|
(c) Pester Lloyd / 34 - 2009
KULTUR 17.08.09 _______________________________________________________
Junges Spätwerk
Die neuesten Werke des 105-jährigen Malers Tamás Lossonczy in der Ungarischen Nationalgalerie
Eine Vernissage zum 105. Geburtstag eines Künstlers feiert man nicht oft in lebendiger Anwesenheit Desselben. So geschah es mit dem großen
ungarischen Künstler Tamás Lossonczy Mitte August in der Ungarischen Nationalgalerie. Noch bis zum 6. September kann man das jung wirkende
Spätwerk des Unermüdlichen besichtigen. Der Titel „Nach 100 Jahren…“ stimmt. Es werden tatsächlich die Werke gezeigt, die in den vergangenen fünf Jahren entstanden sind.
Es lohne sich offenbar, lange zu leben. So
fasste der Literaturhistoriker Mihály Szegedy-Maszák die ungewöhnlichen Umstände der Schau zusammen. Auch der Direktor konnte sich nicht daran erinnern, je eine Ausstellung mit einem über
Hundertjährigen eröffnet zu haben. Lossonczy dankte mit ein paar kurzen Worten. Er wirkte sehr gerührt.
Strebsamkeit und Rastlosigkeit
Nach den feierlichen Ansprachen wurde es
dann persönlicher. Der Künstler gab Autogramme, plauderte mit seinen Gratulanten und nahm Geschenke entgegen. Dabei stand die ganze Zeit ein
Gläschen Rotwein vor ihm auf dem Tisch und man fragte sich, ob dieses das Geheimnis seines langen Lebens ist. Auf die Frage nach seiner Lebensphilosophie
antwortete er: „Strebsamkeit und Rastlosigkeit.“ Lossonczy kann nämlich nicht nur auf ein sehr langes, sondern ebenso auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken.
Leuchtende Farbenvielfalt vs. präzise gezeichnete Einzelmotive
Der betagte Künstler ist ehemaliger Schüler
von János Vaszary, eines bedeutenden Mitgliedes der Europäischen Schule. Lossonczy gilt zudem als einfühlsamer Zeitzeuge des vergangenen Jahrhunderts und als ein
wichtiger Mitbegründer des Expressionismus, vielleicht dem charakteristischsten und adäquatesten Kunstsils des 20. Jahrhundert. Er schuf eine außerordentliche Fülle an
Werken. Seine optischen Aussagen sind weise und stimmen den Betrachter nachdenklich, an Ironie fehlt es nicht.
Im 21. Jahrhundert angekommen, reflektiert
er nun gelassener die vergangenen Jahre. Viele seiner Bilder erleuchten in gewohnt bunten Farben. Die einzelnen Kunstwerke weisen jedoch oft nur ein einzelnes Motiv auf. Die Ansammlungen von Symbolen
sind deutlich und streng gezeichneten Einzelmotiven gewichen. Präzise ausgeführte Strichzeichnungen dominieren seine Werke auf beeindruckende
Weise. Welche Zeichenmaterialien Lossonczy auch verwendet, sein Duktus ist perfekt – und das in seinem hohem Alter!
Lossonczys Wunsch: Wir alle mögen an Stärke gewinnen!
Begleitet wird die Ausstellung von einem
biographischen Film, der die Lebens- und Schaffensphasen des Künstlers umreißt, das Interesse des Zuschauers weckt und Auskunft über seine politische Einstellung gibt.
Daneben vermittelt die Ausstellung nicht nur, welch kreative Schaffenskraft die vergangenen fünf Lebensjahre des Künstlers geprägt haben. Auch möchte sie – dem
Wunsche Lossonczys folgend – dass wir alle an Stärke gewinnen mögen.
Der Kurator dieser Ausstellung ist István Dévényi. Ein Ausstellungskatalog auf
Ungarisch und Englisch enthält u.a. das Gedicht "Centenárium - Prelimináris" von György Somlyó sowie einen einleitenden Essay von Ernö Marosi. In der
Dauerausstellung der Nationalgalerie sind neben seinem Hauptwerk „The Great Purifying Storm“ von 1961 noch weitere Werke Lossonczys zu sehen.
Text und Fotos: Caroline Schröder
Noch bis 6. September 2009 tägl. von 10 bis 18 Uhr (außer montags) Ungarische Nationalgalerie,
Gebäude A: Szent György tér 2, Budapest 1014 Tel.: +36-204397325 Weitere Informationen
IHRE MEINUNG IST GEFRAGT - KOMMENTAR ABGEBEN
(c) Pester Lloyd
|