seit über 10 Jahren dieselbe Servicecrew. Einer der Kellner, nennen wir ihn Karl*, ist auf dieses Jubiläum
besonders stolz, da es in der Gastronomiebranche durchaus nicht üblich ist, so lange mit den gleichen Leuten zusammenzuarbeiten. Sein Team miete den Laden vom
Besitzer (der an dieser Stelle besser nicht genannt werden will) und organisiere alles alleine. Und das sei schon ein 14-Stunden-Job – ohne Ruhetag, betont Karl, dessen
Augen schon am frühen Abend wie defekte Rollos der Schwerkraft nachgeben wollen. Wie für seine Kollegen ist für ihn dieser Job nur einer von dreien, der ihn durch das
postsozialistische Leben bringt.
LCD- neben Sowjetscharm
Gegen 20.30 Uhr ist der Laden noch ziemlich
leer, füllt sich aber stetig und mit jedem weiteren Gast scheint die Rockmusik als Hintergrundgeräusch immer etwas lauter und die Luft stickiger zu werden. Auf dem
Bartresen sind ein halbes Dutzend Messingschilder angeschraubt, auf denen Namen wie Bruno und Bela stehen. Es ist zu früh, der Stammtisch-Tresen ist noch leer!
Karl macht Werbung für sein Lokal, das zugleich ein mobiler Pizza-Sevice ist. Obwohl es leider
keine Terrasse gäbe, bedauert er, würden regelmäßig größere Sportereignisse auf dem großen LCD-Bildschirm übertragen, der gleich neben einer Sowjetischen Flagge an der Wand
hängt. Gleichzeitig beteuert der gewitzte Betreiber, der Erfolg des Lokals sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich
hier seit über 18 Jahren nichts verändert habe. Ach, der gute alte Sozialismus eben, oder etwa nicht ?!
Erfolg auf der Retro-Welle
An den Wänden der „Kocsma“ (ungarisch: Kneipe) wimmelt es nur so von
authentischen Erinnerungsstücken und augenzwinkernden Karikaturen des realexistierenden Sozialismus: Neben Flaggen mit der Aufschrift „Mit der
Großbetriebswirtschaft für den Sozialismus“ weist ein – an gewisse Führungspersönlichkeiten der Sowjetunion erinnernder – hosenloser „W. C.“ Ilyich
den Weg zur Toilette. In mitten von Stacheldraht und Gartenzaun getrennten hölzernen Sitzecken prangen leuchtend rot Hammer und Sichel an den Wänden.
Das Marxim schwimmt ganz oben auf der Retro-Welle. Spätestens seit der Aufnahme
in den Backpacker-Reiseführer Lonely Planet kann man das Marxim wohl kaum mehr als Geheimtipp bezeichnen, und so tummeln sich hier ungarische Studenten zwischen
internationalen Touristen und andersherum. Der Erfolg der Pizzeria-Kneipe erstaunt jedoch nicht wirklich und man wird das Gefühl nicht los, dass das Studentenpublikum
ein bisschen in eine Zeit hineinschnuppern will, die sie nur aus Geschichtsbüchern kennt – Langzeitstudenten einmal ausgenommen.
Ironie spiegelt sich in der Pizza
Dabei ist die Ironie kaum zu übersehen – angefangen bei den wohl klingenden Namen der
34 Pizzas wie „Snow White and the 7 small proletars“, „Siberian Dream“ oder „Gulag-Pizza- (Hawai)“ bis hin zum offensichtlich kommerziellen Zweck des Etablissements. Mit der Bekanntheit sind
natürlich auch die Preise gestiegen, befinden sich aber immer noch im Rahmen. Sie liegen zwischen 750 Forint für eine mittlere
„Just Say Cheese“ und 1490 Forint für eine große „Patjomkin“. Das preiswerte Bier kostet je nach Geschmack zwischen 320 und 590 Forint (ein halber Liter Pilsener
Urquell kostet 490,- Forint = z.Z. 1,70 Euro). Kaffee, Wein und Cocktails schmücken die Speisekarte genauso wie diverse Schnäpse und die legendäre nichtalkoholische Marxim-Hauslimonade.
* Name von der Redaktion geändert
Text: David Völker, Lea Steinrücke Fotos: Pester Lloyd, David Völker
Marxim Pizzeria & Pub 1024 Budapest, Kis Rókus u. 23 Öffnungszeiten: 12 – 1 Uhr
Pizza-Service: +36-316 02 31 Mo-Sa 12-23 Uhr So 18-23 Uhr www.marximpub.extra.hu
(c) Pester Lloyd
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