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(c) Pester Lloyd / 02 - 2010 WIRTSCHAFT 12.01.2010
Legendär ohne Meer
"Von Budapest aus sind alle Himmelsrichtungen sehr gut zu erreichen" - Wie sich Ungarn über die ITD als Wirtschaftsstandort präsentiert
Wie gemeldet, wurde Anfang der Woche der Chef der staatlichen Förderagentur für Auslandsinvestitionen, ITD Hungary, fristlos wegen "Inkompetenz" entlassen (unsere Meldung). Was immer genau dahinter steckt, er will sich gegen diesen Vorwurf juristisch zur Wehr setzen. Unser
nachfolgender Bericht, der bereits vor einiger Zeit entstand, könnte ihm jedoch die Anwaltskosten ersparen...
"Von Budapest aus sind alle Himmelsrichtungen sehr gut zu
erreichen". Dieser Satz steht tatsächlich in der aktuellen Broschüre und auf der Webseite der ITD Hungary, Ungarns staatlicher Investitions- und Handelförderunsagentur, die
ausländische Investoren nach Ungarn locken soll. Ob das eines dieser so wichtigen Alleinstellungsmerkmale ist, von denen Marketingexperten immer gerne sprechen?
Ob es der ITD wirklich gelingt,
Investoren nach Ungarn zu locken, ist im Einzelfall immer schwierig zu belegen, denn ob ein Unternehmen wirklich von den Landes-Promotern der ITD ins Land geholt wurde oder die
Entscheidung nicht ohnehin aus internen strategischen und praktischen Überlegungen so zu Stande gekommen wäre, lässt sich kaum nachvollziehen.
Die Werbeschrift "Ungarn, Wirtschaft kompakt 2009" müht sich jedenfalls redlich, das Land in bestem Licht und zweitbester Sprache darzustellen. "Wenn man
weltweit an Ungarn denkt so fallen einem öfters die folgenden Charakteristiken ein: Brilliante Geister, Kreativität, loyale und talentierte Arbeitskräfte,
wunderheilende Thermalwässer und Heilbäder, ein vielseitiges und reiches Kulturleben, und auch nicht zu vergessen ist die hervorragende kulinarische Küche.
Kein Wunder also, all das hat seine Gründe!"
Wer länger in Ungarn war, wird vielleicht eher von wunderlichen als loyalen
Arbeitskräften berichten und die kulinarische Küche der Japaner und Italiener, jener der Ungarn aus gesundheitlichen Gründen vorziehen. Dass es brillante Geister
in Ungarn gibt ist indes kein Geheimnis, ein Blick auf die Regierungsbank lässt sogar jeden Skeptiker verstummen. Interpretationsfähig ist auch der Satz: "Aufgrund der
jahrhundertelangen wechselhaften Geschichte haben sich die Bürger Ungarns besonders kreative und legendäre Verhaltensweisen angeeignet." Dies gilt vor allem
bei Ausschreibungen, Steuererklärungen, Kostenvoranschlägen und der Buchhaltung. Das steht dort so nicht, sei aber als Service unserer Zeitung hinzugefügt.
Weiter: "Ausländische Führungskräfte und Investoren welche in Ungarn für eine
bestimmte Zeit arbeiten wurden noch nie enttäuscht", höchstens vielleicht von der Interpunktion, aber niemals von der "sagenumworbenen Küche". Ein Elend, das
sogar Ungarns Sagen mittlerweile in den Küchen werben müssen.
ITD hat es nicht so leicht, die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen in die
20seitige Lobeshymne möglichst unauffällig zu implementieren. Man versucht es u.a. so: '"Die gegenwärtige Regierung hat ein von der EU unterstütztes
Konvergenzprogramm verkündet und damit begonnen, Ungarns finanzielle und momentane Kontodefizite zu steuern...". Wohin, erfahren wir dann vielleicht im
nächsten Heft. Obwohl, so schränkt man ein, "Von Budapest aus alle Himmelsrichtungen sehr gut zu erreichen" sind, ist "Ungarn ein Land ohne
Meereszugang", verfügt dafür aber "über eine geräumige, niedrig liegende Fläche", auf der man aber dennoch herzhaft stolpern kann.
Interessant auch die Analyse der Krise: "welche Ungarns verletzliche Wirtschaft mit
ihrer großen ausländischen Verschuldung, ihrer Zuversicht auf die Außenfinanzierung und der hohen Devisenverschuldung seiner Bürger besonders
schwer getroffen hat." Ein Kommentar erübrigt sich hier, bis die ausländischen Schuldner endlich ihre Schulden zurück gezahlt haben. Trotz aller Widrigkeiten
"werden sich Ungarns Wachstumsperspektiven nach 2009 wahrscheinlich verbessern", dank des IWF und der EU Fonds.
Wie benachteiligt Ungarn dennoch ist, zeigt der Umstand, dass dem Land lediglich
"EU-Fördergelder in einem Wert von EUR 22,4 Millionen bis 2013 zur Verfügung", stehen. Andere, viel kleinere Länder, bekommen da Milliarden! Dann wird noch
behauptet, dass die "Die Mehrheit der Ungarn Deutsch, Englisch und/oder weitere westliche Sprachen", sprechen. Die Mehrheit, das wären über 5 Millionen. Aber die
haben sich wahrscheinlich schon in alle vier Himmelsrichtungen aus dem Staub gemacht, was ja von Budapest aus besonders gut gehen soll.
ms.
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