Seit 1854

Tagesaktuelle Nachrichten

 aus Ungarn und Osteuropa

inhalt
POLITIK WIRTSCHAFT KULTUR BUDAPEST ANZEIGEN

 

 

(c) Pester Lloyd / 25 - 2009 POLITIK 15.06.2009
_______________________________________________________
| More

 

Vorfreude auf die Macht

Ungarn: Fidesz hielt Parteitag ab
Das Selbst- und Nationalbewußtsein schäumte

Gänzlich überraschungsfrei wurde Viktor Orbán beim 23. Parteitag der nationalkonservativen Partei Fidesz erneut zum Vorsitzenden des Fidesz gewählt. Ansonsten brachte der Parteitag nicht viel mehr als das Einschwören von Funktionären und Anhängern auf das derzeit einzige politische Ziel: die Übernahme der möglichst absoluten Macht in Ungarn.

Angesichts des überwältigenden Erfolgs bei den Europawahlen, bei denen die Partei 56,8% der Stimmen erlangen konnte, überraschen die Ergebnisse von über 95%-100% für den Chef und seine Stellvertreter nicht. Weder für Orbán noch einen Vize gab es Gegenkandidaten. Nachdem sich Orbán und die EP-Kandidaten enthusiastisch von ihren Anhängern für den Wahlsieg am 7. Juni feiern ließen, bekamen die Delegierten die üblichen Parolen zu hören. Das Land sei praktisch führerlos geworden, die Sozialisten wüssten ganz genau was ihnen blühe, daher begännen sie jetzt sich einzuigeln. Der Fidesz werde sich nun darauf vorbereiten, die Regierung des Landes zu übernehmen.
 

“Neue Richtung”, der Slogan des Fidesz steht auf dem Rednerpult. Wer die Richtung vorgibt
ist klar: Parteichef Viktor Orbán am 13. Juni im Budapester Sportmax. Fotos: fidesz.hu

Rechte sind das Problem der Sozialisten

Einen breiteren Raum als ursprünglich geplant, nahm die Debatte über das Abschneiden der rechtsradikalen Partei Jobbik ein (14,77%). Dass Problem sei nicht diese Partei, sondern der Verlust der Arbeitsplätze, sagte einer der Vize-Chefs der Partei. Wenn die derzeitige Regierungskoalition Jobbik wirklich bekämpfen wolle, dann sollte sie den Weg für Neuwahlen frei machen, dann würden diese sicher 5-6% weniger als bei den Europawahlen bekommen. Es ist zur fixen Taktik des Fidesz geworden, die Schuld am Erstarken der Rechten ausschließlich der MSZP zuzuschieben. Fidesz ist u.a. bei den letzten Wahlen in ca. 200 Kommunen Wahlbündnisse mit Jobbik-Kandidaten und anderen Rechten eingegangen.

Schandhaft lange Agonie

Auch Parteivize Zoltán Pokorni stiess in das Horn vom baldigen Ende der Bajnai-Gyurcsány-Ära. Diese hätte zu einer schandhaft langen Agonie geführt, in der radikale Kräfte an Energie gewannen. Der Chef der Christlichen Volkspartei, KDNP, ein Wurmfortsatz des Fidesz, Zsolt Semjén, stellte die Stärkung der Familie und die Betonung der "nationalen Idee" in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Es gehe darum, Familien so zu entlasten, dass man der demographischen Entwicklung entgegenwirke, andernfalls würde die ungarische Bevölkerung in ein paar Jahrzehnten nur mehr sieben statt der heute zehn Millionen ausmachen.

2/3 oder gar 3/4?

Fraktionsvorsitzender Tibor Navracsics freute sich schon auf die "Erneuerung", die das Land unter der weisen Führung von Viktor Orbán spätestens ab nächstem Jahr durchleben wird. Es gehe jetzt nicht mehr darum, wer die Wahl gewinnt, sondern ob der Fidesz sie mit zwei Dritteln oder gar drei Vierteln der Parlamentssitze gewinnen wird. (Wahlforscher hatten aufgrund der Europawahlergebnisse ermittelt, dass der Fidesz, bei entsprechender Umrechnung auf die Gegebenheiten einer nationalen Wahl, tatsächlich zwei Drittel der Parlamentsmandate errungen hätte. Dagegen argumentiert die MSZP, dass Fidesz 160.000 Stimmen bekam, 2006 aber gegen die MSZP mit 210.000 Stimmen verlor. Die Verzweiflung der Regierungspartei ist angesichts solcher akrobatischen Beweisführung offensichtlich.)

Der Vorwurf der Blokade des Parlamentarismus, wie er nicht nur von den Sozialisten, sondern auch vielen unabhängigen Beobachtern im In- und Ausland erhoben wird, weist der Fidesz in Person seines Fraktionsvorsitzenden weit von sich. Man habe in den letzten zwei Jahren 122 Gesetzesvorlagen ins Parlament eingebracht. Man könne ja nichts dafür, wenn nur die wenigsten auf die Gunst der Regierung stießen.
 

Nationalkonservative Einheitspartei? Fidesz-Delegierte bei der Abstimmung.

Bekannte Tiraden - wenig Programmatisches

Ansonsten verlief die Veranstaltung euphorisch bis kitischig. Die ungarischen Vertreter der Nachbarländer wurden begrüßt sowie das böse Wort von der Vertretung der "Ungarn im Karpatenbecken" wiederholt, allerdings nicht von Orbán. Einer der Stellvertreter meinte, er müsse Sándor Márai zitieren, dann kamen wieder die schon bekannten Tiraden über die visionslosen Offshore-Ritter, die daran gescheitert sind, den Menschen einen Neo-Liberalismus mit menschlichen Zügen zu verkaufen.

Programmatisch kam, wie seit Jahren beim Fidesz, nur sehr wenig Konkretes. Es ging eher darum, was man alles rückgängig machen wolle, als darum, was man selbst zu tun gedenke. So wurde wiederholt, dass Privatisierungen und Immobiliensteuer gestoppt werden sollen, die Kürzung von Familienbeihilfen etc. aufgehoben werden. Man geht neuerdings mit der Idee hausieren, dass die internationalen Finanzhilfen keinesfalls zur Unterstützung von ungarischen Tochtergesellschaften ausländischer Banken verwendet werden sollen.

Die Ergebnisse der Wahlen zum europäischen Parlament sprechen eine eindeutige Sprache, das ungarische Volk hat das Vertrauen in die Sozialistische Partei endgültig verloren, zudem stelle sie sich durch ihre Rochaden gegen den Willen des Volkes. Es ist jetzt an der Zeit, dies zu ändern, so der Tenor des Kongresses. Dabei geht es dem Fidesz nicht mehr nur um eine Verbesserung der Lage der Ungarn, sondern um nicht weniger als eine konservative Revolution, welche die Macht der MSZP und ihrer Surrogate dauerhaft bricht und den Fidesz zur führenden nationalen Größe, quasi einer national-konservativen Einheitspartei, macht.

Zum Thema:

Fidesz will Alleinherrschaft  >>>
Fidesz: Offener Brief an MSZP
>>>
Fidesz: Probleme nicht auf Straße lösbar
>>>

Ungarns Parteien zur Europawahl 2009 Teil 1: Fidesz-KDNP
Zwischen Regierungs-Bashing und Realpolitik
ZUM  BEITRAG

| More

 

(c) Pester Lloyd

IHRE MEINUNG IST GEFRAGT - KOMMENTAR ABGEBEN

 

IMPRESSUM