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(c) Pester Lloyd / 03 - 2010 GESELLSCHAFT 20.01.2010
Der verdrängte Skandal
Obdachlosigkeit in Ungarn: die Krise ist auf der Straße angekommen
Die Zahl der Obdachlosen und Hilfebedürftigen in Ungarn steigt rapide - doch der Staat kürzt die Gelder, auch um die Auflagen des IWF zu erfüllen. Die
Zeichen bei den Hilfsorganisationen stehen indes auf Sturm: sie rechnen mit einem massiven Ansteigen der Obdachlosenzahlen in diesem Winter.
Menschen, die gestern noch in Lohn und Brot standen, stehen heute schon an den Essensausgaben, suchen Hilfe und lassen sich Nachtunterkünfte
vermitteln. - Eine Reportage über Hintergründe, Abgründe und Lichtblicke am Rande der Gesellschaft.
Tausende übernachten auf der Straße, trotz vieler Notunterkünfte...
Die erste Kältewelle hat Budapest hinter sich. Doch den obdachlosen, armen Teufeln
stehen sicher noch weitere bevor. Im Zuge der Wirtschaftskrise in Ungarn werden es immer mehr. „Es gibt viele Anzeichen, dass sich die Situation diesen Winter
drastisch verschlimmern wird. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse der Zählungen im Februar“, sagt Ferenc Matlári, Pressesprecher der Menhely Alapítvány, einer der
ältesten und größten Einrichtungen für Wohnungslose in Budapest. Jedes Jahr finden solche Erhebungen statt.
Letztes Jahr wurden gesichert 1400 Menschen gezählt, die effektiv auf der Straße
übernachten mussten – trotz der 5500 Plätze in den verschiedenen Nachtunterkünften, die die Hauptstadt zu bieten hat. Es gibt jedoch bei der
Erfassung der Obdachlosen, die teilweise so versteckt leben, dass auch die Hilfsorganisationen nicht an sie herankommen, enorme Probleme – so schätzt das
BMSzKI (Budapester Zentrum der Sozialmethodologie) nach Aussage dessen fachlichen Leiters Péter Gyori, dass 2500 Menschen nachts auf der Straße leben.
... und noch viel mehr leben in der kaschierten Obdachlosigkeit
Wohnungslosigkeit ist jedoch kein auf sichtbare Obdachlosigkeit beschränktes
Problem. Neben den Menschen, die man Nacht für Nacht in den Metrotunneln sieht, und denen, die behelfsmäßig oder recht dauerhaft in Hilfsinstitutionen
unterkommen, gibt es die kaschierte Obdachlosigkeit: Menschen, die sich keine eigene Wohnung leisten können und, um nicht auf der Straße zu landen, prekäre
Wohnsituationen in Kauf nehmen. So gibt es seit einigen Jahren regelrechte Städte in den Wäldern in und um Budapest, wo sich die Wohnungslosen aus Holz und Pappe Hütten bauen.
Um beinahe jede größere Stadt Ungarns gab und gibt es Schrebergärten und
Sommerhäuser, in denen sich nun Wohnungslose – meist Familien – niederlassen, ohne Strom, ohne Wasser, und in den Städten selbst gibt es auch Möglichkeiten,
irgendwie unterzukommen, etwa die kostenlose Unterkunft bei Freunden. Hier sind vor allem Frauen – die in der sichtbaren Obdachlosigkeit deutlich unterrepräsentiert
sind – betroffen. Eine solche Wohnsituation darf nicht mit einer harmlosen Gefälligkeitsunterkunft verwechselt werden – oft muss sie mit ganz anderem als
Miete bezahlt werden: fehlender Privatsphäre, psychischen Demütigungen oder, und das ist keine Seltenheit, mit dem Körper.
Vor und nach dem Systemwechsel
1990 wurde das Problem der Wohnungslosigkeit offensichtlich. Zuvor war es
verleugnet und erdeckt worden von einem Herrschaftsapparat, der seine Legitimation aus dem Anspruch auf soziale Gerechtigkeit und Inklusion zog.
Menschen, die heimatlos auf der Straße gesichtet wurden, steckte man damals, wie Péter Gyori zu erzählen weiß, einfach in verschiedene geschlossene Institutionen:
Psychiatrien, Alkohol-Entzugseinrichtungen und Gefängnisse sollten kurieren oder ahnden, was man den Obdachlosen vorwarf: „Arbeitsverweigerung“. Doch auch in
den kapitalistischen Ländern gelangte man erst spät zur „differenzierten Wohnungslosenhilfe“, die moralisierende Vorstellungen einer Selbstverschuldung der
Wohnungslosigkeit ablehnt und stattdessen annimmt, dass eine komplexe Ursachenspirale aus ökonomischer und sozialer Exklusion, in Kombination meist mit
persönlichen Schicksalsschlägen, zur Wohnungslosigkeit führt.
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Als in Ungarn der „Systemwechsel“ stattfand und die riesigen, unrentabel
wirtschaftenden Staatsunternehmen erneuert und zum Teil privatisiert wurden, gerieten Tausende in die Arbeitslosigkeit. Obdachlos geworden, zogen einige von
ihnen in die einzigen Unterkünfte, die kostenlos zu haben waren: Bahnhöfe und Metrostationen. Doch die Betriebe reagierten, indem sie die Plätze schlossen, und
nahmen den Obdachlosen ihren Schlafraum. Eine große Demonstration der Obdachlosen am Blaha Luíza tér war die Antwort – und die Bevölkerung zeigte sich
solidarisch. „Zu dieser Zeit war jeder sensibel und tolerant gegenüber den Problemen der Wohnungslosen. Jeder sah sie als Menschen wie du und ich, und
jeder wollte, dass ihre Probleme ernst genommen und gelöst werden“, erzählt Matlári von den damaligen Ereignissen. Der Optimismus hing eng mit dem Glauben
an die heilenden Kräfte des Marktes zusammen. „Die Menschen dachten damals, wenn nur endlich der Kapitalismus käme, würde Ungarn zum Himmel auf Erden.“
Frustration, Hass und Säuberung
Doch die übertriebenen Erwartungen und die notwendigen Enttäuschungen trieben
viele in die Frustration. Die allermeisten sind enttäuscht von ihrem Ungarn, von der Korruption, von den Entgleisungen, von der moralischen Schwäche ihrer
MitbürgerInnen, und so ziehen sie sich in sich selbst zurück, den vermeintlich einzigen Felsen in der Brandung der ungarischen Misere. So aber wird die
Wahrnehmung zur Konsequenz: So lange jeder sich um sich selbst dreht, bleibt jede Hilfe und Solidarität, die vom Gegenteil überzeugen könnte, aus.
Der Konsens von der Obdachlosigkeit als einem gemeinsamen Problem hat sich
längst zur Schuldzuweisung gegen die Betroffenen gewandelt. Einige, wenigere, verschaffen dem Frust auf andere Weise abhilfe. „Xenophobie, Homophobie,
Antiziganismus werden immer stärker in der Gesellschaft. Und immer mehr Menschen hassen Obdachlose“, beschreibt Matlári die Stimmung. Deren
Gipfelpunkte: Jedes Jahr gibt es in Budapest 10-15 Fälle von „hate-crimes“, wie diese Art von Verbrechen in der englischsprachigen Forschung genannt wird: Fälle,
in denen meist aggressive Jugendliche ihre obdach- und wehrlosen Opfer mit eiskaltem Wasser aus dem Schlaf reißen, sie grundlos zusammenschlagen oder gleich mitsamt Hab und Gut in Brand setzen.
Doch auch gesittetere Kreise haben ihre Art des Umgangs mit dem „Problem“. In
den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Versuchen, das leidige Gesicht der Obdachlosigkeit aus dem Stadtzentrum zu verbannen. Das ist ganz einfach:
Irgendwer, dem an besseren Geschäften oder einem besseren Ansehen der Gegend gelegen ist, bezahlt private Sicherheitskräfte, die sich gezielt an von Obdachlosen
frequentierten Orten postieren. Wer sich schlafen legen will, wird fortgejagt – so leicht lässt sich das soziale Ansehen einer Stadt aufpolieren. „Geradezu
kampagnenartig“ sei das vor allem im V. und VII. Bezirk durchgeführt worden, bis sich Widerstand regte, der die Kampagne zu Fall bringen konnte. Doch immer
wieder kommt es, in geringerem Maßstab, zu ähnlichen Fällen.
Es gibt auch positive Signale
Diese Szenarien stehen zum Glück nicht alleine da, und viele Wohnungslose
machen auch positive Erfahrungen mit den Menschen ihrer Umgebung – es gibt nicht „die“ Realität der Obdachlosen, sondern viele verschiedene. Da ist zum Beispiel Emil Kondas (Foto), ein
kleingewachsener, kräftiger Mann mit starken Händen und einem gealterten Gesicht. Er hat mit dem Tod seiner Eltern vor 18 Jahren auch seine Wohnung verloren in einem Dorf nahe Miskolc. Auf
der Suche nach Arbeit kam er in die Hauptstadt, wo er inzwischen in einem Wohnwagen in bescheidenen Verhältnissen lebt. Bei den Leuten seiner Nachbarschaft, in der er den Fedél Nélkül
– die Obdachlosenzeitung Budapests – verkauft, sei er sehr beliebt. Er erzählt, wie er einmal ein Jahr aufgehört hatte, die Zeitung zu verkaufen, weil er auswärts
auf einer Baustelle arbeitete. Als er zurückkam und am angestammten Platz die Zeitung feilbot, fiel einem seiner Bekannten ein dicker Stein vom Herzen: er hatte befürchtet, Kondas sei etwas zugestoßen.
Ausweg Arbeit?
So stolz, wie er von seinem freundschaftlichen Umfeld erzählt, betont Kondas, dass
er viel arbeiten geht, nicht nur für den Fedél Nélkül, sondern auch als Bauarbeiter oder Gärtner. Damit steht er bei weitem nicht alleine da: 44 % der Budapester
Obdachlosen hatten 2009 irgendeine Art Arbeit (2006, vor der ersten ungarischen Wirtschaftskrise, waren es gar 63%) und widerlegten Arbeitsschicht für
Arbeitsschicht das Stereotyp von der Arbeitslosigkeit oder gar der „Sozialschmarotzerschaft“ der Wohnungslosen, das sich dennoch hartnäckig hält.
„Arbeit ist das Wichtigste“, sagt Kondas, davon hänge alles ab.
Doch so einfach ist die Arbeitssuche nicht. „Emil hat Glück“, sagt Gyorgyi Boros,
Koordinatorin beim Fedél Nélkül, „er hat gute Eigenschaften und denkt immer positiv.“ Denn gerade auf Arbeitssuche sind Wohnungslosen die meisten Steine in
den Weg gelegt. So muss ein jeder Bewerber und eine jede Bewerberin bei der Arbeitsstelle die Meldeadresse angeben. Lautet diese lediglich z.B. „Budapest, VIII.
Bezirk“, weiß der Arbeitgeber bescheid. Die Folge sind meistens geringere Bezahlung oder gleich die Absage.
Eine Zeitlang haben die Hilfseinrichtungen dem entgegengewirkt, indem sie die
Adressen ihrer Einrichtungen als Meldeadressen in tausende Pässe haben eintragen lassen. Doch die großen Unternehmen wissen längst auch darüber bescheid. Was für
viele bleibt, ist der Schwarzmarkt, wo schlechter bezahlt und weniger Arbeitsschutz geboten wird – im Wissen um die verzweifelte Situation der Wohnungslosen. Und in
Zeiten der Krise sind es die schwarz Angestellten, die zuerst gehen müssen: Gäbe es zahlen über den Anstieg der Arbeitslosigkeit im Schwarzmarktsektor, überträfe er die offizielle gewiss um Längen.
Die Spuren der Krise
Das ist die ganze miserable Ausgangslage, die seit Jahren zur Metropole gehört.
2010 aber ist das Jahr der Krise – nicht ihrer Ursachen, sondern ihrer Folgen. „Wir fühlen etwas“, sagt Matlári, und meint damit ein Ansteigen der
Wohnungslosenzahlen. Solange keine neuen Erhebungen stattgefunden haben, sind das nur Vorboten, graue Wölkchen an einem Himmel, an dem – vielleicht – bald
Unwetter heraufziehen. Solcher Vorboten gibt es eine Menge. „Viele Menschen, die keine Wohnungslosen sind, kommen zu unseren Nahrungsausgaben, weil sie sich
anders nicht mehr zu helfen wissen“, berichtet Matlári. Das stellt die Mitarbeiter von Menhely inzwischen regelmäßig vor echte Probleme, weil nicht genügend
Vorräte da sind. „Dann müssen wir auswählen, wer etwas zu essen bekommt und wer nicht.“
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Immer mehr Menschen, die nicht obdachlos sind, nehmen die Dienste der
Tageshilfsstätten (Foto) in Anspruch, wo sie Mahlzeiten, Medikamente und medizinische Hilfsmittel wie Rollstühle zur Verfügung gestellt bekommen. Auch
Unterstützung bei der Jobsuche erbeten Viele dieser Tage. „Die Leute, die jetzt ihren Job verloren haben, tun alles, um wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren –
sie kommen sogar zu uns“, sagt Matlari – auch, um den Fedél Nélkül zu verkaufen. Sie müssten es nicht, es gibt zahlreiche andere Agenturen, die bei der Jobsuche
unterstützen – der Gang zur Obdachlosenunterstützung ist ein Akt der Verzweiflung der – wie sie einmal in Ermangelung eines schonungsvolleren Wortes genannt werden – Noch-nicht-Wohnungslosen.
Und nicht immer bleibt es dabei, dass sie bloß einen Job suchen. „Wenn an einem
Tag eine Firma irgendwo im Lande zumacht, stehen am nächsten Tag die Leute bei uns“, erzählt Péter Gyori. Dann geht es um nichts anderes als eine Unterkunft: Eine
Blitzreaktion, die ein absolutes Novum darstellt und von Panik zeugt. Das BMSzKI versucht dann, die Suchenden in den besten Unterkünften unterzubringen: Um den
Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und sozialer Exklusion zu verhindern, so lange es noch geht. Alle Anzeichen deuten jedenfalls darauf hin, dass die Obdachlosigkeit in
diesem Winter ein deutliches Wachstum erzielen wird.
Staat spart an Obdachlosen, nicht bei Banken
Doch glücklicherweise bezahlt der Staat pro Kopf – könnte man meinen. Das
Finanzierungssystem funktioniert nach Bedarf: Der Staat zahlt pro Bedürftigen (gestaffelt nach Bedürfnisart) eine fixe Summe an die Obdachloseneinrichtungen.
Doch seit fünf Jahren kürzt der Staat regelmäßig die Hilfen. Um durchschnittlich 18 % sinken die Beiträge für die einzelnen Leistungen allein in diesem Jahr gegenüber
2009 – was bedeutet, dass beinahe jeder fünfte Teller leer bleibt. Das ist in der Krise zwar verständlich – die Regierung hat alle Hand voll zu tun, um die Auflagen
des IWF-Kredites zu erfüllen, der den Staat noch einmal vor dem drohenden Bankrott gerettet hat. Ein Skandal, eine Unmenschlichkeit ist es trotzdem. Denn
während weltweit Rettungsschirme gespannt werden für Banken und Unternehmen, um die Renditeerwartungen der Aktionäre langfristig zu garantieren, ist es
weiterhin an den obdachlosen, Hunger leidenden armen Teufeln, sich niederzulegen, wo es niemand hört und es kein Aufsehen erregt, wenn er stirbt. Banken gelten als systemisch, Obdachlose als Systemfehler.
Doch wie in der Wirtschaft bedeutet die Krise – ursprünglich von „Entscheidung,
entscheidende Wendung“ aus der Medizinersprache - auch in Sachen Wohnungslosigkeit eine Chance. Seit zwei, drei Jahren, so referiert Matlári eine
erfreuliche Entwicklung, gibt es immer mehr Menschen, die die Arbeit der Menhely Alápitvány freiwillig unterstützen; derzeit sind es etwa 70. Und die Krise macht
Obdachlosigkeit erstmals wieder zu etwas, wozu die Menschen einen empathischen Zugang gewinnen – indem sie selbst in ihre Lage geraten. Jobverlust,
Kreditschulden, ständige Kosten – viele schrammen nur ganz knapp daran vorbei, ihre Wohnung zu verlieren. Und sie spüren: Ich könnte obdachlos werden. Die Obdachlosen könnten Menschen wie ich sein.
Die Zeit, in der sich die Menschen eine gemeinsame Lösung für das Problem der
Obdachlosigkeit überlegen und erarbeiten wollten, dürfte dennoch längst vorbei sein. Und zur Rechtfertigung des eigenen Wohlstands – oder des eigenen
bescheidenen Anteils daran – wird es weiterhin notwendig bleiben, den Obdachlosen die alleinige Schuld an ihrem Schicksal in die Schuhe zu schieben.
Frederic Heine
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich bei der Menhely Alapítvány zu engagieren: Die meisten helfen bei der Essensausgabe oder -zubereitung, man
kann aber auch bei Hintergrundtätigkeiten unterstützen. Hartgesottene können auch im Krisen-Auto helfen: in diesem sind zwei Sozialarbeiter unterwegs, um
Nothilfe zu leisten (warmer Tee, Decken, Medikamente) und freuen sich über Freiwillige, die bei der Problemlösung helfen. Unter der 24-Stunden Hotline
06-1-338-41-86 alles weitere geklärt werden. Auch das Krisen-Auto kann unter dieser Nummer bestellt werden, sollte man Zeuge eines Notfalls werden.
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