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(c) Pester Lloyd / 50 - 2009  FORSCHUNG 09.12.2009
 

Akademie der Lobbyisten

Die Ungarische Akademie der Wissenschaften wirbt für Atomkraftwerke und Tierversuche

"Die Menschheit braucht Atomkraft!" und "Tierversuche dürfen nicht eingeschränkt werden!" - Das verkündet die Akademie der Wissenschaften in offiziellen Publikationen. Die höchsten Repräsentanten der altehrwürdigen Einrichtung lassen sich für ganz offensichtliche Lobbyistenprojekte einspannen. Das ist Amtsmissbrauch und ein in Ungarn unbeachteter Skandal. Dem Ruf der Akademie und damit der Wissenschaft insgesamt wird damit schwer geschadet.

Beim World Science Forum, in Budapest im November, plädierte der Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, József Pálinkás, dafür, dass die "Wissenschaft politische Handlung eher anleiten und führen muss, (...), anstatt ihr zu assistieren." Er sagte in diesem Zusammenhang auch, dass die Wissenschaft nur ein Werkzeug sei, der Mensch es aber für seine Zwecke benutzen müsse. Diese Aussagen, die eigentlich auf eine Humanisierung der Politik gemünzt waren, stellen sich bei der Betrachtung zweier Publikationen der Akademie in ein völlig neues Licht.

Der eine Beitrag ist betitelt: "Die Menschheit braucht Atomkraft!", der zweite lautet: "Tierversuche dürfen nicht eingeschränkt werden!". Beide erscheinen direkt neben den klug klingenden Ausführungen des Präsidenten auf der offiziellen Webseite und in beiden erweisen sich hochrangige Funktionäre der Akademie (ein Stellvertreter und der Generalsekretär) als willfährige Sprachrohre von Lobbygruppen. Es stellt sich dadurch die Frage, ob die höchste wissenschaftliche Institution des Landes zu einem Werkzeug des Lobbyismus verkommen ist oder Herr Pálinkás seinen Laden einfach nicht im Griff hat. Wie immer man sie beantwortet, der Ruf der Akademie wird damit beschädigt, Konsequenzen wären nötig.

Präsident Pálinkás konstatierte während seiner Rede vor der World Science Conference auch: "Statt der Wissenschaft vorzuwerfen, sie verschließe sich der Logik der Medienwelt, werfe ich der Wissenschaft vor, dass sie es versäumt hat, den Medien die Logik der Wissenschaft beizubringen." Wenn es das war, was er damit meinte, dann war seine Rede die reinste Heuchelei. Es ist natürlich durchaus nicht verwunderlich, dass eine ungarische öffentliche Institution, die vom Staat finanziert und ausgestattet wird, auch politischen Einflüssen unterliegt. Es ist auch nichts Neues, dass sich Wissenschaftler für Lobbyarbeit einspannen lassen. Es ist allerdings bedenklich, wenn sie das in ungebremster Dreistigkeit auf der offiziellen Webseite, also dem Medium mit dem höchsten und schnellsten Verbreitungsgrad, tut und zudem noch auf Englisch, damit jeder das Sakrileg auch verstehen kann. Die inkriminierenden Beiträge sind ein Exempel an Unwissenschaftlichkeit, sowohl der Form als auch ihrem Inhalt nach. In der Aufgeregtheit des politischen Ungarn von heute, ist es auch eigentlich kein Wunder, dass die Medien das hier überhaupt nicht als Skandal wahrnehmen.

Amtsmissbrauch im Dienste der Atomlobby

"Junge Menschen lernen, warum Atomkraft ein wichtiges Stück für die Lösung des zukünftigen Energiepuzzles sein kann." So der Untertitel des Artikels auf der offiziellen Webseite der Akademie der Wissenschaften: "Die Menschheit braucht Atomkraft!" Danach folgen ein paar Plattheiten über die "Faszination der Atomkraft", verkündet vom Direktor der Ungarischen Atomenergiebehörde József Rónaky, der sich vor "einem großen Publikum aus Gymnasiasten und ihren Lehrern" verbreitete. Diese Konstellation hat in ungefähr den gleichen wissenschaftlichen Grad wie wenn McDonalds Ernährungsschulungen an Kindergärten macht, Pfarrer selbst ihre Religion oder Frösche Biologie unterrichten.

Rónaky, also kein Wissenschaftler, sondern einer, der von Atomkraft lebt, sagt, wie wichtig solche Zusammenkünfte sind, um das "schiefe Bild der Atomenergie in der Öffentlichkeit gerade zu rücken". Das viel schiefere Bild ergibt sich allerdings, wenn ausgerechnet die Akademie der Wissenschaften sich als Organisator und Multiplikator für dieses Ansinnen hergibt. Liegt es daran, dass Akademiepräsident Pálinkás im Forscherleben Atomphysiker ist und sich hier atomare Seilschaften auftun? Immerhin gab sich der Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften, Norbert Kroó, für die Werbesause am Gymnasium hin. Gemeinsam mit Attila Aszódi, Direktor des Nukleartechnologischen Institutes an der TU Budapest, zogen sie alle Register der Manipulation und beschworen zuerst die glorreichen ungarischen Helden der Atomphysik, einschließlich des Erfinders der Wasserstoffbombe.

Das Ziel der Kampagne besteht vordergründig in der Anwerbung von wissenschaftlich-technologischem Nachwuchs. Dahinter steht jedoch der übliche Singsang der Atomlobby, die von der 4. Generation von Atomkraftwerken als "völlig sicher" reden, Ängste vor Energieknappheit durch Überbevölkerung schüren und mit dem Umweltargument auf die jungen Leute dreinschlagen. Mit letzterem haben sie ja bekanntlich so lange recht, bis es genau einmal schief geht. Doch ganz unabhängig davon, welche Position man selbst oder die Gesellschaft zur Nutzung der Atomkraft einnimmt, ist die einseitige und daher unwissenschaftliche Darstellung eines Themas nichts weiter als Amtsmissbrauch.

PR-Werkzeuge aus dem finstersten Mittelalter

Ähnliches gilt auch für das Thema Tierversuche. Es ist eine Sache darüber zu diskutieren, ob man Tierversuche ganz generell als Sünde an der Schöpfung oder als barbarische Qual ablehnt, ob man sie uneingeschränkt befürwortet, um jede nur denkbare Chance für die Entwicklung von Menschenleben rettenden Medikamenten zu nutzen oder ob man zu der vermutlichen Mehrheit gehört, die eine strenge Regulierung bevorzugt und meint, dass man sich zwar als der Schöpfung Krone schon das Recht nehmen sollte, auch auf diese Weise die Natur Untertan zu machen, aber bitte kontrolliert und nur für wirklich menschenfreundliche Zwecke und nicht einfach für die Profite der Kosmetikindustrie.

Es ist aber eine völlig andere Sache, ob ich mich als Akademie der Wissenschaften der Ungarischen Republik, einem altehrwürdigen Gremium aus den 365 schlauesten Köpfen der Wissenschaft, dazu hergebe, Beiträge mit dem Titel "Tierversuche dürfen nicht eingeschränkt werden!" zu veröffentlichen. Irgendwie kratzt das an der Seriosität nicht nur der Beteiligten, sondern an der Glaubwürdigkeit der ganzen Gilde. Rede und Gegenrede, Hypothese und Gegenthese, Zweifel und Fragen, das wären die rhetorischen Werkzeuge der Wissenschaft, zumal in der Öffentlichkeit. Professor Pálinkás sagte: "Anstatt uns selbst vorzuwerfen, dass wir unfähig sind entschiedene Antworten auf jede einzelne Frage zu geben, werfe ich uns vor, dass wir es zulassen, dass Wahrheiten grauer erscheinen als Versprechungen." Dass unter seiner "Kontrolle" aber Versprechungen mit Wahrheiten gleichgesetzt werden, hat er offenbar nicht erkannt oder verheimlicht.

In dem Beitrag über Tierversuche spricht man ganz klar davon, dass man "politische Entscheidungsträger" über die "möglichen Gefahren einer Einschränkung von Tierversuchen" "zu alarmieren" habe. Eine Konferenz des Ungarischen Kommitees der "Europäischen Stiftung Wissenschaft" an der Budapester Akademie im November beschloss dazu einen Brief an die Parlamentarier zu verfassen, der - Achtung: "die vitale Rolle von Tierversuchen in der humanmedizinischen Forschung" betont. Mit Verlaub, die "vitale Rolle"? Für die beteiligten Tiere ist es ganz objektiv gesehen eine mortale Rolle.

Auch hier arbeiten "die Wissenschaftler" wieder mit PR-Werkzeugen, wie man sie aus der katholischen Kirche des Mittelalters kennt. "Die Beschränkung solcher Experimente könnte eventuell zu globalen Gesundheitsrisiken führen." Soll das heißen, wenn die Laboranten ihre Forschungs-Viren nicht mehr ungehemmt in Ratten spritzen dürfen, setzt man sie in der U-Bahn aus? Über längst gangbare Alternativen bei Laborexperimenten, welche die Qualen der Tiere quantitativ und qualitativ beschränken können, wird nicht gesprochen. Aber: Tamás Németh, Generalsekretär der Akademie der Wissenschaften, beruhigt, "man sei bereit, der Politik professionelle Hilfe und Einweisung in den Sachverhalt zu geben." Das klingt eher wie ein Angebot, das man nicht ablehnen kann als nach einem wissenschaftlichen Diskurs.

Auch die grundsätzliche philosophische Frage über die Stellung des Menschen zur, bzw. in der Natur, die nun wirklich eine dauernde Herausforderung ist, kam nicht zur Sprache. Vielleicht sind Naturwissenschaftler mit dieser Fragestellung auch einfach überfordert und es gehörte vielleicht ein anderer Wissenschaftszweig mit einem völlig anderen Menschenschlag an die Spitze der Akademie, um diese wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.

m.s.

Links zu den Originalbeiträgen der Akademie: Atomkraft, Tierversuche

Jedermanns moralische Pflicht
Wissenschaft als Opfer und Bezwinger der Krise - Ein Credo vom Akademiepräsidenten beim Weltwissenschaftsforum in Ungarn

 

 

 

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