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(c) Pester Lloyd / 04 - 2010 GESELLSCHAFT 26.01.2010
Zeichen der Zeit
Was haben Árpádflagge und Turul zu bedeuten? Eine Ausstellung in Budapest versucht es zu erklären.
Am 27. Januar begeht man weltweit den Holocaust Memorial Day. Im Holocaust Zentrum in Budapest hat man jedoch nicht viel Zeit, den Opfern der
Vergangenheit zu gedenken, denn in Ungarn beschäftigen die aktuellen Ereignisse und die potentiell nächsten Täter. Die Sonderausstellung mit dem
Titel "Die Árpád-Streifen - einst und jetzt" will aus aktuellem Anlass Ordnung in die Symbol- und Begriffsgeschichte von Turul und gestreifter Flagge bringen.
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Bei den Demonstrationen der extremen Rechten, von Jobbik und "Garde" in Ungarn,
aber auch bei Aufmärschen der Anhänger des nationalkonservativen Fidesz tauchen sie immer wieder auf. Die rot-weiß-gestreiften Árpád-Flaggen. Der ausländische
Beobachter ist irritiert, bei Nachfrage erfährt er, je nach politischer Ausrichtung, verschiedenes dazu: Symbol für die glorreiche Herrschaft der Árpáden, Ungarns
erstem Herrscherhaus, Fahne und Symbol der Pfeilkreuzler, der ungarischen Faschisten, die im Land ein Terrorregime errichteten. Doch die Streifen finden sich
auch im offiziellen Staatswappen, sind die Fahne von Esztergom, im Wappen von Budaörs. Was stimmt? Und was ist das mit dem Turul, dem sagenhaften Urvogel der Ungarn...
Das Budapester Holocaust Memorial Center hat
jetzt eine Sonderausstellung mit dem Titel "Die Árpád-Streifen - einst und jetzt" zusammengestellt, die ein wenig Ordnung in dieser Symbol- und Begriffsgeschichte schaffen
soll. Dort erfahren wir, dass die Árpád-Flagge tatsächlich das Banner der Herrschaft der ungarischen Mittelalterkönige Imre sowie László und Mátyás war, die letzten beiden aus dem
Hause Hunyad stammend. König Mátyás, an der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit, war ein kunstfördernder und relativ aufgeklärter Renaissancekönig und Feldherr und herrschte als
Herzog von Österreich auch über Teile des Landes, das dann den Habsburgern zufiel. Doch auch Prinz Ferenc II. Rákóczi trug die Árpádflagge (auf unserer Abb. ist es
König Béla III., ein Árpáde des 12.Jh. auf einer Buchillustration aus dem 14. Jh.), der die großen antihabsburgischen Aufstände vom Anfang des 18. Jahrhunderts zu
verantworten hatte. Die Streifen blieben das Symbol für das Land Árpáds, mit dem sich ein ungarischer Herrscher, ob Einheimischer oder Fremdgewächs, die
Legitimität seiner Ansprüche illustrierte und die Bezugnahme hielt bis in die Demokratie an. Das Grün der Staatsflagge ist letztlich nichts anderes als der grüne
Hügel, auf dem das rot-weiße Patriarchenkreuz eingerammt wurde, das Rot-Weiß aber sind die Nationalfarben.
Anhand von zahlreichen Dokumenten aus der Zwischenkriegszeit, Fotos, Flugblättern,
Plakaten und Alltagsgegenständen wird der Kult vergegenständlicht, den der ungarische Revisionismus nach den "Schandverträgen" von Trianon wachsen ließ, die
1921 Ungarn zwei Drittel des Territoriums und die Hälfte der Bevölkerung nahmen. Aus diesem Ereignis ergab sich nicht nur, dass viele Ungarn plötzlich zu Minderheiten
in anderen Staaten wurden, sondern wurde auch der ewige Opfermythos entwickelt, der auch heute noch die zentrale Emotion der werbenden Rechten ist.
Der Turul, ein Sagenwesen, das den "magyarischen" Stämmen (in Wirklichkeit ein
bunter Völkerhaufen aus Turkvölkern und anderen Mitgerissenen) den Weg ins Karpatenbecken gewiesen haben soll, wurde über die Pfeilkreuzler und die
neofaschistischen Bewegungen zum Kampfvogel entstellt. Dabei gelingt es der Rechten, beim "normalen Volk" den Eindruck von Folklore und Brauchtum zu
vermitteln, trotz der Vorbelastung der Symbole. Dazu gehört auch der Kult um Reichsverweser, den König ohne Krone, Horthy, der in Ungarn zur Zeit immer neue
Blüten treibt, lange nicht nur bei der extremen Rechten. Er wird als Verteidiger Ungarns hingestellt, dem es durch seine Schaukelpolitik sogar gelungen sei, durch
Trianon verlorene Gebiete für Ungarn zurück zu erlangen. Dass er dafür schon 1942 an der Seite der Deutschen ungarische Truppen in die Sowjetunion schickte, was im
Endergebnis zur Wiederherstellung des Trianon-Ergebnisses führte, wird dabei verschwiegen und den Russen in die Schuhe geschoben. Ungarn, immer das Opfer, wie schon gesagt.
Der letzte Teil der traurigerweise topaktuellen Ausstellung im Holocaust Zentrum
Budapest beschäftigt sich denn auch mit dem Wiedererstehen des Horthy- und Trianonkultes im Ungarn der Nachwendezeit. Hier wird auch das politische Versagen
der demokratischen Kräfte zumindest angedeutet, das letztlich zum Gewinn der Deutungshoheit über die Geschichte durch die rechten Gruppen führte und damit
auch zum neuerlichen Missbrauch historischer Symbole des alten Ungarn, deren Protagonisten sich gegen diese Vereinnahmung nicht einmal wehren könnten, wenn sie es wollten.
Bis 28. Februar 2010, Holocaust Memorial Center,
IX. Budapest, Páva utca 39, Tel: +36 1 455 3333 www.hdke.hu Dienstag - Sonntag 10 bis 18 Uhr, Eintritt 800 Forint
Vom Rechtsverlust zum Völkermord
Das Holocaust-Zentrum in Budapest
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