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(c) Pester Lloyd / 05 - 2010  POLITIK  04.02.2010

 

Duell im Internet

MSZP und Fidesz im Schlagabtausch vor Orbáns Rede "zur Lage der Nation"

Für Freitag hat der ungarische Oppositionsführer Viktor Orbán eine seiner Reden zur "Lage der Nation" angekündigt. Eine Kostprobe seiner polemischen Allgemeinplätze gab er heute schon vor deutschen Industriellen. Die Sozialisten reagieren übernervös und hilflos und stellen den Kontrahenten über You Tube zur Rede.Orbáns Team sammelt derweil Stimmen und Stimmungen auf Facebook, wo der als Technologiemuffel Geltende beim Schnee schaufeln gezeigt wird.

Der Jugendversteher Viktor Orbán versucht sich nun auch auf Facebook

Für Freitag hat der ungarische Oppositionsführer Viktor Orbán, Chef der nationalkonservativen Partei Fidesz und wahrscheinlich nächster Ministerpräsident, wieder eine seiner Reden zur "Lage der Nation" angekündigt. Diese, eigentlich dem Präsidenten und Ministerpräsidenten vorbehaltene Titulierung für eine allgemeine Bestandsaufnahme, gehört schon seit Jahren zum Repertoire von Orbán, der, wie seine Anhänger, die Wahlniederlage von 2002 als historischen Unfall betrachtet und spätestens seit der "Lügenrede" des damaligen Premiers Gyurcsány, die Machtlegitimation der Sozialisten regelmäßig in Frage stellt. Der morgige Redebeitrag wird wegen des Wahlkampfes als Auftakt zur heißen Wahlkampfphase betrachtet, daher bekommt sie schon im Vorfeld entsprechende Aufmerksamkeit. Auch der Spitzenkandidat des moderat-konservativen MDF will sich, am Sonntag, "zur Lage der Nation" äußern. Seine Partei versucht, in einer Kooperation mit den noch verzweifelteren Liberalen, das parlamentarische Überleben.

Vor der eigenen Tür zu kehren, kann nie schaden. Viktor Orbán veröffentlicht seinen schlecht gefakten (schauen Sie sich nur mal das Arbeitsgerät an...) Arbeitseinsatz auf Facebook.

Technologiemuffel Orbán beim Schnee schaufeln auf Facebook

Für die Vorbereitung nutzt der Stab des Fidesz-Ministerpräsidenten in spe auch das soziale Netzwerk Facebook, wo für Orbán eine persönliche Seite eingerichtet wurde. Dies wurde auch deshalb so betont, da Orbán bisher als ausgesprochener Technologie-Muffel galt, der angeblich bis 2007 nicht einmal ein eigenes Mobiltelefon besessen haben soll. Auf Facebook sammelt Orbán nun entsprechende "Fans" um sich und "beantwortet Fragen persönlich von seinem Laptop aus, während er im Land unterwegs ist", hieß es aus seinem Umkreis. Er habe für seine Rede bereits "etliche Anregungen aus allen Schichten der Bevölkerung" erhalten, die er auch entsprechend einarbeiten werde. Seine Rede werde unter dem Motto: "Neustart für Ungarn" stehen. Auf Facebook sieht man Orbán dann an seinem Apple-Notebook mit der Bilduntschrift: "Die Rede ist fertig" und erfährt: 103 Personen gefällt das oder "Frissül a Facebook" (Aktualisieren), was 193 andere Nutzer begeistert. Zwischendurch sieht man Orbán beim Schnee fegen vor seiner Haustür, 260 finden das toll.

Nervöser MSZP-Kandidat auf You Tube

Etwas nervös reagieren die Sozialisten auf die bevorstehende Rede von Orbán. Durch ein Video  des MSZP-Spitzenkandiaten und derzeitigen Fraktionschefs Attila Mesterházy auf der Plattform You Tube, geben sie dem Auftritt des Gegners mehr Wichtigkeit und bringen sich selbst in eine defensive Position. Mesterházy fordert Orbán in dem You Tube-Clip auf, in seiner Rede bestimmte Fragen zu beantworten. U.a.: ob er die Ausweitung des Haushaltsdefizits auf über 7% zulassen werde, ob er die öffentlich-rechtlichen Medien zentralisieren und unbotmäßige Privatsender abstrafen will, ob er die Verfassung umschreiben will, ob er die Macht des Präsidenten ausweiten will und ob er die für Herbst anstehenden Kommunalwahlen verschieben will. (Letzteres wird in Betracht gezogen, um radikale und unpopuläre Schritte nicht durch Wahltaktik zu verzögern.) Etwas mehr als 14.000 Mal wurde das Mesterházy-Video bisher angeschaut, Kommentare dafür wurden wohlweislich jedoch "deaktiviert".

Ein flattrig-nervöser MSZP-Spitzenkandidat stellt Orbán via You Tube zur Rede. Er macht dessen “Rede zur Lage der Nation” wichtiger als sie ist.

Weiterhin fragt Mesterházy, ob die Zusammenarbeit des Fidesz mit der rechtsextremen Partei Jobbik fortgeführt werde, wenn Jobbik ins Landesparlament einzieht. Er verlangt außerdem eine eindeutige Position zu Extremisten und Faschisten und eine Stellungnahme zu Jobbik. Überhaupt mahnte der Spitzenkandidat der Sozialisten, denen man ein Wahlergebnis von um die 20% prophezeit, vor allem Eindeutigkeit von Orbán an, tatsächlich die größte Schwachstelle des sonst brillanten Rhetorikers der nationalen Rechten. Der Fidesz hatte jahrelang seine Position vor allem über Schuldzuweisungen gegenüber den Sozialisten definiert, hielt sich aber bei konkreten politischen Ankündigungen oft zurück, auch als Lehre aus der letzten Wahlniederlage. Auch für die MSZP ist der Auftritt über Youtube relatives Neuland. Der hausbackene Webauftritt der Partei und die elektronischen Netzwerkfähigkeiten sind nicht gerade als up to date zu bezeichnen. Auch Methode und Stil der Nationalkonservativen wirken gewollt und krampfig. Beider Aktionen zusammen sind inhaltlich allzu durchschaubar und formal billig, man merkt, dass das Internet nicht ihr Terrain ist. Das haben in Ungarn derzeit die Blogger und Forenschreiber der extremen Rechten im Griff.

Optimistische Plattitüden vor der deutschen Industrie

Eine Kostprobe seiner Ankündigungsrhetorik gab Viktor Orbán heute in Deutschland vor der Interessensvereinigung der deutschen Maschinenbauindustrie, bei der er in Frankfurt eine Rede hielt. Darin hieß es, dass die Ära der hektischen und unvorhersagbaren Regierungsentscheidungen bald zu Ende sein wird, eine Ära der Partnerschaft werde anbrechen. Er sagte vor der Presse: "Ich habe den deutschen Investoren gesagt, dass sie geduldig und vertrauensvoll sein und Ungarn nicht aufgeben sollen. Die geschäftliche und öffentliche Stimmung in Ungarn wird sich maßgeblich ändern." Ungarn braucht große Veränderungen, Steuerkürzungen und das Ende der Korruption, Ungarn hat seine führende Position in der Region in letzter Zeit eingebüßt.

PESTER LLOYD DOSSIER
Wahlen Ungarn 2010
mit Leserumfragen

Die Sozialisten hielten, in Person ihres Sprechers István Nyakó, Orbán vor, dass der Fidesz eigentlich der unvorhersagbare Faktor für ausländische Investoren sei. Sie hätten mehrfach bewiesen, dass ihnen ihr Populismus wichtiger ist als die Schaffung einer investorenfreundlichen Athmosphäre. Damit spielt man vor allem auf zwei Begebenheiten an. Einmal, dass Fidesz-Lokalpolitiker durch eine Volksbefragung eine Hundertmillionen-Investition des indischen Reifenherstellers Apollo verhindert hätten, und zum anderen das Gebahren des Fidesz-Bürgermeisters von Pécs gegenüber dem französischen Wasserversorger Suez, den man durch Hausverbot aus dem Geschäft gedrängt habe. Beim Fidesz, so unterstellen die Sozialisten, herrsche die Wahltaktit vor: je schlechter es dem Land gehe, desto besser für die Partei.

-red

 

 

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