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(c) Pester Lloyd / 49 - 2009  POLITIK 01.12.2009
 

Salonsozialisten ohne Machtinstinkt

Ein Betriebsbesuch bei „Szema“, einer neuen Partei in Ungarn

Eine wirklich neue politische Kraft ist die Partei SZEMA wohl nicht. Und auch für ein Sammelbecken enttäuschter Liberaler und Linker genügt dieses Fragment nicht. Es ist nur ein Steinchen mehr im Mosaik des "bunten Ungarn", dem defensiv-melancholischen Gegenentwurf zum zerrissenen Antlitz des Landes. SZEMA sucht keinen Koalitionspartner und will vorerst lieber diskutieren als aktiv Politik gestalten, obwohl genau das Not täte. Der unterdrückte Machtinstinkt macht die Ideenwerkstatt zwar sympathisch, wird ihren Erfolg als Partei aber verhindern.

Klára Ungár, János Orsós und István Sértö-Radics laden zur Pressekonferenz in ihr Stammcafé, die alternativ-chaotische Nyitott Mühely (offene Werkstatt). Zuerst spricht Klara Ungár. Die fünfzigjährige ehemalige SZDSZ- und Fidesz-Abgeordnete, die sich als erste ungarische Politikerin überhaupt dazu bekannte, lesbisch zu sein, tritt selbstbewusst auf und lächelt einnehmend ins Publikum. Ihre Arbeitsfelder sind die Bekämpfung der Korruption und die Stärkung der Rechtsstaatlichkeit.

Die Korruption, ungelöstes und scheinbar auch unlösbares Dauerthema der ungarischen Gesellschaft, will Ungár durch die Herstellung von umfassender Transparenz bekämpfen. Das soll für staatliche Unternehmen, die Vergabe von öffentlichen Aufträgen und für die Parteienfinanzierung gleichermaßen gelten: „Alles muss sauber dokumentiert und im Internet veröffentlicht werden“. Pensionierten Personalchefs, die hunderte Millionen Forint an Steuergeldern auf die Seite schaffen (siehe BKV-Skandal) und anderen Ganoven im halböffentlichen Zwielicht, würde so ihr "Handwerk" deutlich erschwert, hofft man.

Die großen Parteien, die ebenfalls vorgeben, entschlossen gegen die Korruption vorzugehen, enttäuschten in der Vergangenheit das Vertrauen ihrer Wähler. Ob Szema das resignierte Wählervolk aber tatsächlich ansprechen kann, bleibt fraglich. Transparenz als Allheilmittel ist angesichts der strukturellen Ursachen von Korruption eher ein Herumdoktorn am Symptom als eine wirkliche Bekämpfung der Krankheit.

Rettung der Freiheit durch mehr Verbote

Ein weiteres Anliegen von Ungár ist die stärkere Gewährleistung von Persönlichkeitsrechten. Diese Absicht entstammt der Furcht vor populistischen Provinzpolitikern und Rechtsradikalen und ist vor allem auf „Hassreden“ bezogen: „Wir wollen Ansprachen, die zu Gewalt oder Ausgrenzung von Menschengruppen auffordern, per Gesetz verbieten“. Solche Einschränkungen der Meinungsfreiheit sind mit dem entsprechenden Menschenrecht ausdrücklich vereinbar (Art. 19, Absatz 3); Ungarn ist hier im internationalen Vergleich besonders liberal. Das ist eigentlich eine Errungenschaft nach der stummen Zeit hinter dem eisernen Vorhang, die aber auch Tür und Tor geöffnet hat für Missbrauch aller Art. Auch dieses Thema haben die Sozialisten von der MSZP längst auf der Agenda.

Zuletzt sprach sie von der Stärkung des Rechtsstaats und der Ausweitung seiner Sanktionsfähigkeiten. So soll die staatliche Exekutive gestärkt werden, um zumindest die gefühlte Sicherheit zu verbessern und so das derzeitige Bedürfnis nach Bürgerwehren, die man nicht ganz zu Unrecht auch als Spielplatz der Rechten ansieht, obsolet zu machen. Auch will sie der Justiz bessere Mittel zum Verbot solcher Vereinigungen verschaffen. Nicht nur die rechtliche Institution an sich, sondern auch die führenden Mitglieder sollen für Rechtsbrüche der Vereinigung haftbar gemacht werden.

Die Neugründung eines verbotenen Vereins unter anderem Namen (der Name der „Ungarischen Garde“ fällt, obwohl es offensichtlich ist, dass es um sie geht, nicht) soll unterbunden werden können. Außerdem soll das Parlament Kompetenzen erhalten, bei „nicht verfassungsgemäßem Agieren“ auch Lokalverwaltungen absetzen zu können, womit sie insbesondere Verstöße gegen das (bisher noch nicht existierende) Hassreden-Verbot meint. Wie auch immer man sich zu der Sache stellt, die Gewährleistung der Freiheit durch mehr Verbote zu garantieren, bleibt ein demokratisches Paradoxon.

Das Kindergartenproblem

Der Vertreter für Fragen der sozialen Gerechtigkeit ist Jánós Orsós, ausgebildeter Lehrer und Leiter eines  Roma-Integrationsprojektes. Das alternative  Publikum blickt wohlwollend auf zum Aushängeschild ihrer Toleranz. Orsós, der selbst Angehöriger der Roma ist, hat sein Steckenpferd gefunden. „Der Kindergarten ist Garant für ein späteres erfolgreiches Berufsleben und muss allen Kindern zugänglich sein.“ Diese Forderung macht zunächst stutzig, denn jedes ungarische Kind hat ab dem dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung, die westlichen Standards ebenbürtig ist.

Der Missstand sei aber vor allem auf dem Land, dass es nicht genügend Plätze gebe, woraufhin bei der Auswahl der Kinder selektiert würde. Selektierung bei Kindergartenkindern klingt zunächst dubios, habe aber einen durchaus logischen Hintergrund. Die Institutionen sähen sich gezwungen, die Kinder nach Berufs -oder  Berufsuntätigkeit der Eltern auszuwählen. Familien, in denen beide Elternteile als arbeitslos gemeldet sind, hätten theoretisch mehr Zeit und könnten sich so auch mehr um ihre Kinder kümmern. Doch genau diese Kinder bräuchten die sozialen Bindungen und Anreize des Kindergartens. Orsós‘ einfache Antwort auf diesen Missstand lautet: „Baut mehr Kindergärten von EU Fördergeldern und Haushaltsresten!“

Jugend, Zukunft, Illusionen

Ein weiterer Vorschlag bezieht sich auf die Gesetzeslage. So möchte er, dass die Kindergartenpflicht, ähnlich wie bei Schulschwänzern in Deutschland, grundsätzlich alle drei Monate kontrolliert wird und außerdem von bisher einem Jahr auf zwei Jahre erhöht wird. Dass dies dem sonst propagierten Bürokratieabbau und der Erklärung zum grundsätzlichen Sparkurs erneut widerspricht, scheint nicht so wichtig zu sein. Wichtig ist, dass die Vorschläge Schlagwörter wie Jugend, Zukunft und die Probleme der Roma tangieren und mit ausreichend persönlichen Stories belebt werden.

Eine Abwägung mit den derzeitigen wirtschaftlichen Möglichkeiten des krisengeschüttelten Landes findet nicht statt. Gerade bei sozialen Maßnahmen hatte sich das Land ja budgetär heftig verzettelt, auch wenn die Wohltaten nicht gleichmäßig verstreut wurden, waren es - nach finanzkapitalistischem Konsens - derer zu viel. Die Thesen und Einschätzungen von Orsós sind bunt und gerecht, aber mindestens so ungefähr und unsicher; sie würden erst dann glaubwürdig, wenn sie mit Zahlen berechenbar würden.

Parole: Arbeit für Alle

Zum Abschluss der etwa einstündigen Pressekonferenz geht es um das Hauptproblem der ungarischen Wirtschaftslage: die Arbeitslosigkeit. „Arbeit für Alle, statt Vollzeitarbeit für viele“, tönt Dr. Sértö-Radics, Bürgermeister der Stadt Uszka und Mitarbeiter im EU-Ausschuss der Regionen, durch den Raum. Teilzeitarbeit, die in Ungarn im Vergleich zum europäischen Ausland wenig verbreitet sei, „muss als Chance betrachtet werden, wenn Vollzeitarbeit knapp wird.“ So könne, wirtschaftliche Abhängigkeit von Sozialhilfe und co. verhindert werden. Dass gerade solche Modelle im Westen geradewegs in prekäre Beschäftigungsverhältnisse führten, scheint hier noch nicht angekommen.

Außerdem nennt Sértö-Radics ein teures soziales Vorhaben: Bei öffentlichen Baumaßnahmen sollen die beauftragten Firmen dazu verpflichtet werden, mindestens 10 % des Budgets für die Beschäftigung von Arbeitslosen und Roma auszugeben. Wer ein bisschen Ahnung von der Ausschreibungs-Praxis in Ungarn hat, kann sich ausrechnen, wer diese Zeche am Ende zahlt.

Steuergeschenke und liberale Kontinuität

Die Forderung nach Steuersenkungen zieht immer und überall. Sértö-Radics will die derzeitige 19%ige Körperschaftssteuer auf 10% reduzieren. Mit diesem Geschenk an die Unternehmer verfolgt er zwei Ziele: Einerseits soll durch die Mehreinnahmen der Betriebe ein schneller Aufschwung her. Andererseits soll damit auch die Korruption und die Steuerhinterziehung bekämpft werden. In der Folge wären kleinere Firmen wirtschaftlich nicht mehr dazu gezwungen, ihre kleinen Gewinne an staatlichen Kassen vorbeizumanövrieren und könnten stattdessen ihren vollen steuerlichen Beitrag leisten. Wird damit nicht doch Klientelpolitik betrieben? Nein, versichert Sertö-Radics, die Maßnahmen kämen kurzfristig den Unternehmen, langfristig aber der gesamten Volkswirtschaft zugute – die gewohnte wirtschaftsliberale Antwort, deren Verlässlichkeit inzwischen fragwürdig geworden ist.

Eine politische Szene in völliger Auflösung

Die Erfolgsaussichten der neuen Partei scheinen relativ begrenzt, sie gibt weder ein strukturiertes Bild ab, noch hat sie eine machtpolitische Strategie. Die liberalen Ansätze und Ansprüche - „wir wollen zur Diskussion anregen und keinen Koalitionspoker betreiben“ (Ungár) – wären für die ungarische Politik in ihrer derzeit verfahrenen Lage ein Gewinn, decken aber wohl kaum die vorhandenen politischen Bedürfnisse. Ihre Wählerklientel werden sie sich mühsam in Konkurrenz zur grünen LMP und der gescheiterten SZDSZ zusammensuchen müssen und können auch auf einige enttäuschte MSZPler hoffen. Für diesen Zweck steht ihnen derzeit eine einzige Finanzquelle zur Verfügung: die Beiträge der - bis dato - 23 Mitglieder. Letztlich bildet Szema also nur ein weiteres Fragment, in der in völliger Auflösung befindlichen links-liberalen Szene Ungarns.

Tibor Wilhelm Benedek und Frederic Heine

www.szema.hu

Zum Thema:

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für politisch Obdachlose

Eine neue links-liberale Partei versucht sich in Ungarn

Diese Woche lud die kürzlich gegründete Partei SZEMA (Szabad Emberek Magyarországért, Freie Menschen für Ungarn) zu einer Pressekonferenz ein, um sich auch der internationalen Öffentlichkeit vorzustellen. Die Partei versucht, enttäuschte Liberale und Linke, aber auch Bürgerliche, die keine Lust mehr an den magyarischen Grabenkämpfen haben, zu sammeln. Entsprechend ambitioniert und ungefähr ist das Programm.  ZUM  BEITRAG

 

 

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