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(c) Pester Lloyd / 03 - 2010  GESELLSCHAFT 23.01.2010

 

Heldentod für Hitler?

Ein Kuhhandel Horthys führte zum "Stalingrad der Ungarn" - Verteidigungsministerium spricht heute noch von Heldentod.

Historische Dummheit oder pathologischer Russenhass? Beim Gedenken an die 50.000 gefallenen ungarischen Soldaten am Don 1943, offenbarte das Verteidigungsministerium kürzlich ein eigenartiges Geschichtsbild. Der Kampf der ungarischen Hilfstruppen Nazideutschlands wird mit dem Abwehrkampf der Monarchie gegen die einfallenden Osmanen 1526 bei Mohács gleichgesetzt und ihr Untergang als "Heldentod" zelebriert.

Die Webseite des ungarischen Verteidigungsministeriums veröffentlichte einen Bericht über den "67. Jahrestag der Vernichtung der 2. Ungarischen Königlichen Armee an den Ufern des Don 1943". Darin wird über zwei Zeremonien in den Garnisonen des 12. "Arrabbona" Luftverteidigungsregiments in Györ und Szombathely (Foto), in Gedenken an "die rund 50.000 Gefallenen, ungefähr die gleiche Zahl Verletzte und 28.000 Kriegsgefangene" berichtet und über den "Durchbruch der Sowjets über zwei Brückenköpfe am 12. Januar 1943 und die totale Vernichtung der ungarischen Kräfte bis zum 14. Januar."

Ein reflektiertes Geschichtsbild hat niemand erwartet, aber Heldentod?

Nun ist es durchaus ehrenwert, der Opfer von Kriegen zu gedenken, schließlich verrichteten die meisten der armen abgeschlachteten Hunde in der ungarischen Armee ihren Dienst bei Leibe nicht freiwillig; und man kann nicht oft genug darauf aufmerksam machen, welche Folgen Kriege und aggressive Politik haben können. Auch folgt die Traditionspflege militärischer Einheiten nicht immer unbedingt einem ausgewogenen und reflektierten Geschichtsbild, nirgendwo auf der Welt. Doch selbst wenn man dies, samt des erhöhten Folklorebedürfnisses des heutigen Ungarn in Rechnung stellt, bleibt einem bei der Bewertung dieser Ereignisse durch die Öffentlichkeitssoldaten des Verteidigungsministeriums nicht viel mehr als staunendes Entsetzen.

Sie vergleichen die Ereignisse von 1943 nämlich "mit der tragischen Niederlage der ungarischen Monarchie gegen die ottomanischen Türken, bei der Schlacht von Mohács 1526." Und die Niederlage am Don bedeutet den Ungarn das, was den "Menschen in den USA die Schlacht von Alamo" bedeutet. Nun mag ein militärhistorischer Haarspalter vielleicht anmerken, dass damit lediglich die Dimension der Niederlage gemeint ist. Doch spricht das Honvédelmi Minisztérium in seinem Bericht zum 67. Jahrestag ausdrücklich davon, dass die, "die damals am Don ihr Leben ließen" der "Heldentod" (Hősi halált) ereilte. Ihnen wurde eine ökumenische Messe (Foto) gelesen, Bewaffnete standen neben dem Altar.

Ungarn kämpfte - obwohl erst 1944 von Nazideutschland besetzt - bereits seit 1942 an dessen Seite. 1941 hatte Hitler einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begonnen, halb Russland war niedergebrannt, bis Kriegsende fielen allein in der Sowjetunion über 8 Millionen Soldaten und mindestens 17 Millionen Zivilisten den Schrecken des Krieges zum Opfer. Zigtausende Rotarmisten starben auch, um Ungarn vom Faschismus zu befreien. Den Kampf gegen die Rote Armee, fast 2000 km entfernt von zu Hause, da mit dem Einfall der Osmanen nach Ungarn zu vergleichen, ist nicht nur historischer Blödsinn, sondern eigentlich eine Verhöhnung der Opfer beider Seiten. Auch der Vergleich mit der Schlacht von Alamo, wo 1836 mexikanische Truppen ein texanisches Fort ausradierten, ist ein schlechter Witz.

Nationalistische Flatulenzen auf den Gängen des Verteidigungsministeriums

Ungarn hatte es mit Russland nie leicht, wer hatte das schon. 1849 besiegten russische Truppen in Absprache mit Habsburg das Revolutionsheer von Kossuth, nach 1945 gab es stalinistische Säuberungen und 1956 schlugen sowjetische Truppen den Volksaufstand nieder. Daraus aber den Schluss zu ziehen, die Paktiererei mit Hitlerdeutschland hätte irgendetwas Heldenhaftes an sich, nur weil es gegen die Russen ging, zeigt, welche ideologisch-nationalistische Flatulenzen sich unter Leitung des sozialistischen (!) Verteidigungsministers Imre Szekeres (Foto) freimachen. Teilt er diese Auffassungen nicht, dann hat er seinen Laden zumindest nicht im Griff, für einen Befehlshaber nicht gerade ein gutes Zeugnis. Man darf gespannt sein, was passiert, wenn die betont national gestimmte Rechte das Oberkommando über die Deutung der Geschichte übernimmt. Einen Gedenkmarsch für den "Nationalhelden" Horthy, der die Zigtausenden Ungarn in den Tod schickte, hatten Jobbik und "Garde" vor kurzem schon abgehalten. Die Presseaussendung des sozialistischen Verteidigungsministeriums ist nicht mehr weit von deren Geschichtsklitterung.

Horthys Kuhhandel führte in die Katastrophe

Der auf die Geschichte Ungarns um den Zweiten Weltkrieg spezialisierte Historiker Péter Gosztony nannte die Schlacht in einem Beitrag für "Die Zeit" im Jahre 1993, "das Stalingrad von Ungarn" und erläutert die Hintergründe: Miklós Horthy sandte als Oberster Kriegsherr der Königlichen Honvéd eine Armee für die deutsche Winteroffensive 1942, die beiden rumänischen Armeen gingen bereits im Dezember unter, 1943 stand die ungarische Armee am Don, zwischen Woronesch und Pawlowsk "bereits auf verlorenem Posten". Auch Gosztony fragt: "Wie kamen 180.000 ungarische Soldaten dazu, sich 2000 Kilometer von den Karpaten entfernt für deutsche Belange zu schlagen?"

Reichsverweser Miklós Horthy bei seinem “heldenhaften Abwehrkampf”
gegen die Vereinnahmungsversuche von Hitler.

Ungarn unter Horthy ließ sich auf einen Kuhhandel ein. "Im August 1940 hatten Hitler und Mussolini in Wien einen Schiedsspruch gefällt. Danach wurde Siebenbürgen geteilt: Der Nordteil kam zu Ungarn, der Süden verblieb bei Rumänien." Dafür forderten die Deutschen später militärische Unterstützung ein. Offiziell gab es damals noch kein Bündnis: "Die Regierung in Budapest nahm einfach zur Kenntnis, daß eine Feldarmee mit der Bezeichnung „2" an die Ostfront geschickt und dort unter ungarischem Armeekommando geschlossen der deutschen Heeresgruppe Süd unterstellt wurde. Politisch begründete man diesen Schritt mit der vermeintlichen Notwendigkeit, gegen den Bolschewismus zu kämpfen."

Es ist nicht verwunderlich, dass die Deutschen die Ungarn praktisch als Kanonenfutter benutzten und sie am Don ausbluten ließen, so taten sie es mit allen "Verbündeten". Heldenhaftes war da nicht, nur Elend, das grenzenlose Elend des Krieges. Und das Tragische daran ist, dass man das nicht Wenigen heute noch und wieder erklären muss. In Ungarn hat von diesem Skandal, der anderswo zur Ablösung der Verantwortlichen führen würde, niemand auch nur die kleinste Notiz genommen.

ms

Der Originaltext des Verteidigungsministeriums (engl.)
http://www.hm.gov.hu/news/hazai_hirek/nagyapaink_mohacsa_a_don-kanyar

Und die ungarische Version beim 12. Luftabwehrraketenregiment Arrabona
http://www.raketadandar.hu/index_elemei/hirek46.htm#don

Fotos: Honvédelmi Minisztérium, Archiv Pester Lloyd
 

 

 

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