|
(c) Pester Lloyd / 49 - 2009
KULTUR 09.12.2009
Künstlerstolz und Vorurteil
“Megfizethetetlen” - eine neue Galerie und Kunstmesse in Budapest
Unbezahlbar - unschätzbar. Zu diesem Schluss kommen 64 Künstler aller Alters- und Reifeklassen im VII. Bezirk von Budapest. Dort eröffnete vergangene
Woche eine zeitgenössische Kunstausstellung mit Verkauf. In undergroundigem Flair werden verschiedenste Facetten bildender Kunst angeboten. Die Gallerie
will Vorurteile abbauen und sich den vormals „Exkludierten“ öffnen. Ob das aber mehr als eine interessante PR-Strategie ist, bleibt fraglich.
Hip und avantgardistisch, jung und irgendwie undergroundig, gepaart
mit einem Schuss Großspurigkeit, gibt sich die Galerie. „Megfizethetetlen“ - „Unerschwinglich“ (unbezahlbar, unschätzbar) ist der Titel der Galerie und Kunstmesse, die genau das
Gegenteil zum Programm hat: Sie soll den Beweis erbringen, dass Kunst nicht nur etwas für reiche Bürger ist. Denn, so belehren die Veranstalter:
„Kunst ist nicht unerschwinglich, sondern preislos. Weil ihr Wert nicht mit dem anderer Konsumgüter vergleichbar ist, ist sie nicht unerreichbar, weder im Geist
noch im Preis.“ Es geht auch darum, „Vorurteile abzubauen“, wie Katja Melzer, Jurymitglied, betont. Das Vorurteil vor allem, Originalkunstwerke seien so teuer,
dass sie sich der Normalsterbliche gar nicht leisten könne. Aus diesem Grund wurde für die Werke der Galerie, die auch eine Messe ist, ein Höchstpreis von 25000 HUF (etwa 100€) angesetzt.
David Geshem, Jurymitglied und Leiter der PRESENT Gallery (einem gemeinnützigen
Verein), die die ganze Veranstaltung trägt, betont, es ginge darum, „die Kunst vom Geld unabhängiger zu machen“. Tore sollen mit der Messe geöffnet werden, die
bisher verschlossen waren, und die hohen Mauern zwischen der Welt und der Kunstszene eingerissen werden – einmal benutzt Geshem sogar das angesichts des
Ortes unangemessene Wort „Ghetto“, in dem sich KünstlerInnen seiner Meinung nach heute befänden. Es geht auf die sieben zu, die Eröffnung naht, und Geshem
entschuldigt sich. Innerhalb weniger Minuten sind die zuvor so leeren Räume gepackt voll. Kaum sind die Tore geöffnet, so scheint es, strömen die Leute aller
Altersklassen in die Hallen, die die Kunst bedeuten. Der Blickfänge gibt es dort genug.
Mit Beamern werden zwei grüne, außerirdisch anmutende
Glaskunstwerke an die Außenwände im Innenhof projeziert. Und von den Decken hängt, so glaubt man, eine merkwürdige, futuristische Art von Kronleuchtern, wie Blumensträuße
von Licht – bis man überrascht feststellt, dass es sich bei den Kronleuchtern um aneinandergeheftete Plastikflaschenböden handelt. Zwei Bars, Welcome-drink und Livemusik
(Klassik und Jazz) begleiten das Kunstshopping.
Bei den Bildern handelt es sich um Graphiken aller Art, sie reichen von klassischen
Lithographien in düsteren oder rauhen Farben bis hin zu Streetart; es finden sich spielerische Experimente mit Formen und Farben ebenso wie düstere, nachdenkliche
Bilder. Ausgewählt wurde – unter einer Flut von Bewerbungen – vor allem nach Repräsentativität der zeitgenössischen Kunst. Kunststudierende, junge Künstlerinnen
und auch einige in der Kunstszene große Nummern wie Gyula Pauer, der u.A. das Holocaustmahnmal „Schuhe am Donauufer“ mitgestaltete, sind dem Aufruf gefolgt.
64 KünstlerInnen aus dem In- und Ausland haben so insgesamt über 200 Werke eingereicht.
Die Konsumhaltung schlägt zurück
Der Ersteindruck der Ausstellung ist auch unzweifelhaft sympathisch. Mit viel
Initiative und wenig Geld - „wir alle arbeiten hier für low- bis no- budget“, sagt Melzer – wurde hier einiges auf die Beine gestellt, den Künstlern ein
Ausstellungsraum und ein Forum geschaffen und dem Publikum ein Angebot unterbreitet, das sicherlich viele cool und undergroundig genug finden, um es in
Anspruch zu nehmen. Ob die Kunst jedoch in einer anderen als in einer bloß materiellen Weise durch die mit großen Worten beschworene Grenzöffnung
bereichert wird, ist mehr als fragwürdig. Denn auch, wenn nicht mehr die reichen Mäzene, sondern die mehr oder weniger ahnungslosen Normalverbraucher den Markt
bestimmen sollten, setzen sich Trends durch, die Künstler bedienen müssen.
Das zeigt sich auch in der Auswahl der Jury:
Auch Sachen, „die zu sehr in eine Richtung gehen“, wurden nicht in die Ausstellung aufgenommen, wie Melzer erzählt. Weil sonst die Repräsentativität verloren ginge – aber
auch, ist man geneigt hinzuzufügen, weil Mensch seinen Geldbeutel dann eher stecken lässt. Schön konsumierbar muss das ideale Kunstwerk also sein, so dass man es sich
dekorativ über den Esszimmertisch hängen kann – die Vergleichbarkeit mit anderen „Konsumgütern“, die die Jury in ihrer Einladung leugnet, schlägt zurück. In diesem
Licht drängt sich der Eindruck auf, dass es sich bei der ganzen Veranstaltung um eine PR-Aktion handelt. Die Kunst macht sich so zur
Produzentin von Luxuskonsumgütern und bleibt, auch wenn sie diese den „aus der traditionellen Kunstwelt Ausgeschlossenen“ (Einladungstext) zugänglicher machen
will, ein Stück weit dekadent. Dazu kann sie sich, auch durchaus selbstbewusst, bekennen – oder wieder, wie zu vergangenen Zeiten, nach Pfaden der Emanzipation
suchen, die gehaltvoller sind und von der mehr Menschen etwas haben als die armen Künstler.
Frederic Heine
MEGFIZETHETETLEN - grafikai kiállítás és mûvészeti vásár
PRESENT SALON, Síp ut. 7, Budapest, VII. Bezirk, III. Stock / 13. Tür / Klingel: #59. http://presentexhibit.wordpress.com Öffnungszeiten : Bis 24. Dezember 2009., 16:00 – 20:00 Uhr. Eintritt frei
In Kooperation mit
KOMMENTAR IM GÄSTEBUCH ABGEBEN
|