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(c) Pester Lloyd / 46 - 2009  GESELLSCHAFT 13.11.2009
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Wendeplausch in feudalem Rahmen

Blumige Worte und bürgerliche Konversation: die Adenauer-Stiftung in Budapest feierte 20 Jahre Mauerfall

„Freude, Dankbarkeit und Verantwortung“. Unter diesen mittlerweile inflationären Schlagworten fasste Moderator Hans Kaiser die zweitägige Konferenz im Palais Festetics der Andrássy Universität Budapest zusammen. Geladene Fachleute und Zeitzeugen gaben Einblicke in die Ereignisse von 1989 und versuchten zumindest Bezüge zum Hier und Heute herzustellen. Die Festlichkeit verhinderte tieferes Geschürfe und im prunkvollen Ambiente rückte vieles schon in weite Ferne.

Prunkvoll das Ambiente, ein Spiegelsaal im feudalen Stil und durchsichtige Stühle. So lädt die Konrad-Adenauer-Stiftung Budapest zum Gedenken ein. Viele Anzugträger und interessierte Pensionäre erscheinen, Studenten werden vermisst. Ein Streichquartett eröffnet die Veranstaltung im hellen Licht stattlicher Kronleuchter, während Budapest schon längst in Dunkelheit liegt. Ein kleiner Mann mit kräftiger Stimme beschwört unter gewichtiger Gestik das Jahr der Wunder. Sein Name ist Hans Kaiser, Leiter der Konrad Adenauer Stiftung in Ungarn und Initiator der Konferenz. Immer wieder greift er zum Mikrofon und fasst die Beiträge der Gäste in blumigen Worten zusammen.

„Ick hab von jarnüscht jewusst“

Diese sind weit gestreut. Ein großes Thema über das gesprochen wird, ist die Voraussehbarkeit der Wende. Vom Grenzsoldaten bis zum Staatsminister reichte der Kreis der Vortragenden. Tenor bei den meisten Referenten ist, dass die Ereignisse völlig unerwartet ihren Lauf nahmen. Als der NVA-Grenzsoldat Andreas Schlotzhauer am 9. November vor dem Brandenburger Tor die emotional gelösten Bürger zum Grenzübergang Friedrichstraße leitete, war er noch im festen Glauben, dass es sich lediglich um eine vorübergehende Grenzöffnung handeln würde. „Ick hab von jar nüschtjewusst“, sagt er auch im Bezug auf die Tatsache, dass Westfernsehen in der Kaserne streng verboten war. „Da waren wir alle, wie Träumende“, zitiert Monsignore Dr. Karl-Heinz Ducke aus dem alten Testament. Ducke, katholischer Pfarrer, war Moderator des Runden Tisches, jener in der DDR zwischen Mauerfall und Volkskammerwahl im März 1990 eingerichteten Institution, die sich als Forum der demokratischen Erneuerung verstand. Er selbst, bemisst seiner Aufgabe keinen hohen Stellenwert bei und betont, dass er sich eine Wiedervereinigung Deutschlands zwar gewünscht, aber so zeitnah nie vorgestellt hätte.

Eine ausgemachte Sache oder doch der Dominoeffekt?

Von Traumtaumel will Imre Pozsgay, 1989 Minister im Amt des ungarischen Ministerpräsidenten und seit 1950 Mitglied der ungarischen kommunistischen Partei, hingegen nichts wissen. Von Hans Kaiser als „wirklicher Reformer“ angekündigt, betont er sich selbst nicht rühmen zu wollen. Ausholend und etwas unstrukturiert berichtet er von den Vorzeichen des sowjetischen Kollapses. Als Beispiele für solche internationale Tendenzen nennt er den Rückzug der Russen aus Afghanistan, Nicaragua, Angola und anderen von den Blöcken umkämpften Ländern. Als Pozsgay aber auf die ungarischen Entwicklungen zu sprechen kommt, rücken seine Gespräche mit internationalen Staatsmännern unverhältnismäßig in den Vordergrund. Dennoch bieten sie Einblicke, in einen bisher noch ungeschriebenen Teil der Weltgeschichte und zeigen auf, dass man durchaus die Wende hätte erahnen können.

Die Wende als Ausdruck bürgerlichen Sehnens

Dr. Imre Balog ist ein engagierter Bürgerrechtler und sprüht vor Energie. Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im ungarischen Parlament ist gerade aus Belgrad eingetroffen, wo er mit serbischen Studenten über die Wende und den Bürgerkrieg diskutierte, weshalb sein Vortrag vielleicht auch mit am Belebtesten wirkt. Die Vorgeschichte des Jahres 1989 deutet er ähnlich, wie seine Kollegen, er schreibt der christlichen Kirche und der Familie, als Refugium bürgerlicher Werte eine tragende Rolle bei den Ereignissen zu. Als zentraler Begriff fällt die Doppelerziehung: „In der Schule wurde die offizielle sozialistische Doktrin gelehrt, im Kreis der Familie aber ihr widersprechende Auffassungen von ungarischer Kultur und Geschichte.“ Immerhin ging er nicht so weit, wie Lech Walesa, der bei den Feiern am 9. November in Berlin allen Ernstes behauptete, der heilige Geist, der Papst und er hätten eigentlich die Mauer umgeblasen.

Interessant ist der Vergleich der oppositionellen Kräfte von DDR und Ungarn. Balog meint, die Kirche sei in Ostdeutschland aktiver aufgetreten, während sie in Ungarn, zwar als Behüter von Werten fungierte, nicht aber im Stande war ausreichend Schutzräume für Oppositionellen zu schaffen, oder gar selbst Initiative zu ergreifen. Wie Balog, legt die ganze Veranstaltung ihren Fokus auf einen allgemeinen bürgerlichen Umschwung, lässt aber andere Strömungen, wie die Ökologie-Bewegung in der DDR unbeleuchtet, die alles wollte, nur nicht den "Beitritt" der DDR zur BRD.

Politische Passivität und Unzufriedenheit als Wendefehler

Den letzten Themenblock bilden Gegenwart und Zukunft. Zwar herrscht grundsätzliche Zuversicht vor - wie es auch der Untertitel der Veranstaltung, „das Tor steht weit offen“, nahelegt, doch werden auch Probleme angesprochen. Pfarrer Ducke beispielsweise hätte sich eine eigenständigere Entwicklung und stärkere Einbeziehung basisdemokratischer Tendenzen in Ostdeutschland gewünscht. Versäumnisse bei der Wende seien bis heute zu spüren und haben, folgt man den geladenen Experten, auch in Ungarn Spuren hinterlassen. So werden politische Passivität und Unzufriedenheit, als wichtige Folgen der mangelnden Einbindung der Zivilgesellschaft herausgestellt. Welche Versäumnisse dabei vielleicht auch eine Adenauer-Stiftung als Teil der schwer parteilastigen politischen Landschaft in Deutschland auf sich geladen hat, kam freilich nicht zur Sprache.

Auch für eine allgemeinere aber tiefergehende Debatte über das zwangsläufige Schicksal selbstherrlicher Systeme, die am Volke vorbei regieren oder die unbehandelten Krankheiten des nach der Wende übrig gebliebenen Wirtschaftssystems fanden sich keine Anstosser, es war eben doch ein Festakt. Besondere Kritik musste sich dafür die ungarische Medienlandschaft, für die auch von ihr vorangetriebene Polarisierung der politischen Blöcke gefallen lassen. Neben „Freude und Dankbarkeit“ wünschten sich die Redner bei ihrem bürgerlichen Wendeplausch „Verantwortung“ für die Zukunft und ein stärkeres politisches Engagement der Bevölkerung.

Frederic Heine, -red.

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