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(c) Pester Lloyd / 02 - 2010 WIRTSCHAFT 14.01.2010
Festgebissen im Klischée
Ungarn ist Partnerland der 75. Grünen Woche in Berlin. Warum?
Dass Ungarn als offizielles Partnerland der Grünen Woche vom 15. bis 24. Januar in Berlin fungiert, ist für einige Exportbetriebe sicherlich ein Glücksfall,
für das Land aber eigentlich zu viel des Guten. Das Land liefert in Berlin die übliche innovationsarme Retroshow mit viel Eigenlob und triefenden Klischées.
Etliche Skandale und systembedingte Widrigkeiten in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie machen Ungarn nicht gerade zum Vorzeigeland einer so renommierten Messe. Leider.
Selbstironie und Innovationsgeist? Nicht bei Ungarn, hier bleibt alles wie es war. Offizielles
Plakat der Grünen Woche 2010, darunter, Logo der ungarischen Präsentation.
www.gruenewoche.de
Die Messehalle 10.2 auf dem Berliner Messegelände, wird vom 15. bis 24. Januar
zum "Ungarischen Pavillion". Auf den rund 1.500 Quadratmetern, die man sich im letzten Jahr noch mit anderen Ländern teilte, fährt das Partnerland der 75. Grünen
Woche in Berlin, immerhin die wichtigste Nahrungsmittelmesse der Welt, einen Reigen voller Klischées auf: Paprika, Pálinka, Pörkölt und Gänseleber, präsentiert
im Stile einer Csárdá (ein traditioneller Gasthof), bzw. dem, was der Tourist dafür halten soll. Wem das genügt, der wird dort sicherlich auf seine Kosten kommen.
Für die Lebensmittel- und Agrarindustrie Ungarns ist Deutschland der wichtigste
Auslandsmarkt. 2008 gingen 15 Prozent des gesamten ungarischen Agrarexports in die Bundesrepublik. Damit kamen ungarische Agrarerzeugnisse im Wert von
immerhin rund 860 Millionen Euro auf den deutschen Markt. Die Exporte haben sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre verdoppelt.
Marketingkonzept aus der Zeit der Landnahme: Eigenlob und Unveränderlichkeit
Während der gesamte Trend der Messe mit
ihren 1.600 Ausstellern aus über 50 Ländern weiter in Richtung Bio, Fair Trade und Innovation marschiert, lässt der ungarische Landwirtschaftsminister József Gráf in seinem
Grußwort, "einer kleinen, aber stolzen Nation, die Berlin grüßt" keinen Zweifel daran, dass die Präsentation der ungarischen Lebensmittelkultur einem seit der Landnahme
fast unveränderten Leitfaden folgt: Eigenlob und Unveränderlichkeit. Er schwadroniert: "Dank unseren klimatischen Gegebenheiten, unserer jahrhundertealten Agrarkultur und
dem Sachverstand der ungarischen Landwirte nimmt Ungarn seit geraumer Zeit überall auf der Welt, sogar in den anspruchsvollsten Märkten der Lebensmittelindustrie, einen hervorragenden Platz ein."
Zog damals, zieht heute, denkt sich das ungarische Landwirtschaftsministerium
Dann zählt er die Klischées auf, in die sich das Land verbissen hat und woran es
tatsächlich jeder Ausländer sogleich erkennt. "Salami, Paprika, Pálinka, Wein, Gänseleber sowie Gemüse und diverse Obstsorten", die zur "Visitenkarte unseres
Landes geworden sind." Bis hierhin ist alles gut. Doch ist es Weltferne oder böse Absicht wenn er fortfährt: "ich bin mir sicher: die Käufer von ungarischen
Lebensmitteln wissen, dass die ungarischen Erzeuger nicht nur auf hervorragende Qualität achten, sondern auch garantieren, dass nur kontrollierte, vom Aspekt der
Lebensmittelsicherheit tadellose Ware auf den Tisch des Verbrauchers gelangt."
Unter den 34 Ausstellern findet man überwiegend die üblichen Verdächtigen. Dazu
Unternehmen, die sich nah genug ans Ministerium gekuschelt haben, um als präsentabel eingestuft zu werden. Darunter Produzenten aus Tokaj, die Firma
Cerbona mit ihren Müsliprodukten, die Jona-Drink mit 100-prozentigen Obstsäften, fehlen darf auch nicht das „Traubi-Soda“, diese mit Weintrauben benetzte
Limonade. Und natürlich: Salami, Paprika und Pálinka. Während der Grünen Woche laden die Ungarn zu einem "Business-Treffen" ein, eine parallele Marketing-Aktion
startet in den hauptstädtischen Lebensmittelabteilungen der Kaufhof-Kette, sie läuft bis Ende des Monats.
Ungarns Lebensmittel- und Agrarindustrie 2009: Pleiten, Pech und Pannen
Ungarns Land- und Nahrungsmittelwirtschaft kann jeden Exportimpuls, jede
Werbung zweifellos gut gebrauchen. 2009 war ein sehr ungutes Jahr, vor allem für die Erzeuger, mit wetterbedingten Widrigkeiten und wieder vielen hausgemachten
Problemen. Als größten Erfolg kann die Branche verbuchen, dass es der hier omnipräsente Túró Rudi, ein Quarkriegel, auf den chinesischen Markt geschafft hat.
- die letzten Zahlen aus dem Statistischen Amt belegen einen Rückgang bei den
Getreideerträgen von rund 20%, die Erzeugerpreise brachen ein, die Gewinne der landwirtschaftlichen Betriebe vom Kleinbauern bis zur Groß-AG haben sich in den letzten zwölf Monaten halbiert.
- tausende Milchkühe mussten geschlachtet werden, weil sich die Milchbauern ihren
Unterhalt aufgrund der extrem niedrigen Milchpreise (teils unter 22 Cent / Liter) nicht mehr leisten konnten. Wütende Proteste vor dem Parlament im Herbst,
Blockaden und demonstratives Milchausschütten vor den Logistikzentren der großen Handelsketten bestimmten das Bild.
- Probleme, vor allem Verzögerungen, Falschdeklarationen und Mauschelgeschäfte
gibt es immer wieder mit der Auszahlung von EU-Subventionen. Durch übertriebenen Anbau von Energiepflanzen werden Böden zerstört oder für lange Zeit unbrauchbar.
- der traditionelle Konservenhersteller Globus ging Pleite, seine Filetstücke wurden
an den tschechischen Marktführer Hamé verkauft, der Rest gechlossen. Andere Fleisch- und Wurstbetriebe gingen ebenfalls reihenweise in Konkurs oder wurden u.a. an Finanzinvestoren (Penta) verramscht.
- in Insolvenz befand sich auch die über hundert Jahre alte Herz-Salami, die, ebenso
wie die Schwester Pick, die internationalen Trends der letzten zwei Jahrzehnte, z.B. hin zu weicheren, milderen Salamis verschlafen bzw. komplett ignoriert hatte.
Der Chef von Ungarns größter Bank, der OTP, Sándo Csányi ist nun Eigentümer beider Häuser.
- ebenfalls im Herbst flog der ehemalige "Winzer des Jahres", Béla Vincze aus Eger
als übler Panscher auf und ist nun mit Produktionsverbot belegt. Die Weinernte litt durch heftigen Hagelschlag, was dieser übrig ließ, lässt jedoch auf höchste
Qualitäten hoffen, dank eines traumhaften Herbstwetters.
- Enten- und Gänseteile und -leber aus der Zwangsmast
machten das ganze Jahr hindurch Schlagzeilen, weil es österreichische Tierschützer nicht lassen können, den Verkauf solcher Produkte bei österreichischen
Lebensmittelketten zu kritisieren. Diese hatten sich zum Teil selbst gegen diese Importe verpflichtet, wurden aber von Händlern aufs Kreuz gelegt. Um den Martinstag flog
eine ähnliche Geschichte bei IKEA auf, denen der Verein "Vier Pfoten" nachweisen konnte, dass die preisgünstigen Gänsekeulen auch aus ungarischen Qualzuchtunternehmen stammen. Die Reaktion aus
Ungarn? Ein offenbar sehr mächtiger Geflügelzuchtverband behauptete auf einer Pressekonferenz, die Stopfmast ist für die Gänse "eine Wohltat", was man schon
daran erkennt, dass sie sich danach wohlig hinlegen und nicht etwa flüchten, wie es ihrer Natur entspricht. Einwände von Medienvertretern, die armen Tiere könnten
nach der Tortur einfach nicht mehr laufen, wurden als antiungarische Statements besserwisserischer Westignoranten hinfortgefegt. Das Stopfen sei eine urungarische
Tradition, also Teil der Identität und zudem hingen Zigtausende Menschen an der Industrie. Auch die Einschätzung der Exportstrategen im
Landwirtschaftsministerium liest sich dazu so: "Deutsche Verbraucher kaufen gerne frische ungarische Hühner- und Putenbrust. Auch viel tiefgefrorenes Enten- und
Gänsefleisch gelangt auf die Pulte" Punkt und Aus.
In Ungarn gibt es innovative Biohersteller auf allen Gebieten, Initiativen zur
direkten Vermarktung, also zum Wohle des Produzenten, Bioläden, Biowinzer. Es gibt davon jedoch weniger als im Westen und vor allem gibt es überhaupt kein
erkennbares Förderungs- oder Vermarktungskonzept für diese zeitgemäßen Trends. Die Platzhirsche in Handel, Weinbau und Lebensmittelherstellung halten alles im
Griff und bestimmen, wo und wie sich präsentiert wird. Auch hier ist, wie im ganzen Land, eine Wende - zum Besseren! - dringend nötig.
-red.
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