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(c) Pester Lloyd / 52 - 2009  FEUILLETON 23.12.2009

 

Im Pester Lloyd vor 100 Jahren

Morbide Weihnachten

Gipfeltreffen großer Geister in einer mysteriösen Weihnachtsausgabe des Pester Lloyd

Die Weihnachtsausgabe des Pester Lloyd folgte einem immer gleichen Ritual. Sie erschien am 25. Dezember, enthielt Jahreszusammenfassungen aus Politik und Wirtschaft, viel Lokales und Weihnachtsunterhaltung auf allerhöchstem und allerniedlichstem Niveau in einer eigenen Beilage. Große Namen und bedeutende Schriftsteller traten im Lloyd auf, doch für ein halbes Dutzend von ihnen sollte die Weihnacht 1909 die letzte sein...

Auf Seite 1, im Leitartikel, begann man mit der mal lobenden, meist aber tadelnden Jahreszusammenfassung des innenpolitischen Geschehens. 1909 überschrieb man sachlich nüchtern mit: "Alexander Wekerle" und berichtet über den verdienten Ministerpräsidenten, der erste, der nicht dem Adel entstammte und der 1909 kurz vor Ende seiner zweiten Amtszeit stand. Er hatte sich viele Verdienste um sein Land erworben, vor allem auch im Aufbau der Infrastruktur, sozusagen im Wettkampf mit Wien und bei der umfassenden Reformierung des Steuerwesens.

Ebenfalls auf Seite 1 begann das Feuilleton und hörte - nur unterbrochen von zig Seiten Wirtschaft nicht mehr auf. Eine umfangreiche "Weihnachts-Beilafe des Pester Lloyd" verkürzte genervten Familienvätern die Familienfeiern und lockte sie in die Kaffeehäuser. Kálmán / Koloman Mikszáth, ein berühmter Publizist (Foto), Novellist und auch Politiker, eröffnete den diesjährigen Reigen der großen Namen und Themen mit einigen Sticheleien gegen das "Kais. kön. Wien", - schon der Titel eine Unverschämtheit. Er beginnt mit "Uns lieben die Habsburger nicht, wohl aber so manches von dem Unsrigen." und bereitet dann eine bunte Weihnachtsgirlande dualer Vorurteile und gegenseitiger Nicklichkeiten der beiden Schwager. Knappe fünf Monate später hörte er schon auf zu witzeln, denn er starb im Mai 1910.

Dann folgten erst Nachrichten vom kaiserlichen Nachbarn, dann die Seiten der Außenpolitik, mit besonderen Schwerpunkten auf dem Balkan, diesem europäischen Völkervulkan, auf dem es damals schon bedrohlich brodelte, gerade einige Monate zuvor hatte Österreich Bosnien besetzt, die Türken waren außer sich, die Serben ohnehin immer gefährlich. Besonders interessant scheinen uns die Meldungen "Die Pläne des Bürgermeisters" zu sein, darin wird von eigenartigen Immobiliengeschäften und hochfliegenden "vielleicht zu hoch fliegenden" Plänen seitens der Stadtoberen berichtet. Entweder waren die Redakteure damals Hellseher oder die heutigen Stadtpatrone haben in hundert Jahren wenig dazugelernt. Was ist wahrscheinlicher?

Ein Ex-Ministerpräsident über Bigotterie

Sehr interessant, auch wenn der folgende Autor nicht gleich, sondern erst 1921 starb, sind auch die Seiten 67-69. Hier schrieb George Clemenceau, ein brillianter Kopf mit hoher Verhaltensauffälligkeit; ein Radikalopportunist, der beim politischen von Links nach Rechts ausschlagen weder Verwandte noch Verbündete kannte und eine Karriere hinlegte, die ihn vom Zeitungsgründer, über Arbeiterführer zum Bürgermeister von Montmatre, zweimal zum Ministerpräisdenten Frankreichs und zum Gottseibeiuns Ungarns bei den Trianesischen Verhandlungen machte. 1909 war er gerade nach dreijähriger Amtszeit als Premier abgesetzt worden, weil er die Marokkokrise ausgelöst und in ihr mehr als unglücklich agiert hatte. Den Spitznamen "le tigre" trug er verdient. Er brachte dem Weihnachtslloyd einen Text mit dem Titel "Die "Gerechtigkeit" des starken Geschlechts", in dem er in kämpferisch und rührender Weise für ein achtzehnjähriges Mädchen Partei ergreift, die ihren Liebhaber, nachdem dieser sie geschwängert, verlassen und verhöhnt hatte, abstach. Dafür erhielt sie zwei Jahre Haft und das Baby "wurde gleich mitbestraft" und ins Heim gesteckt.

Reklame aus der Weihnachtsausgabe des Pester Lloyd 1909

Clemenceau, zuerst Sozialist, immer Antiklerikalist, der 1906 gegen streikende Bergleute auch schon einmal das Militär einsetzte, zeichnet in dem Artikel ein prägnantes Bild einer bigotten und verlogenen Gesellschaft. Er war es übrigens auch, der gemeinsam mit Zola die Wiederaufnahme der Dreyfus-Verhandlung anstrebte und den verleumdeten Offizier in seiner Zeitung L'Aurore verteidigte. Er kommt in seinem Plädoyer zu Einsichten, die man jemandem, der noch vor wenigen Monaten eines der höchsten Staatsämter bekleidete, zwar zutraut, heute wäre es aber undenkbar, dass ein Politiker auch selbst (!) schreibt, was er denkt (!). Clemenceau nimmt mit sarkastischem Spott das Gerichtswesen auseinander und lässt an keiner Instanz auch nur ein gutes Haar. Er sagt: "Wir teilen die weiblichen Wesen in zwei streng geschiedene Kategorien: in die "Anständigen", die unterlassen, was den anständigsten Männern erlaubt ist - und die "Ehrlosen", die beklagenswerte Sklavinnen sind, entehrt durch Taten, deren ihre Verführer sich laut rühmen." (Mehr von und über Clemenceau im PL

An den Beitrag schließt sich ein "unmanierliches Märchen mit sehr manierlichem Ausgang", namens "Der Weihnachtsengel" an. Der Autor, Andreas Latzko wurde später mutiger. Er schrieb gegen den ersten Weltkrieg an, derart, dass ihn die k.u.k-Armee in hohem Bogen aus ihren Reihen schmiss. Dauerndes Exil bis zum Ende 1943 war sein Lohn.

Tolstoi gegen die Wissenschaften

Zwei russische Autoren fallen im Feuilleton auf, der eine, Leonid Andrejew, gehörte zur literarischen Moderne seines Landes und war anfänglich Sympathisant der Revolution. Das daraus resultierende Terrorregime enttäuschte nicht nur ihn, auch persönliche Gründe ließen den einstigen Expressionisten, der 1909 von seinem Übersetzer noch als "Führer der modernen russischen Literatur" gefeiert wurde, zu einem finsteren Gesellen werden, der, wie viele vor ihm, in die Untiefen der unlesbaren russischen Seele entschwand. Er liefert im Pester Lloyd ein Märchen mit dem Titel "Der tapfere Wolf", in dem ein übermütiger Wolf seinen Schweif verliert und wo dann darüber verhandelt wird, inwieweit er dann noch Wolf ist.

Den Verstand nicht verloren, aber weitgehend durch Glauben ersetzt, hatte da schon Leo Tolstoi. Er schrieb "Von der falschen Wissenschaft", eine furchtbar frömmelnde Weise, welche den Feuilletonchef, entgegen der sonstigen Gepflogenheiten zu einer Randbemerkung veranlasste, die interessanter ist, als Tolstois Text: ")* Gleich allen Begründern von Religionen und Sekten spricht auch Tolstoi bekanntlich den Wissenschaften jeden praktischen Nutzen ab. Aber hier geht der greise Dichter noch weiter und negiert jedweden Sinn der technischen, historischen, sozialen und Naturwissenschaften. Diese Anschauungen decken sich mit der Lehre Tolstois, die bei allen ihren Übertreibungen von der erhabenen Idee der Wohlfahrt und des Glücks der Menschheit durchdrunken ist. Daher dürfte dieser allerneueste Aufsatz Tolstois allgemeines Interesse hervorrufen, wiewohl er vielfachem Widerspruch begegnen wird. (Anm.d.Red.)" - Passernderweise hat auf den gleichen Seite der Rezensent der zivilisatorischen Apokalypse, Max Nordau, in "Ein wenig Religionsgeschichte" das Gegengewicht zu Tolstois Text geliefert, so dass die Zeitung nicht aus dem Gleichgewicht fiel, sondern einen großen Namen mehr tragen konnte. Auch Tolstoi starb 1910. (Mehr zu Max Nordau im PL

Ein Ex-Theaterdirektor zur Todesstrafe

Max Burckhard, von 1890 bis 1898 Direktor des Wiener Burgtheaters, schrieb in der Weihnachtsausgabeeinen langen Aufsatz mit dem nicht sehr erbaulichen, aber brisanten Titel "Die Todesstrafe". Burkhard, ein progressiver Liberaler, der aus "der Burg" vom ewigen, reaktionären Wiener Hintergrundrauschen regelrecht weggeweht wurde, war auch berühmt für seine Liebschaften. Er spannte Gustav Mahler seine Alma aus, noch bevor sie zu Werfel ging und trieb es toll auch mit der Schauspielberühmtheit Adele Sandrock. Er schrieb des öfteren für den Lloyd, vor allem und besonders genüsslich über die periodischen Theaterkrisen und -skandale in Wien, über Sprachverhunzungen, über literarische Fälschungen.

Was ihn dazu brachte, sich ausgerechnet die Weihnachtsausgabe für einen ausführlichen Urteilsspruch zur Todesstrafe auszuwählen? Vorahnung? Erschreckend ist immerhin, dass seine Argumente reifer, humaner und reflektierter Wirken als selbst die heutige Theorie und Praxis dieser Staatsbarbarei. Die Wiederaufnahme der Todesstrafe 1909 in Frankreich löste, so Burckhard, zwar einen "Schrei der Entrüstung durch ganz Europa" aus, sei aber Zeichen für die "geradezu terroristische Bearbeitung der Regierung, schon verlassene Pfade wieder einzuschlagen". Er bedauerte "die alte Praxis, den Mord mit Mord zu vergelten" und erwähnte, dass man über "das Traumgespinst einer Abschreckung längst hinaus" sei, da diese weder bei Menschen "unter dem Banne des Gedankens" und schon gar nicht bei den "Entarteten" einen Sinn habe.

Beim Einzelnen könne man Rachsucht verstehen, beim Opfer gar entschuldigen, doch der Staat "als Rächer für das, was seinen Untertanen geschehen ist", sei und bleibe "eine Ungehäuerlichkeit". Er habe gefälligst "über den Menschen und ihren Leidenschaften" zu stehen. Als "Vollstreckungsorgan der Rachsucht" habe der Staat jedoch "verrohenden Einfluss" auf die Gesellschaft, da er sich durch die Todesstrafe in "einen Moment der Lüge" begibt, die ihn "korrumpierbar macht". Er schließt nach längeren Erörterungen von Fehlurteilen und der Halbherzigkeit der Rechtsreform in verschiedenen Ländern mit dem Satz. "Die Todesstrafe ist nur ein Zugeständnis an die Bestie im Menschen. DIESE soll der Staat zu ertöten suchen, nicht aber den Menschen selbst." Burckhard war eine Ausnahme, er überlebte diesen Artikel immerhin um drei Jahre.

Stelldichein der Theaterleute und Rezensenten

Wir finden einen "offenen Brief" des Budapester Universitätsprofessors Dr. Gustav Schwarz an den damals wohl berühmtesten Dramatiker Ungarns Franz Herczeg, mit dem der Pester Lloyd in innigster Hassliebe verbunden war. Herczeg veröffentliche viele Texte in der Zeitung - so auch in dieser Ausgabe, legte sich aber als der wohl konservativste und etablierteste der Kaffeehausliteraten gerne auch mit den Journalisten der damaligen Zeit an, die, da es wie heute viele Scharlatane unter ihnen gab, ein nicht zu verfehlendes Ziel waren. Berüchtigt war er auch für seine triefend patriotischen, dennoch geistreichen Einmischungen ins politische Geschäft, die man wohl oder übel druckte, um ihn nicht als Autoren zu verlieren. Schwarz erwidert in vielen Worten eines dieser "Pressebashings" Herczegs mit dem Kunststück, ihn zu widerlegen ohne zu widersprechen.

Wir treffen den Starkritiker und Mahler-Protegé August Beer, der sich an teils morbiden Aphorismen versucht, (wusster er mehr?) z.B. "Ein karger Musikant, Die letzte Ruh hier fand, Geigte für kargen Lohn, Satt war nur sein Ton." oder "Frohlocket Epigonen, Wie herrlich die Tonkunst gedieh! Einst blühte die Melodie, Jetzt wuchern die Modulationen" usw. Ignotus, eigentlich Hugo Veigelsberg, Sohn des kurzzeitigen Chefredakteurs Leo Veigelsberg schreibt über "Theater und Stil", Frau Alberta von Puttkamer, eine gefuhlsduselige Salonschreiberin aus der oberen Mittelschicht bringt "Der Garten des Glücks - eine nachdenkliche Kindergeschichte".

Das Gerbeaud suchte schon damals zuverlässige Mieter...

Auch zu finden in den Spalten dieser denkwürdigen Weihnachtsausgabe ist einer der größten Schauspieler deutscher Zunge, der 1858 im heutigen Mosonmagyaróvár (damals Wieselburg) geborene Josef Kainz. Er schrieb eine hübsche Anekdote über einen gemobbten, etwas wunderlichen Kollegen aus Meiningen, den alle "Mephisto" nannten, "da er selbst an einem Faust arbeitete", weil er meinte, "Goethe hatte den Stoff nicht nach allen Richtungen genügend erschöpft. Dem wollte er abhelfen". Für die damalige Redaktion war es unvorstellbar, dass die Weihnacht 1909 schon die letzte für Kainz war, da er im September darauf mit nur 53 Jahren an Krebs starb.

Zumindest physisch freiwillig schied dagegen der Ludwig / Lajos Hevesi am 27. Februar 1910 aus dem Leben. Er war faktisch der Pressesprecher der Wiener Sezessionisten und gleichzeitig ihr konstruktivster Kritiker. Mit der Humoreske "Das ewig Sächliche" eröffnete er die diesjährige "Weihnachtsfeuilletonbeilage" des Lloyd, für den er vierzig Jahre arbeitete - und zog von dannen. Lauter Zukunftsmusik oder Eva hat viel durchzumachen... Mehr von Lajos Hevesi im Pester Lloyd

Ein vollständiges Faksimilie der denkwürdigen Pester Lloyd Ausgabe vom 25. Dezember im pdf-Format können Sie, ebenso wie alle Ausgaben von 1891-1922, beim Projekt "Anno" der Österreichischen Nationalbibliothek einsehen, herunterladen und ausdrucken.
 

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