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(c) Pester Lloyd / 28 - 2009
WIRTSCHAFT 08.07.2009 _______________________________________________________
Warten auf reinen Wein
Aktien in Osteuropa: Zeit der Panik vorbei?
Von Warschau über Budapest bis Istanbul gibt es natürlich gesunde Unternehmen, aber leider kaum gesunde Märkte. Konkrete Prognosen sind
daher unseriös. Analysten versuchen sich dennoch darin. Unser Fazit: lieber Staatsanleihen zeichnen und Tee trinken, denn bis endlich reiner Wein eingeschenkt wird, wird es noch lange dauern.
Eine verlässliche Prognose für Osteuropas
Aktienmärkte abzugeben, ist nach wie vor unmöglich. Das hält vor allem Analysten in der Klemme, die, aus Erfahrung zwar nicht klüger, aber doch vorsichtiger geworden, die
Anleger- wie Spekulantenwelt derzeit maximal mit stimmig scheinenden Hinweisen versorgen können, anstatt mit wirklichen Prognosen. Eine klare Richtung gibt man nicht vor, denn bei jedem Punkt, den man
als gegeben annimmt, regt sich im Hintergrund sogleich die Gegenthese.
Man behilft sich zur Zeit mit der Hoffnung,
dass die Periode der großen Panikmache vorbei zu sein scheint. Das liest man ausgerechnet aus der durchaus beeindruckenden Bärenrallye des 2. Quartals, die nichts weiter war als ein Schützenfest für
Spekulanten und ein völlig normaler Swing back. Die Rückkehr zu Fundamentaldaten solle die Grundlage weiterer Bewertung sein, wpnscht man. Das Problem ist nur, dass eine Realwirtschaft, die gerade erst
die Talsohle durchkriecht, schwer fundamental zu bewerten ist. So mögen zwar viele Unternehmen gesund erscheinen, doch die Märkte um sie herum sind krank und
schlichtweg nicht zu lesen. Wie kann so die Börse, die ja immer eine Wette auf die Zukunft ist, seriös agieren, wie kann ein Analyst reinen Herzens Vorhersagen wagen?
Die Analysten der ERSTE Group, einer der großen Player in Osteuropa, handeln daher
vor allem im Interesse des eigenen Hauses und können in keiner Weise als unabhängige Marktbeobachter gelten (wie alle Analysten, die in Finanzinstituten
werkeln). Die Bank verdient ja nicht nur am Aktienhandel selbst, sondern ist auch als Atkeingesellschaft auf gutes Wetter angewiesen, steht man ja aufgrund von hohen
Kreditrisiken immer noch im Regen der internationalen Aburteilung. Die Kreditabschreibungen werden sich bis Ende des Jahres im Vergleich zu normalen
Zeiten verdreifachen. Nicht zuletzt sind die bewerteten Unternehmen nicht selten Großkunden dieser und anderer Banken, daher ist die Ankurbelung eines freundlichen
Investitionsklimas, auch über die Börsen, eine lebenserhaltende Maßnahme. Wenn man diese Einschränkung zur Kenntniss nimmt, können die Markthinweise der ERSTE sogar nützlich sein.
"Die Analysten der Erste Group weisen darauf hin, dass seit Anfang des Jahres liquide
Mittel aus niedrig rentierenden Geldmarktfonds abfließen und neue Anlagemöglichkeiten auf den Anleihen- und Aktienmärkten suchen." Daraus müsste
sich fast zwangsläufig eine Aufwärtsphase ergeben, aber: "In gewissem Ausmaß umgehen die Geldflüsse jedoch die entwickelten Märkte und konzentrieren sich auf
die Börsen der aufstrebenden Länder." D.h. man traut den entwickelten Märkten wenig zu. Wir wir aber wisssen, hängen die Schwellenländer eben gerade an diesen.
"Im Rahmen globaler Aktienfonds haben die Schwellenländermärkte bereits wieder ihre traditionelle Gewichtung (9,6%) erreicht."
"Insgesamt bevorzugen die Analysten der Erste
Group immer noch eher defensive Sektoren..." D.h. Unternehmen, die als systemrelevant gelten und in vielen Ländern aufgrund ihrer Vormachtstellung nicht in Gänze in Frage
gestellt werden können. Dazu gehören zuerst Versorger und Telekoms, aber auch Pharmawerte. "Die Versorger sollten in beiden Regionen zwischen 3% (2009e) und 9% (2011e)
zulegen. Die Telekoms werden eher stagnieren, während Healthcare höhere Wachstumsraten – von 6% im Jahr 2009 auf etwa 13% im Jahr 2011 ansteigend – erzielen sollte. 2010 sollte
der Gewinn je Aktie in der CEE-Region um etwa 22% steigen."
Börsengebäude in Budapest
Ganz die Finger lassen sollte man zur Zeit aber
von "Grundstoffwerten", also alles was Energie- und Rohstoffe sind. Hier werden Spielchen gespielt, die für den Normalanleger nicht durchschaubar sind. Kein
Wunder, dass Finanz- und Versicherungswerte sich "stark im Aufwind" befinden: "Im Finanzsektor sollte 2011 wieder stärkeres Wachstum einsetzen".
Bevorzugt wird Österreich, die Börsenwerte hier werden derzeit als deutlich
unterbewertet eingeordnet, auch weisen die Unternehmen dort die größte Grundstabilität auf. Polen gilt als interessant, zwar sieht man den Markt insgesamt
als leicht überbewertet an, nicht aber die 20 Blue Chips des WIG-Indexes. Ungarn, eines der größten Opfer der Krise und seiner selbst, sollte das Ärgste hinter sich
haben, gilt aber immer noch eher als Abwärtskandidat denn als Hoffnung. Vor 2011 ist hier nicht viel zu holen, Ausnahmen sind die Pharmawerte.
Im Gegensatz dazu steht Tschechien. Das ist zwar ebenso exportabhängig, die
Börsenwerte gelten jedoch als bis zu 10% unterbewertet. Slowenien wird reduziert, auch SEE, also Rumänien, Bulgarien und Ex-Jugoslawien bleibt analytisches
Niemandsland. Russland schließlich, wo die Aktienmärkte bis zu 75% einbrachen, bleibt der wichtigste Markt für langfristige Investitionen, gleiches gilt für die Türkei.
Bei beiden warnt man aber vor großer Volativität, also Ausschlägen in beide Richtungen. Eine Warnung, die jeder Küchenanalyst selbst hätte erstellen können.
Das Fazit, dass es "bestenfalls seitwärts" geht, gleicht einer Offenbarung der Ratlosigkeit.
Die Grundaussage der ERSTE-Analyse ist, dass die Märkte steigen können werden,
weil mehr Liquidität, die vorher panisch abgezogen wurde, zurückkehrt. Das kann ein Vertrauenszeichen sein, aber auch eines von reinstem Renditedruck der Fonds,
die bereits wieder zu alten Spielchen zurück kehren und, jenseits fundamentaler Bewertungen, um Kunden buhlen. Daher ist bei allen Aussagen der Eigennutz des
Absenders einzukalkulieren. Gewähr gibt es sowieso keine. Für Rentenselbstvorsorger, die ein paar Tausender auf die Seite legen wollen, sind
Aktien die falschen Papiere und bleiben es auch. Für Privatanleger, denen ihr Geld lieb und teuer ist gilt die Devise: Staatsanleihen zeichnen, Sparbuch und
Eigentumswohnung behalten und lange lange Tee trinken bis wieder reiner Wein eingeschenkt werden kann.
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(c) Pester Lloyd
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