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(c) Pester Lloyd / 35 - 2009  WIRTSCHAFT 25.08.09
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Gute Zeichen, schlechte Zeichen

Die Wirtschaft in Ungarn bleibt wackeliges Terrain - aktuelle Daten im Überblick

Die weitere Senkung der Leitzinsen auf nun 8% ist sicher ein Signal finanzpolitischer Stabilität. Die Nationalbank korrigiert dennoch ihre Prognosen für BIP und CPI nach unten, wenn auch minimal. Der Einzelhandel ächzt, die Realeinkommen sinken, im Herbst fürchtet man eine weitere Entlassungswelle. Die Börse ist hingegen in einem Höhenrausch und koppelt sich weiter von der Realität der ungarischen Wirtschaft ab. Bis zum nächsten Crash?

Leitzinssatz um 0,5%-Punkte gesenkt

Die ungarische Nationalbank hat bei ihrer Sitzung am Montag den Leitzinssatz um 50 Baispunkte auf nun 8% gesenkt. Bereits vor einem Monat senkte man ihn in einem überraschenden Schritt um einen ganzen Prozentpunkt. Die Leitzinsen in Ungarn sind derart hoch, weil man im vorigen Herbst aufgrund des massiven Währungsverfalls des Forint die Notbremse ziehen musste. Gerüchte über die Zahlungsunfähigkeit und auch gezielte Spekulation liess die Landeswährung um bis zu 30% verfallen.

András Simor, Chef der Nationalbank Ungarns vor einem prall gefüllten Tresor.
Das muss im Museum sein...

Die Situation der Staatsfinanzen hat sich durch die Abarbeitung einer Forderungsliste des IWF und der EU durch Premier Gordon Bajnai verbessert, mittlerweile kann sich das Land auch wieder am internationalen Anleihemarkt in Devisen bedienen. Die jetzige Verbesserung der Zinslast für Banken wird aber kaum zu einer Verbesserung des Kreditklimas vor allem für kleine und mittlere Betriebe führen. Dazu sind die Zinsen immer noch zu hoch, ausserdem lassen sich die Banken gewöhnlich viel Zeit, bis die verbesserten Konditionen, wenigstens zum Teil, an die Kundschaft weitergereicht werden.

Neue Prognosen für BIP und Inflation

Die ungarische Nationalbank bleibt fast bei ihren optimistischen Schätzungen hinsichtlich der Jahresinflation und des Rückganges des Bruttoinlandproduktes. Die durchschnittliche Teuerung in Ungarn sollte demnach bei 4,5% liegen, das BIP würde nach dieser Projektion um 6,7% fallen. Für 2010 rechnet man dann nochmals mit einem leichten Rückgang um 0,9% für 2011 erhofft man sich ein Wachstum von 3,4%. Die Inflationsprognosen, die man mit mehr als vage noch gut beschrieben hat, wurden leicht um je zwei Zehntelporzentpunkte erhöht, für 2010 auf 4,3, für 2011 auf 2,1%.

Man betont, dass die Inflation in beiden Jahren um die 3% läge, rechnete man die Effekte aus der Erhöhung der Mehrwertsteuer und weitere Steuereffekte heraus. Das nutzt zwar den Menschen nichts, sieht aber n punkto Konvergenzkriterien besser aus. Die Zentralbank rechnet bei ihren Vorhersagen mit einem Rahmen von 272,1 Forint je Euro und einem durchschnittlichen Rohölpreis von um die 71 USD per Barrel.

Einzelhandelsumsätze sinken seit 29 Monaten

Die Einzelhandelsumsätze sanken im Juni um 2,2% im Vergleich zum Juni 2008. Im Mai betrug der Rückgang noch 4,2%, im April 4%. Die Umsätze im Einzelhandel fallen nun kontinuierlich seit 29 Monaten, seit Februar 2007. Auf Monatsbasis gerechnet, stiegen die Umsätze leicht um 0,5% von Mai zu Juni, bereinigt um saisonale und kalendarische Effekte. Insgesamt setzte der ungarische Einzelhandel im Juni - offiziell - Waren im Wert von umgerechnet rund 2,3 Mrd. EUR um, wobei der größte Teil von 46% auf Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs fällt.

Große Einbußen beim Realeinkommen

Die Entwicklung der Einkommen von abhängig Beschäftigten in Ungarn ist weiter negativ. Die Zahlen, die das Statstische Zentralamt, KSH, am Freitag veröffentlichte, sind noch unter den Erwartungen von Experten. Sie zeigen, dass sich zwar die Staatsfinanzen und die Banken selbst, aufgrund der Politik der letzten Monate und der Hilfen von IWF und EU, halbwegs erholt und stabilisiert haben, die Kleinunternehmen und Arbeitnehmer aber nun erst richtig unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu leiden beginnen.

In den letzten zwölf Monaten (Juni-Juni) stiegen die Bruttogehälter in Ungarn im Schnitt nur noch um 1,1 Prozent, im Mai noch um 2,9%. Die Nettoeinkommen "kletterten" um 0,9% (zuvor 2,1%). Was zählt, das Realeinkommen, sank jedoch schneller als befürchtet. Innerhalb eines Jahres hatten Ungarns Arbeitnehmer im Durchschnitt 2,7% Geld zur Verfügung, im Mai waren es -1,8%. Der eigentliche Hammer wird aber mit den Julizahlen erwartet, dann schlägt nämlich die Mehrwertsteuererhöhung um 5 Prozentpunkte im Regelsatz als Inflationstreiber erst richtig zu.

Entlassungswelle im Herbst

Eine Jahresinflation von 5% vorausgesetzt, könnten die Einkommenseinbußen Ende 2009 bei 4-6% liegen. Zudem entwickelt sich eine Spirale aus, für den Herbst erwarteten, weiteren Entlassungswellen und sinkendem Konsum. Mindestens 50.000 weitere Arbeitslose werden für die nächsten drei Monate befürchtet. Mittlerweile gehen Volkswirtschaftler davon aus, dass sich die Inlandsnachfrage 2009 um bis zu 9% verringern könnte.

Börse in gefährlichem Höhenflug

Am Montag schloss die Budapester Börse mit einem Plus von fast 7%, erstmals wieder über 19.000 Punkte. Gute Zeichen? Nein. Wackelige Zeichen. Die Börse folgt den Highs und Ho´s der Weltmärkte und Spekulanten, mit den tatsächlichen Aussichten der ungarischen Wirtschaft hat sie kaum noch zu tun. Immerhin erfreut man die Anleger mit dem vertrauenheischenden Argument, dass sich die (Markt-)Börsenkapitalisierung der Unternehmen im zweiten Quartal 2009 um 28% uaf 4,2 Billionen Forint erhöht habe. Das ist seit zwei Jahren überhaupt das erste Mal, dass der Börsenwert der in Budapest gelisteten Unternehmen insgesamt gestiegen ist. Andererseits liegt der Wert dieser Aktien immernoch rund 47% unter dem Allzeit-Hoch aus Q2 2007.

Interessant auch, dass die ausländischen Investoren die einzigen waren, die mehr kauften als verkauften, während inländische Fonds und Händler verkauften und verkauften, vor allem Banken und Versicherungen stießen Beteiligungen ab, was den Anleger stutzig machen sollte. Dass es eine weitere Aufholjagd der Börse geben müsste, war und ist allen klar, allein das derzeitige Tempo ist, beim Blick auf die Wirtschaftsdaten und die ungelösten Krisenprobleme ungesund und nicht verantwortbar.

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