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(c) Pester Lloyd / 06 - 2010 WIRTSCHAFT 10.02.2010
Buhlen um Nabucco
Regierungschef von Ungarn bittet Ägypten um eine Beteiligung an Nabucco
Gordon Bajnai betrachtet Ägypten als "Tor in die arabische Welt". Auf einem Treffen von rund 40 ungarischen und noch mehr ägyptischen
Wirtschaftsvertretern in Kairo, wünschten sich beide Seiten mehr Austausch. Doch im Mittelpunkt der Reise stand vor allem eines: Ägypten von einer
Beteiligung an der europäischen Pipeline zu überzeugen, denn mit wirklich zuverlässigen Lieferanten ist diese noch dünn bestückt.
Empfang auf dem Flughafen von Kairo. Fotos: Amt des Ministerpräsidenten
Die fast flehend klingenden Bitten zum Thema Nabucco-Pipeline an Ägypten,
offenbaren ein massives Lieferantenproblem dieses europäischen Gemeinschaftsporjektes, das gänzlich ohne russische Lieferungen auskommen soll. Er
bat die ägyptische Seite inständig, darüber nachzudenken, ob man nicht die Trans-Arab Pipeline, die in Ägypten beginnt, um rund 200 Kilometer verlängern und
damit mit Nabucco verbinden könnte. Dies würde die Liefer- und Ausfallsicherheit beider Projekte erhöhen. Ungarn warb auch für die Nutzung des geplanten
Flüssiggasterminals auf der kroatischen Ferieninsel Krk, der als alternative Lieferroute zu Pipelines die Energiesicherheit in der Region erhöhen soll. Ägypten ist
der größte Flüssiggashersteller der Region.
"Wir müssen in diesem Jahr Fortschritte machen, um Nabucco definitiv starten zu
können. ... Ungarn spreche da auch im Interesse anderen europäischer Staaten", sagte Bajnai. Diese Äußerung zeigt deutlich, dass vor allem lieferantenseitig noch so
gut wie gar nichts sicher ist beim 8 Milliarden-Eur-Projekt, das ab 2015 Erdgas vom Kaspischen Meer über die Türkei nach Europa bringen soll.
Das Nabucco-Projekt krankt, entgegen vieler blumiger Worte der Beteiligten, vor
allem noch an ausreichend zuverlässigen Einspeisern. Die Länder um das Kaspische Meer: Aserbaidshan, Turkmenistan, Kasachstan werden allesamt von autokratischen
Clanregierungen geführt und stehen - mal mehr mal weniger - in vielfältiger Abhängigkeit zu Russland, so dass von dort keine wirkliche Unabhängigkeit von
Russland ausgeht, vor allem preisliche Risiken stehen zu befürchten.
Weiterhin stehen Länder wie der Irak und Iran auf der Liefersliste für Nabucco. Der
Irak, hier vor allem der relativ autonome kurdische Norden, ist noch unter westlicher Kontrolle, aber das auch nicht für immer. Der Iran wird zwar von westlichen
Regierungen aus politischen Gründen als Partner abgelehnt, die Experten der Gasindustrie, voran MOL, sehen das aber viel pragmatischer und betrachten den Iran
als großen und eigentlich recht stabilen potentiellen Lieferanten. Mit Ägypten käme ein großer Produzent der Region hinzu, der für dortige Verhältnisse politisch stabil
ist. Ungarn ist auch beim russischen South Stream Projekt (Gas aus Russland bei Umgehung der Ukraine) mit im Boot, die Mehrgleisigkeit ist gewollt, um einseitige
Abhängigkeit zu vermeiden. Doch auch Russland hat exzellente Kontakte nach Ägypten...
Ungarns Regierungschef Gordon Bajnai beim ägyptischen Präsidenten Mubarak
Kooperationen in vielen Geschäftsfeldern - Handel noch stark ausbaufähig
Gordon Bajnai betrachtet Ägypten als "Tor in die arabische Welt". Auf einem Treffen
von rund 40 ungarischen und noch mehr ägyptischen Wirtschaftsvertretern bei seinem zweitägigen Besuch in Kairo, betonten beide Seiten, wie wichtig der Ausbau
der Handels- und Investitionsbeziehungen zur Überwindung und Prävention von Krisen sei. Bajnai fügte hinzu, dass auch die Abschaffung "aller Formen von Protektionismus" dazu gehöre.
Im Oktober des Vorjahres besuchte der ägyptische Präsident, Muhammad Husni
Mubarak, Ungarn, der Gegenbesuch Bajnais soll die damals angeschobenen Projekte und Initiativen voranbringen. So haben sich mittlerweile mehrere ungarische
Unternehmen in Ägypten engagiert in Umwelt- und Tourismusprojekten im Nildelat, ebenso wie in der Fischerei. Ungarische Spezialisten sind beteiligt an der
Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts eines Sees, am Schutz alter Tempelanlagen vor Wasserschäden sowie in Eisenbahn und Logistikprojekten.
Gespräche über eine Kooperation bei einer Rinderzuchtanlage laufen. Regierungschef Bajnai konnte den Grundstein für eine gemeinsame Fabrik für medizinisches Gerät
setzen. Gleichzeitig mit dem Manager-Treffen eröffnete der Landwirtschaftsminister eine Schau von ungarischen Lebensmitteln. Ungarische Unternehmen orten gute
Kooperationsmöglichkeiten auch auf dem Gebiet der Rüstung, konkret bei der Modernisierung alter sowjetischer Radaranlagen und anderer Kommunikationsausrüstung.
Zwischen 2004 und 2008 hat sich das Handelsvolumen zwar um 550% erhöht, steht
aber immer noch auf einem verhältnismäßig geringen Niveau von ca. 220 Mio EUR, wovon das weitaus meiste, ca. 90 aus ungarischen Exporten besteht. Nach Südafrika
ist Ägypten damit der zweitwichtigste Handelspartner in Afrika. Im gleichen Zeitraum gingen die Importe der Ungarn aus Ägypten jedoch um 42% zurück, bei Lebensmitteln sogar um 63%.
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