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(c) Pester Lloyd / 41 - 2009  POLITIK 08.10.2009
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McCarthy an der Donau

Hauen, sticheln und ein bisschen feiern: Die politische Woche in Ungarn

Täglich melden uns Staatsfernsehen und Nachrichtenagentur "das Neueste" von den Debatten im ungarischen Parlament. Dabei gibt es dort weder eine Debatte noch irgendetwas Neues. Seit Tagen bewerfen sich die beiden Blöcke MSZP-SZDSZ vs. Fidesz gegenseitig mit den altbekannten Argumenten. Die Opposition bereitet schon eine Kommission vor, die juristische Schritte gegen die Gyurcsány-Riege vorbereiten soll. "Sozialistenjagd á la McCarthy" schreien die Betroffenen und feiern 20 Jahre MSZP...

Bajnai und seine Minderheitssozialisten verteidigen den Entwurf zum Budget als das, unter den (vom IWF) gegebenen Umständen, einzig Machbare und Vernünftige, während die Nationalkonservativen ihre Schreckenszeichnungen von der baldigen Pleite Ungarns an die Wände der heiligen Hallen malen und ein ums andere Mal die Kassierung des Haushaltes im Februar ankündigen. Wenn man bedenkt, dass die Endabstimmung über das Budget 2010 erst für Ende November angesetzt ist, fragt man sich, worüber man sich im Parlament noch so lange den Mund fusselig reden will, wenn die Fronten ohnehin geklärt sind.

Sogar die Hinterbänkler greifen sich an den Kopf. Im Parlament in Budapest.
Foto: fidesz.hu

Auch sonst liefern sich die beiden Blöcke nur die üblichen Scharmützel, nach dem Muster: einer macht eine Pressekonferenz, der andere widerlegt ihn per Aussendung, manchmal auch umgekehrt. Ein paar Kostproben: der Fidesz sieht in der schnellen Einführung des Euro einen möglichen Ausweg aus Schulden- und Währungsfalle und fordert Premier Bajnai daher (und wie immer, nahezu ulitmativ und bei allen ungarischen Heiligen) auf, schnellste Schritte zu unternehmen. Dieser sagt, dass man erst noch ein paar Monate "positiver Performance" hinlegen muss, bevor man in Brüssel überhaupt zu dieser Frage angehört wird. Dann kommen die ganzen Wenns, die nur deutlich machen, dass sich Bajnai über sein Budget selbst nicht mehr so sicher ist. "Wenn das Budget so verabschiedet wird, wie es jetzt ist, der Forint wenigstens für weitere zwei Monate stabil bleibt, sich die Märkte erholen..., dann bin ich sicher, können wir bald das ERM II-Prozedere (European Exchange Rate Mechanism II, eine Art Vorhof zum Euro-Himmel), beginnen, sagte der Regierungschef gegenüber Reuters.

Eine beängstigende Unsicherheit spricht neuerdings aus dem sonst recht forsch argumentierenden Ex-Wirtschaftsprüfer, wenn er anmerkt: "Es gibt einen Grund, zu glauben, dass, wenn sich die Marktbedingungen nicht sprübar verschlechtern, Ungarn sich im nächsten Jahr selbst auf den Märkten finanzieren kann." Das klang schon einmal überzeugter. Er sei ja selbst für die Euro-Einführung, so schnell wie möglich, aber es liege halt nicht in seinen Händen. Dummerweise gibt es dafür klar definierte Regeln.

Während sich sowohl Bajnai als auch sein Kassenwart, Finanzminister Péter Oszkó bei ihren Argumenten im Parlament mehr auf die Einschätzungen fragwürdiger ausländischer Rating-Agenturen als auf inländische Quellen stützen, faucht der Fidesz in allen nur erdenklichen Tönen: "Seien Sie doch ehrlich zu uns Ungarn, das Budget haben unsere Gläubiger gemacht!" urteilt nicht ganz zu Unrecht der Fidesz-Abgeordnete Mihály Babák und sein Kollege Lajos Kósa legt nach, dass der "Ministerpräsident nicht mehr ist als ein Insolvenzverwalter und das ganz Budget ist ein einziger Insolvenzfall, in dem nicht einmal die Basisdaten realistisch sind." Die hilf- wie kompetenzlose Antwort der Regierungsbank darauf: "Standard & Poor´s hat unser Rating nach oben gesetzt, was im Moment in Europa eine Ausnahme darstellt..." sagte Oszkó eher halblaut, Poor wird wohl Standard. Der Fidesz kritisiert grundsätzlich die einseitige Ausrichtung des Budgets auf den Schuldendienst und Einsparungen. Alle Posten, die lebenswichtig sind und/oder irgendwie substantiell aus der Krise führen könnten, würden 2010 zu Tode gespart: öffentlicher Verkehr, Soziales, Regionalverwaltungen, Gesundheit und Bildung "werden die Verlierer" sei.  Mehr zum Budget hier

Feiern zu 20 Jahre MSZP / ein McGyurcsány-Kommitee ist schon in Planung

Der Fidesz kündigte an, eine eigene Kommission zur Aufarbeitung der Gyurcsány-Bajnai-Ära einzusetzen. Man bereite schon alles vor, "um die Verantwortlichen zur Verantwortung zu ziehen" und sie nötigenfalls auch ins Gefängnis zu bringen, drohte István Balsai, vermutlich der Chef dieser Sonderkommission. Die Sozialisten heulten in persona ihres Sprechers István Nyakó laut auf, das der Fidesz wohl eine Sozialistenjagd wie im Amerika der McCarthy-Ära inszenieren wolle. Der Fidesz sagt, er will lediglich die "Schuldigen" an den Zuständen in Ungarn verantwortlich für ihre Taten machen. Das beinhalte auch, dass man die ehemaligen Ministerpräsidenten vor Gericht stellen könne.

Bevor die Sozialisten aber ins Gefängnis wandern, haben sie bereits mit sich selbst genug zu tun. In dieser Woche hat Péter Farkas, MSZP-Chef von Budapest 17. Bezirk eine Petition unter Parteimitgliedern gestartet, welche zur Absetzung des Budapester Landeschefs der Partei, Sándor Burány und dem stellvertretenden Bürgermeister Miklós Hagyó, führen soll. Beiden werfen Teile der Partei (Opposition und Volk sowieso) vor, in dem Skandal um die erschwindelten Abfindungen und illegalen Gehaltsfortzahlungen bei den Öffentlichen Verkehrsbetrieben BKV ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen zu sein.

Auf einem Parteitag im Dezember, evtl. schon im November bei einem Vorstandstreffen, soll das reinigende Gewitter toben, gleichzeitig soll in dieser Zeit der neue Bürgermeisterkandidat (seit fast zwanzig Jahren ist das der Liberale Gábor Demszky), benannt werden, ganz nebenbei auch der Spitzenkandidat für die Parlamentswahlen im Frühjahr. Hier wünscht sich die MSZP weiterhin den Parteilosen jetzigen Premier Bajnai, der vehement dementiert. Péter Kiss, Sozialminister und Strippenzieher bei der MSZP sagte heute im Frühstücksfernsehen, dass der Kandidat nicht ein "Parteisoldat" im engeren Wortsinne sein wird. Bajnai wäre "zum Beispiel" so eine Person. Soll heißen: die MSZP hat keine Ahnung, wer es machen könnte.

Den größten Schenkelklopfer landete in dieser Woche jedoch Parteichefin Ildikó Lendvai selbst, als sie während einer Feierlichkeit zu 20 Jahre MSZP (die Umwandlung der einstigen Kommunistischen Staatspartei) meinte: "das Land wäre ärmer, ohne die 12 Jahre sozialistisch geführten Regierungen", worauf sich alle gleich fragten: ja, noch ärmer, geht das denn?

red

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