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(c) Pester Lloyd / 49 - 2009
BUDAPEST 05.12.2009
Abhängen in der Zeitlosigkeit
Der Vittula-Club in Budapest und der Wandel einer Szene
Im Vittula tummeln sich verschiedenste Menschen auf ein Feierabendbier, um neue Leute kennenzulernen oder wild zu feiern. Die intim kleinen, anarchisch
eingerichteten Gewölberäume bieten dafür den richtigen Rahmen, doch die Gäste bilden heute kaum noch die Gemeinschaft, für die das Vittula früher
bekannt war. Doch so lange die Musik laut, die Stimmung ausgelassen und die Gäste bunt sind, geht das Leben weiter.
Zwischen Artwork und Ziegelsteinwänden
Wer am frühen oder eher schon späten Abend in das Kellergewölbe des Vittula
hinabsteigt, wird sofort eingehüllt von dem ersten Markenzeichen dieser Club-Kneipe: einer dicken, unnachgiebigen, unausweichlichen Wolke beißenden
Zigarettenqualms. Das Vittula ist klein, die wenigen Tische sind schnell besetzt und die Plätze an der Theke auch. Immer steht man irgendjemandem im Weg, doch
niemand lässt sich davon stören, und so gewöhnt man sich schnell daran. Die grünlichen Wände, von denen stellenweise der Putz bröckelt, sind mit buntem
Artwork bemalt, mit vornehmlich eigenen Plakaten von vergangenen oder zukünftigen Veranstaltungen beklebt oder schlicht mit Sprüchen bekritzelt, und der ganze Raum mutet recht anarchisch an.
Hinter der Bar, in einem niedrigen, etwas vernachlässigt wirkenden Raum aus
nackten Ziegelsteinwänden sind noch Plätze frei. Auch hier ist es sehr verraucht, nur mischt sich dem Tabak ein süßlicher Geruch bei. Aus den Boxen dröhnt schnelle,
junge Rockmusik, die die Gespräche antreibt und die Getränkebestellungen in die Höhe jagt. Statt einer Karte gibt es eine große Tafel über der Theke, von der die
günstigen Preise abzulesen sind (340 – 400 Ft. Für 0,4 l Bier).
Eine Gemeinschaft von Fremden
Das Publikum setzt sich zu etwa gleichen Teilen
aus ungarischen und internationalen Gästen zusammen. Die meisten von ihnen sind jung und modern leger gekleidet, doch auch ein paar ältere Semester in feineren Hemden sind
vertreten. Es liegt eine treibende, dynamische Stimmung in der Luft. „Der Klub ist klein, daher bringt er die Leute zusammen; es ist so eine Art Gemeinschaft“, sagt Adrian, ein
Stammgast, der das Vittula schon seit der Gründung vor fünf Jahren kennt. Adrian ist ein Mann in den Vierzigern, den es schon
vor fünfzehn Jahren nach Budapest verschlagen hat, wo er eigentlich nur ein halbes Jahr verbringen wollte, dann aber von der Metropole „eingesaugt“ wurde.
Das Vittula, so weiß er zu erzählen, ist Teil eines Netzwerkes, das vor dreizehn
Jahren mit dem „sixtuce“ begann und sich seither mit dem Szimpla Kert und dem Gozda immer weiter ausdehnte: neue, unabhängige Kneipen, die in die verlassenen
Gebäude des VII. Bezirks einzogen und ihnen mit Kreativität und Gemeinschaft neues Leben einhauchten. Man kenne sich in der Bar, die jeden Tag außer Sonntag
von 18 Uhr open end geöffnet hat; die Musik werde von den Tresenkräften bestimmt, aber es komme schonmal vor, dass ein Gast seine eigene Musik mitbringt
und auflegen lässt. Etwa alle zwei Wochen finden Konzerte von bekannten Bands oder jungen Leuten, die nach einer Bühne suchen, statt, auch DJs legen regelmäßig
auf in dem kleinen Club. Dann geht es wild her und es wird getanzt, auch, wie Adrian erzählt, auf der Theke. Außerdem gibt es regelmäßige Ausstellungen in der
zum Club gehörenden Galerie, dem Chinese Characters Contemporary Arts Space. Der Ort wirkt irgendwie zeitlos, als hätte er sich eine Nische in Raum und Zeit gesucht und darin eingegraben.
Auch Brigit ist Stammgast. Die 24-jährige, rothaarige Ungarin arbeitet als
Metroticketverkäuferin und erzählt mit viel Melancholie in der Stimme. „Früher kam ich jeden Tag hierher, aber in letzter Zeit nur noch ein, zweimal im Monat“. Davor
war es kein Problem, allein in dem Klub aufzutauchen, da alle sich kannten und man leicht ins Gespräch kam. „Jetzt hat es sein freundschaftliches Flair verloren, es gibt
nicht mehr dieses Gruppengefühl. Das Publikum hat sich verändert, jetzt gibt es mehr Fremde“, womit sie nicht Touristen, sondern einfach Menschen meint, die mit
dem Klub sonst nichts zu tun haben. Vielleicht ist das Vittula zu bekannt geworden, vermutet sie, doch winkt gleich wieder ab und nennt auch einen persönlichen Grund für das schlechtere Gefühl.
Der Zahn der Zeit
Vielleicht aber hat sich wirklich der Charakter
verändert. Als Adrian weiter von dem Kneipennetzwerk im VII. Bezirk erzählt, wird deutlich, dass es vor allem von Ex-patriierten wie dem Besitzer des Vittula, ein Engländer
namens Tim, betrieben wird. Leute, die sich von ihrer einengenden Heimat mit ihren vorgezeichneten Lebensläufen in Australien, in England, in Schottland oder Deutschland
entfremdet haben und im Budapest der Nachwendezeit einen offenen Ort fanden, der sie aufnahm und ihnen den Freiraum ließ, sich zu entfalten. Budapest ist, in Verbindung mit
anderen osteuropäischen Metropolen, vielleicht die „Neue Welt“ der heutigen Zeit, in der die verlorenen Geister der alten sich eine neue Heimat basteln.
Doch wie aus dem Amerikanischen gibt es auch aus dem Budapester Traum
irgendwann ein Erwachen. So erzählt Adrian, wie in Teilen der von ihm beschriebenen Clubs die Getränkepreise unnötig erhöht und für die durchschnittliche
ungarische Geldbörse unerschwinglich würden. „Es beginnt immer mit einer Idee, doch es endet im Geschäft“. Budapest wird ein immer teureres Pflaster und die
Orte, die notdürftig renoviert genug Platz für neue Entwicklungen lassen, werden rarer. Die alternativen Kneipen sind inzwischen zahlreich genug geworden, dass sie
miteinander konkurrieren müssen, und da ist der schnelllebige, aber zahlungskräftige Tourismus meistens der verlässlichlere Kunde.
Gemeinschaften, wie die im Vittula, beginnen vielleicht auseinanderzubröckeln. Doch
so lange die Musik laut, die Stimmung ausgelassen und die Gäste bunt sind, werden neue Geschichten erzählt und neue Gemeinschaften geschlossen. Dafür ist das kleine Vittula genau richtig.
www.vittula.hu
Frederic Heine
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