Hauptmenü

 

 

 

 

 

(c) Pester Lloyd / 03 - 2010  FEUILLETON 22.01.2010

 

Nimm, was du kriegen kannst...

Wenn aus Ernst Spiel wird: "Krysis" aus Ungarn

„Vor langer Zeit, als die Welt noch jung war, regierten die stolzen Könige der Menschen, berühmt für ihre Ehrbarkeit und Güte. In silbernen Türmen lehrten die Weisen des Elfenvolks die Mysterien der Magie und in den mächtigen Festen des Eisengebirges thronten die stolzen und unerschütterlichen Zwerge. Und dann gab es schließlich noch uns, die Kobolde."

So beginnt die Story, die den Spielefreund in die Welt von "Krysis - Nimm, was du kriegen kannst!" einführt. Dass das bizarre Spiel in Ungarn kreiert worden ist, kann kein Zufall sein. Nicht nur, weil Ungarn die Krise derart auskosten "durfte", dass es wohl über die tiefste Expertise hinsichtlich von Krisenphänomenen verfügt, sondern vor allem deshalb, weil die Ungarn praktisch denken, aus der Not eine Tugend machen und unglaublich verspielt sind.

Figuren, wie vom Árpád-Ähnlichkeitswettbewerb

Georg Kövary, der kürzlich vertorbene Satiriker, kennzeichnete "den Ungarn" als jemanden, der hinter dir die Drehtüre betritt, sie aber vor dir verlässt. Wir haben in den letzten Monaten gelernt, dass der Ungar sogar Lift fahren kann, wenn der Strom ausfällt und durch Wände geht, auch wenn die Nase blutet. Die Selbstbeschreibung der "Kobolde" von den Sepielerautoren Zoltán Ágó und Zoltán Aczél würde man durchaus als autoironischen Seitenhieb verstehen können, wenn, ja wenn Selbstironie in Ungarn nicht so ein seltenes Gut wäre und einer nur äußerst kleinen Schicht von entspannten Zeitgenossen gegeben ist, wie kürzlich auch Nobelpreisträger Imre Kertész feststellte. Dieser durfte sich dafür übelsten Schimpf anhören und wurde von der versammelten und momentan sehr lautstarken Rechten als unungarisches Element verunglimpft. Ein Vogel, den sein Nest beschmutzt.

Wir wissen noch nicht, was nun den Illustratoren dieses Spiels, Sándor Zubály und Péter Zelei widerfahren wird, aber es wird furchtbar sein. Verbannung, sagen wir in die nördliche Slowakei, sollte das Mindeste sein. Denn es ist doch ganz offensichtlich ein sehr böswilliger "Zufall", dass die Spielfiguren aussehen, als kämen sie gerade vom Mr. Árpád-Ähnlichkeitswettbewerb oder standen eben noch am Straßenrand beim Umzug der "Ungarischen Garde". Manche Szenen auf dem künstlerisch großartig gestalteten Spiel, erinnern uns an apokalyptische Geschöpfe eines Hieronymus Bosch, andere scheinen düsteren Sagenwelten entsprungen, doch viele sehen einfach nur aus wie der missgünstige Nachbar Witzig und finster, eine gelungene Kombination in schönster Comic-Tradition.

Denn wir sind Kobolde...

Ágó und Aczél lassen die Kobolde einleitend erklären: "Man kann vielleicht nicht behaupten, wir wären besonders ansehnlich, stattlich oder mutig, aber auch wir sind für eine Sache berühmt: Wir sind Geschäftsleute! - Profit ist für uns mehr als nur ein schnöder Begriff - es ist eine Offenbarung. Und so entsprangen unserem Volk die vier mächtigen Konzerne, die bald das gesamte Wirtschaftssystem der Welt beherrschten. Monopole, Preisabsprachen und unlauterer Wettbewerb waren für uns Kobolde nicht etwa eine Begleiterscheinung unseres Erfolgs – sie gehörten zum guten Ton. Es war eine goldene, wunderbare Zeit! Wie die Tragik des Schicksals es will, erfuhren wir von den anderen Völkern jedoch niemals Anerkennung für unsere Verdienste...".

Doch die Quellen versiegten, dann kam die Krise. Die Kobolde wurden in unwirtliche Bergwelten verbannt: "Doch wären wir nicht Kobolde, hätten wir nicht auch aus dieser Lage den größtmöglichen Profit geschlagen. Kaum waren wir verbannt, entdeckten wir ein Vorkommen von seltenen Kristallen in unserem Gefängnis und die Konzerne formierten sich sogleich erneut. „Nimm, was du kriegen kannst“, so lautet unser Kredo. Denn wir sind Kobolde. Und wo andere Habgier sehen, sehen wir Stolz. Wo andere Brutalität sehen, sehen wir eine Strategie. Wo andere eine Krise sehen, sehen wir - neue Möglichkeiten.“

Die Zielgruppe ist riesig

Und dann geht die Post ab, Jeder gegen Jeden, bluffen, schummeln, rauben, tricksen und Sieger ist, "der Spieler mit dem höchsten Kontostand", also alles wie im richtigen Leben. Die sparsame Antikrisenstrategie des Regierungschefs ignorierte man geflissentlich. Hier darf man in gemütlicher Runde das Ausplündern von Land und Leuten nachspielen, was vor allem jenen Freude machen wird, die beim großen Raubzug in der Realtität zu kurz gekommen sind, - die Zielgruppe ist riesig.

Das Spiel ist mittlerweile auch auf Deutsch im Heidelberger Spieleverlag erhältlich, die Figuren sind zwar die gleichen, ihre Gesichtszüge wirken aber plötzlich eher wie Nibelungenhelden und eine Reihe deutscher Manager, die ebenfalls kostbare "Quellen" versiegen ließen und "nahmen, was sie konnten". Spielt man es in Österreich, verzerren sich die Gesichtszüge der Protagonisten wie von Zauberhand zu sonnenbankgestrafften Fratzen kärntnerischer Bankkobolde. Dieser Spaß kostet uns, im Unterschied zu den Späßen der realen Spaßmacher jedoch nur 25 EUR und hat eine "Eignung ab 0 Jahre", was man von den Managern der Wirklichkeit nicht einmal von reiferen Jahrgängen behaupten kann. Und so können mit "Krysis" auch die Kleinsten so schnell wie möglich auf die Welt da draußen vorbereitet werden.

Webseite des Spiels: de.krysis.eu, dass man hier auch online spielen kann

ms.
 

 

 

KOMMENTAR IM GÄSTEBUCH ABGEBEN
 


 

 

IMPRESSUM

Ihre Werbung hier

 

Pester Lloyd, täglich Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa: Kontakt