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(c) Pester Lloyd / 44 - 2009  BILDUNG 30.10.2009
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Ungarn sucht das Superhirn

Begabtenförderung in Ungarn als erster Schritt zur Zweiklassengesellschaft?

Mit 700 Millionen Forint (derzeit ca. 2,56 Mio EUR) unterstützt die Europäische Union ein Programm um Tausende Lehrer, Kindergärtner, aber auch Eltern zu Talentsuchern zu schulen. Sie sollen frühzeitig hochbegabte Kinder aufspüren und in der Lage sein, sie ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten entsprechend zu fördern. Das soll auch das allgemeine Niveau der Bildung verbessern, glaubt man. Es könnte wieder ein Holzweg sein.

Für die EU-Gelder hat die "Ungarische Gesellschaft zur Talentförderung", die es seit drei Jahren gibt, gemeinsam mit der beim Wirtschaftsministerium angesiedelten Nationalen Entwicklungsagentur ein Zwei-Jahres-Programm ausgetüftelt, dessen finanzieller Rahmen nun von der EU genehmigt wurde. Die Gesellschaft müsse talentfreundlicher werden, die Förderung von besonderen Talenten ist eine soziale Verantwortung. Besonders wichtig sei, dass jedes einzelne "Talent" die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten erhalten müsse, die es braucht, unabhängig davon "ob die Person in den Grenzen des Landes oder außerhalb, etwa in ungarischsprachigen Regionen im Ausland lebt, unabhängig von seinen finanziellen und sozialen Umständen, in denen es aufwächst." Allen Talenten müsse ein Weg gezeigt werden, der ihnen ihre Entwicklung und später eine entsprechende Karriere ermöglicht.

Péter Csermely, Präsident des "Nationalen Rates zur Förderung von Talenten" ergänzt, dass im Idealfall durch dieses Programm ein effektives Netzwerk gebildet werden kann, so dass jedes geförderte Kind die optimalen Ausbilder erhält. Wenn alles gut geht, aber wohl nur dann, "könnte das Talentförderprogramm sogar einen positiven Einfluss auf die Qualität der Allgemeinbildung in Ungarn haben." Die Notwendigkeit für das Programm wird damit beschrieben, dass "talentierte Persönlichkeiten sich in der normalen Umgebung in einer benachteiligten Position befinden, wenn sie das Beste aus ihren Möglichkeiten machen wollen."

Daher sollen, neben der Sensibilisierung der Lehr- und Erziehungspersonen auch weitere "Talent Points" im Lande entstehen. Derzeit sind dies rund 150, die Zahl soll in den kommenden zwei Jahren verdoppelt werden. Die Organisation unterstützt die Einrichtung solcher Stützpunkte ausdrücklich auch in den ungarischsprachigen Regionen außerhalb des Landes. Eine weitere Aktivität wird die Abhaltung von "Talenttagen" in "allen Teilen des Landes" sein. Insgesamt will man rund 20.000 besonders begabte Schüler erreichen, die in Workshops und mit Networking speziell gefördert werden sollen.

Kommentar: Talentlose Kinder gibt es nicht

Es ist wichtig, klugen Köpfen den Raum und die Möglichkeiten zu geben, sich zu entfalten. Es hat aber keinen Sinn, frühzeitig Eliten von "den Normalos" abzuspalten. Die obige Beschreibung des gewünschten Umfeldes zur Förderung von Talenten ist ja nichts anderes als die Beschreibung dessen was Bildung in einem ziviliserten Land im allgemeinen und für alle bieten sollte: freier Zugang und gleiche Förderung, unabhängig von der sozialen oder sonstigen Herkunft. Dieser Zugang ist in Ungarn nicht gegeben. Tausende Kinder, meist Roma, sind davon ausgeschlossen, systematisch und biographisch. Die Talentscouts sind auf einem völligen Holzweg, wenn sie meinen, durch Förderung der Hochbegabten (oder einfach Glücklicheren?) das Niveau der Bildungsangeobte insgesamt zu heben. Dafür gibt es ja Universitäten und Stipendien, günstige außerschulische Angebote und Eltern.

Man selektiert so Kinder früh von der "trögen" Masse, was vielleicht tolle Spezialisten, aber gerne auch sozial kalte Krüppel aus ihnen macht. Überehrgeizige Eltern, meist wohlhabender als der Schnitt, geben ihnen dann den Rest. Genau umgekehrt wird aber ein Schuh draus: wenn man die Schwächsten fördert, hebt man das allgemeine Niveau der schulischen Angebote, weil dann mehr Raum für die Hochtalentierten bleibt und soziale Spannung abgebaut wird. Gerade Hochtalentierte könnten in diese Förderung mit einbezogen werden. Im Hinblick auf das spezifische Problem mit den Roma, das langfristig praktisch nur über die Bildung gelöst werden kann, ist diese Genie-Förderung eigentlich ein Affront mit EU-Hilfe, denn die Förderprogramme für die Romaintegration in den Schulen sind nicht höher dotiert und werden durch private Schulstiftungen der Eltern von “Weißen” regelmäßig torpediert, unter Duldung der Behörden.

Talentförderung muss allen Kindern zugestanden werden, erst recht den auf den ersten Blick nicht so talentierten oder sozial problematisierten. Denn Kinder ohne jedes Talent gibt es nicht und sei es vorerst auch nur das Talent zu überleben. Die Förderung der einen Gruppe von jener der anderen abzukoppeln - genau das wird durch ein solches Programm gefördert - ist nicht nur unnütz, sondern gefährlich. ms.

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