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(c) Pester Lloyd / 49 - 2009
BUDAPEST 05.12.2009
Suche nach dem perfekten Schuh
Die Schuhmacher von Budapest, eine Tradition mit Zukunft - MIT VIDEO
Der perfekte Schuh - gibt es ihn? Passen sollte er natürlich, individuell und modern sein. Selbstverständlich auch robust und haltbar, nicht so ein
Billigtreter. Wer genug davon hat, jedem neuen Trend hinterher zu laufen und stattdessen in echte Qualität investieren möchte, sollte sich auf der Suche nach
seinem Traumschuh in Budapest umschauen. Der legendäre Budapester Leisten hat die Zeiten nicht umsonst überdauert.
Das klassiche Budapester Modell, hier farblich in einer
durchaus extravaganten Ausführung aus dem Hause Vass
Immernoch zeugen die deutsch klingenden Namen vieler Fachbegriffe (abnémer,
bindolóár, kapli) davon, dass die hohe Kunst der Schuhherstellung aus Österreich und Deutschland nach Ungarn gelangte. Die ungarischen Schuster standen ihren
westeuropäischen Kollegen bald in nichts mehr nach und in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich hier der weltweit bekannt gewordene
Budapester Leisten (typisch mit: hoher Vorderkappe, aufwendigem Lochmuster und hellem Oberleder), der endgültig den guten Ruf der ungarischen Schuhwerkstätten
begründete. Und so kann Budapest mittlerweile auf eine eigene Tradition zurückblicken, die aus Budapest und Schuhen eine unzertrennliche Marke machte.
Die Zahl der Schuster hat sich durch Industrialisierung, Verstaatlichung, Eisernen Vorhang und dann der Schnäppchenmentalität mit ihren Billigimporten aus Fernost
freilich deutlich verringert. Trotzdem ganz verschwunden sind sie nicht.
Von der Damenmode zurück zum alten Handwerk: zu Besuch bei László Vass
In Budapest begebe ich mich auf die Suche nach den besonderen Schuhgeschäften.
Einer der großen Namen im Budapester Schuhbusiness ist László Vass. Noch in den 80er Jahren betrieb er ein gewöhnliches Damenmodeschuhgeschäft. Nach der Wende
wurde die Konkurrenz in der Branche aber so groß, dass er sich entschloss auf alte Handwerksarbeit und Qualität zu setzen. Diese erwies sich als absolutes
Erfolgsrezept. Schon kurz nachdem der erste handgefertigte Schuh probeweise in seinem Laden verkauft wurde titlte die Neue Züricher Zeitung: „Die Renaissance der
"Budapester" - In Ungarn gibt es wieder gelbe Schuhe."
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Das nur etwa 25 Quadratmeter kleine Geschäft am Harris Köz ist schlicht und
unprätentiös. Gegenüber der Eingangstür befindet sich eine Bank auf der alle Schuhinteressierten Platz nehmen. Möchte man einen der Schuhe anprobieren,
verschwindet das überaus zuvorkommende Personal auf einer kleinen Treppe nach oben und kommt mit dem gewünschten Modell und einem silbrigen kleinen
Schuhlöffel in der Hand zurück. Circa 80% der Kunden kommen aus dem Ausland, Deutschland, Österreich, Schweiz und seit einigen Jahren auch aus Fernost, vor allem Japan.
Das klassische Programm: Derby, Oxford, Altwiener, Budapester
In erster Linie ist Vass auf Herrenschuhe spezialisiert, doch auch die etwas weichere
und mit kürzerem Vorderteil gefertigte Frauenvariante wird angeboten. Das ausschließlich klassische Design haben beide Kategorien gemeinsam: Derby, Oxford,
Altwiener und eben der Budapester sind im Programm.
Ich teste einen dunkelbraunen Budapester Damenschuh. Er fühlt sich stabil und
zuverlässig an. Glatt schmiegt sich das Leder an meinen Fuß. Er sieht auch gut aus, schick und elegant, aber nicht protzig. Wem die Standardgrößen nicht richtig
passen, kann sich hier auch Maßschuhe anfertigen lassen. Der Leisten wird noch knapp drei Jahre nach der Bestellung aufbewahrt. Wenn man das nächste mal ein
Paar neue Schuhe braucht, aber keine Zeit hat nach Budapest zu reisen, kann das neue Paar auch einfach telefonisch bestellt werden. Innerhalb der nächsten fünf Wochen wird es dann nach Hause geliefert.
Vass Cipö www.vass-cipo.hu
Der Juhos-Betrieb am Bürgerplatz in Alt-Buda existierte seit 1910
Personalintensive Handarbaeit war damals Standard
Von Vamp bis mädchenhaft - Schuhe bei Katalin Juhos
Ein weiteres Schuhgeschäft der besonderen Sorte, ist der Laden von Katalin Juhos in
der Váci utca 10. Schon seit 1910 ist die Familie Juhos für ihre gut gearbeiteten Schuhe bekannt und auch heute noch wird hier viel Wert auf Handarbeit gelegt. Ihr
Sohn István Bergmann ist für das Design zuständig und führt damit die Familientradition in 4. Generation weiter. Besonders Schuhfreundinnen kommen bei
Juhos voll auf ihre Kosten: von Vamp bis mädchenhaft, von alltagstauglich-wetterfest bis klassisch-elegant, in allen Farben leuchten hier die Stilettos, Stiefel, Ballerinas und Halbschuhe aus den Regalen.
Detail eines aktuellen Modells aus dem Hause Juhos, heute in der Váci utca
Die Schuhe funktionieren nach einer Art
Baukastenprinzip, das auf Wunsch auch ganz individuelle Designs zulässt. Zur Auswahl stehen unter anderem etwa 40 unterschiedliche Absatzformen und über 300 verschiedene
Materialien. Ich wähle die Pumps-Form mit 7cm Killerhacken und überlege aus welchem Stoff ich sie am liebsten hätte. Hellrosa Satin mit pinken Straßsteinchen? Oder doch lieber die
Kombination aus dunkelgrünem Glattleder und schwarzem Paillettenstoff? Girlie versus Dame von Welt ? überflüssig zu sagen, dass mir beide gefallen. Zudem sind sie trotz der hohen
Pfennigabsätze erstaunlich solide und machen einen wunderschönen Fuß.
Obwohl die hier erhältlichen Schuhe modisch voll
auf der Höhe liegen, wäre es weit gefehlt Frau Juhos als Fashion Victim zu beichnen. „Mode und Bequemlichkeit müssen sich in der Mitte treffen“, lautet ihre
Geschäftsphilosophie. Zwischen 100 und 150€ kosten ein Paar Damenschuh, 150 bis 300€ die Stiefel und Herrenschuhe sind ab circa 240€zu haben.
Juhos Cipö www.juhoscipo.hu
Die Krone der Schöpfung: "Koronya" von Marcell Mrsan
Die letzte Station der Budapester Schuherkundung führt hinauf in die Buda-Berge, zu
der Werkstatt von Marcell Mrsan. Die Wände sind mit Schusterwerkzeugen behangen, in den Regalen liegen Unmengen an Leisten und halbfertige Schuhe,
museal anmutende Maschinen, z.B. eine 100 Jahre alte Singer Nähmaschiene, stehen im Raum verteilt. Hier stellt der Ein-Mann-Unternehmer die Schuhe des Familienlabels Koronya her.
Modell “Oxford” von Koronya
Die Edelmarke ist in Deutschland noch kaum bekannt, in Amerikas besseren Kreisen
findet sie jedoch mehr und mehr Abnehmer. Mrsans Produkte sind ausschließlich so genannte 'custom-made' Modelle. Das heißt jeder Schuh ist absolut individuell
gefertigt. Auch das Design der Schuhe richtet sich ganz nach den Kundenwünschen. Entsprechend höher liegen bei Koronya die Preise. Wie hoch vermag Mrsan nicht
genau zu sagen, zu unterschiedlich seien die Ansprüche seiner Kunden um eine allgemeine Richtlinie zu nennen.
Alte Geheimnisse eifersüchtig behütet - Mit YouTube gegen das Vergessen
Neben dem Vertrieb von Luxusschuhen hat sich
Mrsan auch noch einem anderen Ziel verschrieben: der gelernte Schuster und studierte Betriebswirt kämpft gegen das Aussterben der traditionellen Handwerkskunst.
Die alten Meister hätten ihre Geheimnisse alle eifersüchtig gehütet. Wenn überhaupt, wurden die Kniffe und Tricks nur mündlich
weiter gegeben und selbst in den alten Handwerksbüchern werden die relevanten Handgriffe kaum beschrieben. „Wenn wir nicht aufpassen ist in ein paar
Generationen das ganze alte Wissen vergessen.“ Mrsan will es nicht dabei bewenden lassen. Vor zwei Jahren veröffentlichte er ein Youtube Video: Shoemaking in 7 minutes. Das Echo war riesig.
Heute berichtet Mrsan in seinem Internetblog
ausführlich über seine Arbeit. Außerdem bietet er drei bis 7-tägige Workshops, überwiegend in Amerika an, bei denen die Teilnehmer ihr eigenes Paar Schuhe herstellen. In der
Budapester Werkstatt kann man sogar 4-wöchige Kurzlehrgänge absolvieren. Das erste Paar Schuhe wird geklebt, ist man dann auf den Geschmack gekommen, traut man sich
vielleicht auch den einen oder anderen Stich zu nähen. Und was braucht es denn um ein guter Schuster zu werden? Mrsan überlegt kurz: „Kraft, handwerkliches
Geschick, Sinn für Ästhetik und natürlich Übung, Übung, Übung.“
Koronya www.shoemakingcourse.com
www.koronya.com
Anna Ilin
Fotos: Vass Cipö, István Bergmann (Juhos Cipö), Marcell Mrsan (Koronya)
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