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(c) Pester Lloyd / 48 - 2009
WISSENSCHAFT 23.11.2009 _______________________________________________________
Jedermanns moralische Pflicht
Wissenschaft als Opfer und Bezwinger der Krise - Ein Credo vom Weltwissenschaftsforum in Ungarn
Vor kurzem fand das 4. Weltwissenschaftsforum in Budapest statt. Ein Treffen, das vor allem zu einer stärkeren Vernetzung von Forschung und Industrie sorgen
soll. Die Schaffung von mehr Schnittstellen zwischen Wissenschaftlern und Wirtschaft kann beide Seiten befruchten, Finanzierungsmodelle schaffen und
dem Menschen so letztlich effizienter dienen. Genau in dieser Merkantilisierung besteht aber auch eine große Gefahr für die Unabhängigkeit der Wissenschaft,
die zwar kein Selbstzweck ist, aber auch nicht nur Mittel zum Zweck.
Der Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Prof. József Pálinkás,
nutzte sein Schlusswort auf der Konferenz daher für einen Aufruf, sich, bei allen ökonomischen Notwendigkeiten, auf den ethischen Gehalt und die ureigenen Aufgaben
von Forschung und Wissenschaft zu besinnen.
Er stellte dabei die Aufgabe der Wissenschaft als einem Diener der Menschheit in den
Mittelpunkt, die immer auch in einem sozialen Umfeld agiert und keineswegs nur in einem ökonomischen. Die sich ergebende Wechselbeziehung zwischen sozialer
Situation, Wissenschaft und Technologie sei gerade in der Krise besonders gut lesbar. "Das 4. Weltwissenschaftsforum fand in einer Zeit wirtschaftlichen, sozialen und
politischen Aufruhrs statt, in dem der Humanismus vor großen Herausforderungen steht; sozialen Herausforderungen von beispielloser Komplexität, beträchtlicher
Ungewissheit und schneller zeitlicher Abfolge."
Ohne Wissenschaft ist keine Krise zu bewältigen
Die vor der Menschheit stehenden Herausforderungen, ob sie komplexer
naturwissenschaftlicher oder sozio-ökonomischer Natur sind, ob es um die Gesundheit, Bereitstellung und Verbrauch von Nahrungsmitteln und Energie geht, sie alle sind nicht
eingleisig zu lösen, die Probleme halten sich eben nicht an Fachgrenzen. Daher ist die interdisziplinäre Kooperation so notwendig, die einer gemeinsamen Verantwortung der
Gemeinschaft und den Forschungseinrichtungen bedarf. Allerdings, so Pálinkás, "gibt es während wirtschaftlicher Krisen einen gesteigerten Drang, Wissenschaftsbudgets
zusammen zu kürzen und sich auf kurzfristige Ziele zu beschränken. Daraus folgt nicht nur eine anlassbezogene Forschung, sondern solche Maßnahmen können sogar das
langfristige Wirtschaftswachstum schädigen." Und dieses Risiko besteht laut dem Akademiepräsidenten gleichermaßen für die Sozialforschung und die
Geisteswissenschaften, die für das Verständnis und Bewältigung der Krisenschocks essentiell sind.
Leidenschaftliche Selbstkritik
"Doch was können wir tun? Kann Wissenschaft jemals streiken? Kann kreative
Aufmerksamkeit ausgesetzt werden?" Pálinkás, Atomphysiker und seit 2008 an der Spitze der altehrwürdigen Institution, fordert ein gesamtgesellschaftliches Bekenntnis
zur Forschung, denn Wissenschaft kann nicht einfach streiken. Die Politik könne das, da sie rein praktisch ist. "Die Forschung aber ist praktisch und kontemplativ zugleich.
Die Wissenschaft muss politische Handlung eher anleiten und führen, in dem sie ihr gleichermaßen Grundlagen und Perspektiven bereitstellt, anstatt ihr zu assistieren.
Wissenschaft soll uns nicht bedrohen, im Gegenteil, sie soll warnen und Lösungen anbieten. So wird Wissenschaft zu unserem ureigensten Anliegen. Und genau da liegen
auch unsere Mängel. Statt der Wissenschaft vorzuwerfen, sie verschließe sich der Logik der Medienwelt, werfe ich der Wissenschaft vor, dass sie es versäumt hat, den
Medien die Logik der Wissenschaft beizubringen. Statt uns selbst vorzuwerfen, dass wir unfähig sind entschiedene Antworten auf jede einzelne Frage zu geben, werfe ich
uns vor, dass wir es zulassen, dass Wahrheiten grauer erscheinen als Versprechungen. Statt uns selbst vorzuwerfen, unsere Autorität nicht zu bewahren, werfe ich uns vor,
Autorität stärker von der Konformität mit internen Spielregeln abhängig gemacht zu haben als von wirklichem Talent und den Bedürfnissen der Gesellschaft." Es sei nicht
sinnvoll, irgendetwas von anderen zu fordern, wenn man es selbst sei, von dem man passende Anworten erwarten könne, schloss Pálinkás sein leidenschaftliches Intermezzo.
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Die Menschheit hat ein "Autoritätsproblem"
"Der derzeitige Konzentrationsprozess in der Wissenschaft wird die Kapazitäten jener
Länder dezimieren, die ihren Forschern nicht die allermodernsten Forschungsbedingungen bieten und auch nicht die besten Gehälter zahlen können.
Deshalb ist es so wichtig eine angemessene Balance zwischen Kooperation und Wettbewerb zu schaffen, Vor allem auf dem Gebiet des Wettstreits um
wissenschaftliche Talente.", sagt Pálinkás und fordert eine gerechtere Verteilung internationaler Forschungseinrichtungen. Die Unterstützung von immer weniger
Megaprojekten müsse unbedingt mit der verstärkten Förderung von kleineren und mittleren Projekten ausgeglichen werden. Auch die Herausforderungen des
Internetzeitalters, mit dem ungehinderten Zugang zu allen Arten von Informationen hat für Pálinkás kritische Aspekte, die noch zu wenig beachtet werden. Auf der einen
Seite kann man mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten und der sozialen Vernetzung den wissenschaftlichen Fortschritt beschleunigen, andererseits kann die
gleiche Freiheit Pseudowissenschaft und dubioses Marketing fördern. Das menschliche Fassungsvermögen gerät in Schwierigkeiten, wenn es unvorbereitet mit der
Komplexität der Welt konfrontiert wird. Die meisten Informationen, die auf uns einströmen, ob gewollt oder nicht, sind irrelevant. Das ist eine Nebenwirkung des technologischen Fortschritts.
Stiefkinder: Grundlagenforschung und Lehre
Pálinkás weitere Sorge gilt dem Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. "Die
Öffentlichkeit hat keine klare Vorstellung davon, wie sie aus Wissenschaft Nutzen ziehen kann und wie wesentlich sie für die Lösung der Menscheitspobleme ist." Deshalb
müsse die Kommunikation von der Wissenschaft mit der Gesellschaft nicht nur einfach verstärkt werden, sondern auch ehrlich sein. "Für viele Leute ist Wissenschaft etwas
kaltes, fremdartiges. Moderne Formen der Irrationalität verbreiten sich und manchmal geraten sie in direkte Konkurrenz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es gibt ein
ernsthaftes "Autoritätsproblem" im modernen Leben, das es immer weniger Menschen möglich macht, rational zu entscheiden, wem oder was man glauben kann." Dieses
Problem führt hin bis zur Negation Wissenschaftlichkeit. Pálinkás fordert eine Professionalisierung im Umgang mit den Medien. "Wir sollten die Offenheit der
Wissenschaft demonstrieren, Debatten sollten öffentlich stattfinden, moderiert von anerkannten Experten." wünscht er sich.
Das zentrale Problem heutigen Forschung sieht der Präsident der Ungarischen
Akademie der Wissenschaften jedoch in der wachsenden Zahl von Ländern, in denen "Forscher ihre Arbeit anhand von wirtschaftlichem Nutzen rechtfertigen müssen."
Dagegen ist die lebensnotwendige Wichtigkeit der Grundlagenforschung darzustellen. Womit Pálinkás auch auf die Lehre zu sprechen kommt. Es gäbe: "in vielen Ländern
ein Mangel an kompetenten und begeisterten Lehrern.", Lehrpläne seien oft statisch und weit weg von neueren, spannenden Entwicklungen. Pálinkás fordert eine
Offensive, die vor allem das Ansehen der Lehrer steigern sollte und ihnen mehr Fortbildungs- und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Auch eine Debatte über
wissenschaftlichen Unterricht an der Schule sei wichtig. Man könne nicht auf der einen Seite von Talent- und Eliteförderung sprechen, wenn man den jungen Leuten auf der
anderen Seiten nicht die Lernmöglichkeiten einer modernen Zeit an die Hand gibt. Letztlich sei es aber "Jedermanns moralische Pflicht, ein elementares Verständnis von
der Welt der Wissenschaft" zu haben.
Wissenschaft und Technologie sind nur Werkzeuge. Ohne Menschen dahinter sind sie
nichts, so das Credo von Pálinkas. "Die Benutzung dieser Werkzeuge bedarf Vorausschau, Verantwortlichkeit und Ethik. Kreativität, Erfindungsgeist und
Wissenschaft sind längst nicht nur dazu da eine endlose Reihe von schicken, neuen Anwendungen zu produzieren. Wissenschaft ist ein Wert an sich. Daher müssen unsere
Worte und Lösungen Anziehungskraft besitzen, das Wort "erdverbunden" könnte darin eine neue Bedeutung finden und möge unsere Erforschung des Wesens der Natur eine
neue Perspektive eröffnen. Es liegt an uns."
Zum Thema:
Experten zurückholen! (17.06.2008)
Im Gespräch mit Prof. József Pálinkás, dem neuen Vorsitzenden der Akademie der Wissenschaften Ungarns
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(c) Pester Lloyd
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