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(c) Pester Lloyd / 51 - 2009 FEUILLETON 19.12.2009
Aus dem Pester Lloyd vom 25. Dezember 1913
Brief von der Andrassystraße
Von Porzó
Wieder wend ich mich zu dir, o du alte Radialstraße, deren Grundrisse auf der Wiener Weltausstellung mit geringschätzendem Zweifel empfangen wurden.
Was ist denn das für eine Utopie? Das wird ja nie und nimmer zur Wirklichkeit. Niemals! Dieses Dorf da unten – lächerlich! – möcht’ gern Großstadt werden.
Doch das ist ja egal. Denen dort oben werden wir ja nie behagen. Umso weniger, je mehr wir uns ihrer Stadt nähern in Glanz, Prunk, Gedeihen, Bevölkerung.
Zweifellos: diese unsere Radialstraße hätte man auch breiter zuschneiden
können. Ja aber, war doch schon die Erweiterung der Stadt selbst in unseren Augen ein verwegenes Unterfangen, eine sanguinische Großtuerei! Die entwerfenden Baumeister haben, nachdem sie der
Straße Länge und Breite ausgesondert, kümmerliche Häuser hineingesetzt. Und da es für große Verhältnisse, reiche Gliederung und Quader nicht reichte: wurde der brave Maurer zum Bildhauer
befördert, der die korinthischen Kapitäle aus lockerem Mátyásfölder Ziegel in der Hand zurechthämmerte. Die übrigen Zieraten, aus Gips gepreßte Göttinnen, wurden über das Blindfenster gesetzt oder als
Karnatiden unter den Ecker, um mit den schwellendenMuskeln der ausgestreckten Arme die Luft zu stützen.
Beginn der Andrássy Straße an der Ecke Bajcsy Zsilinsky um 1915
Und dennoch: nie hat sich diese Gassenzeile’ entwickelt, da das warme, pulsierende
Leben in ihr zog! Denn ich kannte sie noch zu jener Zeit, als die Radialstraße aus verschanzten oder umzäunten Häusergründen bestand. Aus dem einen Grund
schlugen halbbekleidete, samthäutige Somalineger ihr Zelt auf, auf dem anderen lagerten halbentkleidete Indianer, auf dem dritten biß der als blutgieriger Papua
maskierte Hordár Isidor Rosenblatt einem lebendigen Huhn den Kopf ab und tanzte den timbuktanischen Kriegscsárdás und heulte dazu wie ein verwundeter Schakal.
Auf dem vierten Baugrund wiederkäute eine Kuh, bis dann – auf daß sie reichlicher Milch gäbe – die dralle Magd des freien Gärtners kam mit gesalzener, kleiiger
Burgunderrübe und schenkte der herumspringenden Theresienstädter Kinderschar die ungeseihte „kuhwarme“ Milch aus. Hie und da kam auch schon eine Villa unters
Dach und jammernd fragten die Leute: „Mein Gott! Wer kommt denn daher wohnen, so weit hinaus? Nur armes, bedrängtes Volk.“
... und heute
Nun, sie kamen hieher wohnen, so weit hinaus. Und nicht einmal das
arme, bedrängte Volk, sondern die Wohlhabenden, die angezogen wurden von der größeren Bequemlichkeit und der besseren Luft dieser Gegend.
Und jetzt haben sie kaum mehr Platz
und ich fürchte, daß trotz des aus ästhetischen Empfinden entstandenen Verbotes an der zweiten Hälfte des Weges die Mauern weiter hinaufragen werden,
und das hohe Dach wird aus den Wolken auf sie gesetzt. Mir ist bange um diesen Teil der Stadt, ihm drohen die wildgewordenen Baukrämpfe. Schon haben sie
mehrere Häuser, trotzdem sie noch keine Zeit hatten, auch nur ein wenig Patina anzulegen, angefallen. Neue Häuser werden angetragen, und wo sie standen,
werden noch neuere Häuser gebaut. Sie haben die berühmte „Sechs-Sieben“ (das gemeinsame Kasino dieser beiden Vorstädte) zur Strecke gebracht.
Blick in die Földalatti, die erste Untergrundbahn des Kontinents.
Wo einst der Theresienstädter Könige kreierende Warwick, mein
Jugendfreund Paul Tencer, Könige geschaffen und gestürzt und Heere angeführt hat, wo er blutige Rednerschlachten schlug; über’m Tisch mit seiner Beredsamkeit seinem Kandidaten Getreue erobert und
unter’m Tisch dem Gegenkandidaten zur Verderbnis Minen gelegt hat, die er manchmal auch springen ließ; wo in der Politik und im Katenspiel der Schauplatz so vieler Gefolge und
Stürze war; wo sein Prunksaal strahlte, rosig von Frauen und Mädchen, der Schauplatz so vielen sieghaften Zaubers, wo Lieder des Poeten erklangen, Witz und Geist des
Conférencier sprühte – aus alldem wurde mit seinen gewaltig großen Dimensionen ein Kirchen zum Zwerge machendes Warenhaus, worin, damit es nicht aus dem
Budapester Stil falle, auch noch ein Kaffeehaus ist, und selbst ein Kino dabei, und wo alles zu haben ist vom Ei an bis zum reifen Hahne, vom Seidenfaden bis zur
beschleppten Samttoilette, von Fächer bis zum Ventilationsrad, alles.
Ich spaziere weiter. Kaffeehaus und Kino. Kino und Kaffeehaus. Bei dem einen
wollen wir Halt machen. Es ist das Lager des „Bajda“ (der populäre Kosenamen des altbekannten Karl Eötvös), das berühmte Café „Abbazia“. Warum wird auch dieses
Hauptquartier des vorzüglichen ungarischen Schriftstellers nach dem fälschlich die Riviera benamseten Quaruero genannt? Jetzt wurde das Café „Abbazia“ neu
geschmückt; doch weder Wand noch Decke deuten auch nur mit einem Anflug auf den Taufparten hin. Kein Segel, kein Wogenkamm erinnert an ein Dasein am
Meeresufer. Würde man doch seines Rufes halber wenigstens einen Hain darin zeigen. Was im Grunde genommen eine Unaufmerksamkeit ist. Doch seitdem,
diesem Beispiel folgend, in der Hauptstadt mehrere Kaffeehäuser mit derartig italienischen Namen entstanden, wird die italienische Geographie geplündert.
Nacheinander kommen Nizza, Bordighera, Taormina, Amalfi, Palermo. Vielleicht in der Hoffnung, daß sie sich je einen Karl Eötvös fangen. Doch hiervon gibt es
weniger als da italienischen Städte sind. Insbesondere von Karl Eötvös gibt es nur einen.
gekürzt
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