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(c) Pester Lloyd / 02 - 2010  BUDAPEST 16.01.2010

 

Ungarisch satt ab 1,90 Euro

Sozialistischer Restcharme im kapitalistischen Überfluss. Ein kulinarisches Kleinod im Fehérvári-Markt in Budapest

Die gute, die echte, die einfache ungarische Küche sucht man in vielen Stadtteilen Budapests vergeblich. Sie ist enteder nicht mehr da oder noch nicht wieder. Schicki-Micki-Installationen, Pseudo-Türken, Glutamat-Chinesen und amerikanische Imbissketten findet man dagegen überall. Im Fehérvári Markt lebt sie aber noch und weiß mit vielen unterschiedlichen Gerichten zu niedrigen Preisen vor allem Einheimische zu überzeugen, auch wenn Ambiente und Publikum ein wenig abenteuerlich anmuten.

Ca. zehn mittelgroße Essstände finden im Fehérvári Markt ihre Kunden. Frisch beliefert von den hiesigen Metzgern und Gemüsehändlern wissen die Angestellten kaum noch wohin mit den Köstlichkeiten. Paprika Kartoffeln und Quarknudeln, aber auch übereinander gestapelte Desserts von Vogelsuppe bis Schomlauer Nockerln lassen den Besuchern an der Theke das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es bilden sich kleine Schlangen und geschäftige Frauen fragen freundlich nach den Wünschen. Nicht selten kommt es bei dem Andrang zu Missverständnissen, die aber allesamt schnell aus der Welt geschafft werden. Der 68jährige Rentner István Molnár erklärt mir, wieso er seit fünf Jahren fast jeden Tag hier anzutreffen sei. „Ich treffe meine Freunde und wir trinken ein par Gläser Wein. Außerdem schätze ich das essen sehr, es ist fast wie zu Hause.“

Tatsächlich macht es gerade diese Mischung aus, die den oberen Stock des Marktes zu etwas ganz Besonderem macht. Die Männer und Frauen in ihren seltsam vergilbten Anoracks aus den 70ern und ihre ganz speziellen Geschichten, geben dem Ort ein gewisses Flair, keine Ahnung ob das retro, schräg oder authentisch zu bezeichnen ist. Die gute Küche, der saubere Markt und ein paar akademische Exoten sorgen im Gegenzug dafür, dass der Markt nicht gänzlich zur proletarischen Futterkrippe verkommen ist.

Zwar werden die ausgezeichneten Menüs, die ohne weiteres das Niveau so mancher Touristen-Csárda toppen auf Plastiktellern serviert, so muss dennoch niemand Angst haben von zahnlosen Bettlern oder Halsabschneidern belästigt zu werden. Im sozialistischen Restcharme und kapitalistischen Überfluss kann sich für Preise von 500-1500 Forint (1,90 bis 5,60 EUR) sattgegessen werden oder nur bei einem Glas Wein in die Welt der Durchschnittsungarn abgetaucht werden, die alles andere als arm sind, aber bodenständig darauf achten, wie viel sie für ein gutes Mittagessen ausgeben. Zur durchschnittlichen Touristenabfertigung europäischer Großstädte stellt der Markt wirklich eine Alternative und ist gerade für Kurztrips eine Gelegenheit der ungarischen Küche und vielleicht auch der Kultur etwas näher zu kommen.

Tibor Wilhelm Benedek

Budapest, 1117 Korösi J. u. 7-9., Telefon: Bp. 385-6563
Öffnungszeiten: Mo: 6:30-17:00, Di-Fr: 6:30-18:00, Sa: 6:30-14:00
 

 

 

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