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(c) Pester Lloyd / 49 - 2009  GESELLSCHAFT 02.12.2009
 

Das Selbstbedienungsland

Vier Fälle von Korruption und Intransparenz in Ungarn

Was haben ein Radiosender, elf Häuser in Pécs, die Schweinegrippe und der Velence See gemeinsam? Sie alle sind Gegenstände parlamentarischer und / oder polizeilicher Ermittlungen in Ungarn. Vier Beispiele, die an nur einem Tag über die Nachrichtenticker liefen und so ein Schlaglicht auf das ständige mafiöse Chaos und die nervöse Stimmung namens Ungarn liefern. Alle tragen das gleiche Muster in sich: undurchsichte Machenschaften, politische Hintergrundfiguren und allgemeine Selbstbedinungsmentalität.

Das schlimme sind schon nicht mal mehr die Fälle selbst, sondern die immer kürzer werdenden Abstände, in denen die dubiosen Vorgänge rund um Ausschreibungen, Beschaffungsverträge und öffentliches Wirtschaften ans Tageslicht kommen. Dies ist nämlich kein Zeichen eines Anfalls von unbedingter Transparenz, sondern nur der Hinweis darauf, dass der Eisberg unter der herausragenden Spitze mittlerweile die Größe des Landes überstiegen haben dürfte.

Rasterfahndung auf Ungarisch: Blick ins Parlament

Freilich, auch der Wahlkampf spielt eine Rolle. Die beiden großen ungarischen Parteien betreiben jede eine eigene Task Force, um die Öffentlichkeit mit Skandalen des Gegners zu versorgen. Die nachfolgenden vier Fälle sind da nur ein kurzer Ausschnitt aus dem täglichen Gewühle. Man könnte sie beliebig erweitern. Ob weitergezahlte Managergehälter, ungerechtfertigte Abfindungen, zahllose Immoskandale in Budapester Bezirken, die Errichtung von Tiefgaragen, Überschreibung von Grundstücken, ungeregelte Parteieinfinanzierung, gekaufte Medien etc., etc.

Was bekannt wird, zeigt auch, dass es nicht nur die ausländischen Investoren sind, die Grund zum jammern haben, sondern dass jeder halbwegs ehrliche Geschäftsmann und erst recht der einfache Bürger die Angeschmierten in einem Land sind, das von den politischen "Eliten" und ihren Verbündeten in der Wirtschaft ausgesaugt wird. Es gibt niemanden, an den man sich angstfrei wenden könnte, nicht das Vertrauen in staatliche Institutionen ist in Ungarn untergraben, das Vertrauen in den Staat selbst ist geschwunden, der Minimalkonsens der Gesellschaft steht auf der Kippe. Es tröstet wenig, dass es in anderen Ländern nicht viel anders zugeht.

Fall 1 - Radio

Die umstrittene Frequenzvergabe an zwei Radiobetreiber (Advenio und FM1 von Est Media) und damit der Entzug der Lizenzen für das beliebte Sláger Rádió sowie Danubius Rádió wird nicht nur ein Fall für die Gerichte, sondern auch von einem Parlamentsausschuss untersucht. Der Ausschuss für Verfassungsfragen und Justiz will eine eigene Untersuchungskommission bilden, die die Rechtmäßigkeit des Vergabeverfahrens überprüfen soll. Der Anschub davon kam vom Fraktionschef der Liberalen, Ex-Wirtschaftsminister János Koka. Er bezeichnete den Fall als "den schwerwiegendsten Korruptionsskandal dieser Dekade" und meinte damit nicht nur die Vergabe selbst, sondern die Dreistigkeit, mit der die Sache "vor den Augen der Öffentlichkeit" abgespult wurde.

Beobachter gehen jedoch davon aus, dass aufgrund der Zusammensetzung des Ausschusses die Investigation enden dürfte wie das Hornberger Schießen, immerhin lautet der Vorwurf ja vor allem, dass sich die beiden großen politischen Parteien die Frequenzen praktisch untereinander aufgeteilt hätten. Genau das können sie dann auch mit den Untersuchungsergebnissen tun. Auch Koka macht diesen Vorwurf und sprach von einer "großen Koalition des Betruges". Der Chef der Vergabebehörde ORTT trat entrüstet zurück, die Sache ist gerichtsanhängig, der amerikanische Besitzer von Sláger zog sich mit dramatischer Geste aus Ungarn zurück und die amerikanische sowie acht weitere westliche Botschaften nahmen den Fall zum Anlass mit einem eher deplatzierten, offenen Brief für allerlei Aufregung zu sorgen.

Fall 2 - Impfstoff

Das Komittee für Nationale Sicherheit veranstaltete am Montag eine Anhörung des ungarischen Pharmaunternehmens Omninvest, exklusiver Entwickler, Hersteller und Lieferant des Impfstoffes gegen den H1N1-Virus für Ungarn. Stein des Anstosses ist der Vertrag, den das Gesundhetsministerium über die Lieferung des Vaccines gegen die "Schweinegripp" abgeschlossen hat und der unverständlicherweise gleich auf zehn Jahre lautet. Außerdem wurde bekannt, dass der ungarische Geheimdienst Ermittlungen über die undurchsichtige Eigentümerstruktur von Omninvest angestellt habe. Angeblich sollen die Eigentümer der Firma über verschiedene Konstrukte auf Zypern registriert sein.

Der christdemokratische Chef des parlamentarischen Ausschusses will nun wissen, wer die Gewinne aus der ungarischen Impfaktion eigentlich abschöpft. Auch hier steht der latente Vorwurf im Raum, das einer der beiden großen politischen Blöcke auf die eine oder andere Weise, jedenfalls in bar, mitschneidet. Omninvest ist schon seit 15 Jahren der Hoflieferant Ungarns wenn es um Grippemittel geht. Die ersten Befragungen hatten kein Licht ins Dunkel gebracht.

Fall 3 - Immobilien in Pécs

Die Polizei in Pécs wurde jetzt von der Staatsanwaltschaft aufgefordert, den Fall eines mutmaßlichen Immobilienbetruges in der Stadtverwaltung wieder aufzurollen. Dabei ging es um den Verkauf von elf Liegenschaften aus dem Besitz der Stadt, die vom verantwortlichen Manager der Stadtholding (damals Pécsi Városüzemelési és Vagyonkezelő Zrt., heute Pécs Holding Zrt.) 2007 verkauft wurden. Ein Informant, der bei dem Deal offenbar zu kurz gekommen war, informierte damals die Polizei, dass nach seinen Berechnungen der Stadt ein Schaden von umgerechnet fast einer Million EUR enstanden sei, weil die Immobilien weit unter Marktwert an die neuen Eigentümer gingen. Die Polizei hatte aber die Ermittlungen bald mit einer eigenartigen Begründung eingestellt. Es sei zwar finanzieller Schaden festzustellen, aber es liege kein Rechtsbruch vor, die Beschuldigten hätten im Rahmen ihrer Vorschriften gehandelt.

Fall 4 - Land am Velence See

Ungarns staatliche Vermögensverwaltung will nun auf gerichtlichem Wege versuchen einen umstrittenen Deal über einen Landtausch für ein gigantisches Kasino am Velence See annullieren zu lassen. Das Resort- und Kasino Projekt King´s City umfasst eine Investition von rund 1 Milliarden EUR. Umstritten ist nicht nur Art, Umfang, Lage und Sinn eines solchen Megaprojektes am noch naturnahen Velence See, sondern vor allem die Art und Weise wie der Investor an das Grundstück gekommen ist. Er hatte es mit der Vermögensverwaltung gegen andere Grundstücke, entlang einer geplanten Straße, getauscht, die sich "im Nachhinein" allerdings als viel weniger wert herausstellten. Über die Affäre war der Chef der Staatsbehörde gestolpert, er wurde fristlos entlassen. Der Versuch einer gütlichen Einigung mit dem Hauptinvestor Joav Blum über eine Nachzahlung der in Frage stehenden Differenz scheiterte. Die Wertdifferenz beträgt in etwa 2 Mio EUR. Außerdem stellte sich mittlerweile heraus, dass der Staat zum Bau der Straße nur ein sehr kleines Stück des Blumschen Besitzes benötigt hätte.

-red

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