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(c) Pester Lloyd / 01 - 2010 BUDAPEST 05.01.2010
Frust im Frost
Chaos im Budapester Busverkehr - Busfahrer als "Partisanen"
Was in Berlin die S-Bahn, ist in Budapest derzeit der Busverkehr: eine einzige Chaosveranstaltung. Rund ein Drittel der Busse, so berichten geübte Busfahrer
fallen auf vielen Linien, vor allem in den suburbanen Gebieten der Hauptstadt aus. Der Anlass: die Kälte. Diese gibt der ohnehin alten Busflotte gerade den
Rest. Doch der Grund für das Chaos ist nicht der Frost, sondern der Frust der Mitarbeiter.
In den vergangenen Jahren war es der jahrzehntelang antrainierten
Improvisationskunst lang gedienter Mitarbeiter in Fahrbetrieb und Werkstätten zu danken, dass die Busse dennoch häufig und relativ zuverlässig verkehrten, sogar wenn es noch
kälter war. Doch in diesem Jahr ist die Situation eine andere. Das Management der BKV beklagte sich heute bei MTI, dass viele Mitarbeiter nur noch Dienst nach Vorschrift machten, besser gesagt "nach
Arbeitsgesetzbuch", das Fahrern z.B. die Reparatur von Bussen untersagt.
Es geht so lange gut, bis gar nichts mehr geht... Ein BKV-Bus bei der Ausmusterung.
Diese und ihre Kollegen in den Werkstätte sind
nämlich nicht mehr bereit, einen Finger mehr als nötig für eine Firma krumm zu machen, die ihnen seit Monaten den Abschluss eines Kollektivvertrages verweigert, in dem eben genau solche Dinge wie
Überstunden und Arbeitsbedingungen, sprich technischer Zustand des Arbeitsgerätes, vereinbart wären. Der kollegiale Zusammenhalt ist Frustration und
Wut gewichen, die Zeichen stehen ab 12. Januar auf Streik.
2009 kamen etliche Skandale ans Licht, ehemalige Manager, darunter die
Personalchefin ließen sich fürstliche Abfindungen zahlen und, selbst nach dem die Kündigungsfrist für ihre Verträge abgelaufen war, flossen weiter Millionengehälter
auf ihre Konten. Die Aufsicht durch die Stadt war nicht nur mangelhaft, sondern Teil des Systems. Was die Budapester jetzt erleben, dass Busse ausfallen, langsamer
oder überhaupt nicht mehr fahren, ist da nur ein kleiner Vorgeschmack. Ab 12. könnten alle Räder, auch jene der U- und Straßenbahnen, der Trolleybusse und der Regionalbusse von Volán stillstehen.
Selbst ist das Volk: Passagiere helfen beim Schieben eines havarierten O-Busses in Budapest
Das Management gibt zu, dass von den rund 1.200 täglich in
Budapest gebrauchten Bussen rund 200 fehlen und dass dies nicht an fehlenden Ersatzteilen, sondern an der Sturheit der Mitarbeiter liegt. Schon ein zerbrochener Spiegel - und der Bus ist laut
Sicherheitsvorschriften nicht mehr für den öffentlichen Personenverkehr zulässig. Früher scherte das niemanden, doch in Zeiten der Konfrontation haben die Fahrer das als ein legales
Kampf- und Protestmittel entdeckt.
Einige Medien sprechen schon höhnisch von einer Partisanenaktion der Buslenker,
andere fragen, ob Budapest bald ganz still steht, alle sind sich einig, dass völliges Chaos herrscht. Das Management redet das Problem schön und spricht von einer
"temporären Erscheinung". Um die aktuelle Lage in den Griff zu bekommen antwortet die BKV mit Intervallverlängerungen auf vielen Strecken und fordert mehr
"Servicepersonal von Zulieferern" an, was die BKVler natürlich als feindliche Maßnahme auffassen. Diesmal dürfte es auch nicht mehr damit getan sein, dass die
Stadt ein paar Milliarden rüberschiebt und der Streik ist aus, so wie es im Dezember 2008 war. Diesmal hat man schon 23 Milliarden (ca. 84 Mio EUR) Nothilfe zugesagt,
doch der Frust bei dem unterbezahlten, also größeren Teil der Beschäftigten legte sich damit nicht.
Veränderungen in den Fahrplanintervallen, Ausfälle und Ersatzverkehr: http://www.bkv.hu/forgalmihelyzet/
Siehe zum Thema auch:
Fensterkitt für einen Scherbenhaufen
Was mit den Milliarden-Hilfszahlungen an die Budapester Verkehrsbetriebe geschieht
Unbefristeter Streik bei Verkehrsbetrieben Budapest ausgerufen
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