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(c) Pester Lloyd / 51 - 2009 KULTUR 14.12.2009
Rückkehr in die “Vorstadt”
Die Zauberflöte im Lustspieltheater Budapest als "Geschichte vom Erwachsenwerden"
Am Weihnachtstag wird in Budapest eine Neuinszenierung von Mozarts Zauberflöte Premiere haben. Die Produktion der Ungarischen Staatsoper wird
im Vígszínház, dem Lustspielhaus am Ring, gezeigt. Damit kehrt Mozarts Wunderwerk in ein Haus ein, das dem Ort der Uraufführung, dem Freihaustheater nächst der Wieden, näher kommt als die repräsentativen
Rampen königlicher Prägung, auf denen es sonst als Publikumsmagnet herhalten muss.
Ein Blick in die Probearbeiten am Budapester Vígszínház.
Zweifellos ist die Rückkehr ans Theater eine gute Nachricht für ein Werk, das
Mozart als Märchenoper für die Vorstadt geschaffen hat, das aber dennoch viel mehr als nur eine vergnügliche Unterhaltung, eine Maschinenoper ist.
Verharmlosung ist der häufigste Gebrauch, den diese klassizistische Synthese des größten musikdramatischen Genies auszuhalten hatte. Mozarts Zauberflöte
überstand bisher auch folgenlos alle Belastungstests der postmodernen Theatersprache, von surrealistischer Fabulierung in experimentellem Zirkus (La Fura
Dels Baus) bis hin zu reaktionärer Verweigerung (z.B. Helmuth Lohner an der Wiener Volksoper). Sie bleibt erhebend, rätselhaft und klassisch schön, was immer
der Einzelne daraus lesen mag. Mozart wirkt unabhängig von seinen Interpreten, sein Werk ist der universelle Beweis für Schillers Satz von der Schönheit als Freiheit der Erscheinung.
Kindheit ist dunkel, Erwachsensein hell?
Der Regisseur der Budapester Neuinszenierung, László Marton, sieht
die Sache mit einer bewundernswerten Naivität, die uns daran erinnert, dass es der erste Papageno, der Theatermacher Emanuel Schikaneder war, der die Oper inspirierte und den Text schrieb.
Marton liest in Mozarts Zauberflöte eine Geschichte vom Erwachsenwerden. "Für mich ist die Zauberflöte eine wundervolle, verspielte, mysteriöse und sehr
lehrreiche Reise von zwei jungen Menschen ins Erwachsensein. Eine Reise von der Dunkelheit ins Licht, von der Kindheit ins Älterwerden. Der Weg ist voll mit Hürden,
Prüfungen, Geheimnissen und Versuchungen.", sagt er und offenbart damit schon eine ganze Reihe von Widersprüchen, die aufzulösen, er aufgefordert ist. Die
Drohung von publikumswirksamer Flachheit steht zumindest im Raum. Das ambivalente Gebahren von Sarastros Sekte kann er uns kaum als ein
Lehrerkollegium vorstellen und warum steht die Jugend für die Dunkelheit und das Erwachsensein fürs Licht? "...am Ende ihrer Reise haben die beiden
Hauptcharaktere Adieu zu ihrer Jugend zu sagen." So? In welcher Partitur steht denn das? Nun, Marton hält Mozarts Musik auch für "wunderbar einfach", womit er
vielleicht ihre Klarheit meint, die, wenn alles gut geht, ihn noch überfallen wird.
Bestes Sänger-Personal, gefeierter Ausstatter
Helfen wird der Inszenierung die wahrlich fürstliche Ausstattung des Bühnenbildners, des
gefeierten Kanadiers Micheal Levine, der bereits an der Met arbeitete, also darauf getrimmt ist, seine Kreativitiät für einen ungefähren Massengeschmack wirkungsvoll zu verbiegen.
Überlebensgroße Gestalten, viel Farbe und Projektion sowie eine Menge Gefuchtel gehören nun einmal dazu. Auch sonst spart die Oper nicht an Personal. In der Erstbesetzung stechen die
international gefeierten Sänger Erika Miklósa als Königin der Nacht und László Polgár als Sarastro ins Auge. Mit Szabolcs Brickner kann man sich auf einen jungen frischen Tamino freuen, der bereits
im letzten Jahr im Fidelio positiv auffiel und die Pamina ist gleich mit drei fantastischen Sängerinnen, die auch darstellen können besetzt:
Júlia Hajnóczy, Gabriella Fodor, Eszter Wierdl. - "Das Besondere an der Oper ist, dass es sowohl von Musikprofis als auch vom Publikum als Meisterwerk anerkannt
wird." sagt Ádám Fischer, Generalmusikdirektor des Opernhauses, der die Neuinszenierung musikalisch leiten wird und sich ganz hörbar darauf freut.
Karten werden rar sein
Dass 1896 eröffnete Vígszínház / Lustspieltheater, erbaut von den
damals omnipräsenten Fellner und Helmer, entstand in der Blüte Budapests als k+k Residenzstadt, die gerade eine Theaterrenaissance erlebte. Das Viertel hinter der Ringstraße gehörte nicht gerade zu
den feinen, im Gegenteil, hier hausten finstere Banden und Ganoven, grad ebenso wie in der Wiedener Vorstadt in Wien, wo das Theater, auf
dem die Zauberflöte zur Welt gebracht wurde, zu der Zeit aber schon der Stadterneuerung zum Opfer fiel. Im Lustspielhaus hatten Stücke von Ferenc Molnár
Premiere, der auch heute so etwas wie der spiritus rector des Hauses ist, es gab so manchen Skandal, hier wurde Theater noch gemacht und nicht verwaltet. Auch in
sozialistischen Zeiten erhielt es sich eine Spur künstlerischer Unabhängigkeit, die Treue des Publikums war der Lohn. Die etwas mehr als 500 Plätze bieten für das
Zauberflöten-Spektakel zwar die richtige Dimension, aber weniger Karten, weshalb baldiger Erwerb empfohlen sei.
m.s.
Aufführungsdaten: 25., 27., 29. Dezember 2009, 16., 17., 20. Januar, 17., 18., 19., 20.
Februar; 24., 25., 27., 28. März; 8., 9., 23., 24. April; 15., 16., 20. Mai 2010
Infos und Tickets: www.opera.hu und www.pestiszinhaz.hu
Fotos: Vígszínház, Aufnahmen von den Proben, Plakat der Ung. Staatsoper, Postkarte, Archiv des Autors
In Kooperation mit
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