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(c) Pester Lloyd / 06 - 2010  KULTUR 09.02.2010

 

Liebeserklärung an die Phantasie

Das wichtigste Filmfestival in Ungarn kürte seine Sieger

Gestern ist die 41. Ungarische Filmwoche zu Ende gegangen. Der Renner war eindeutig Hajdu Szabolcs „Bibliotheque Pascal“, der die heißbegehrte „Goldene Filmrolle“ für den besten Film einheimsen konnte und weitere Auszeichnungen erhielt. Über die gewählten und die persönlichen Highlights der ungarischen Filmwoche, der wichtigsten Leistungsschau der ungarischen Filmszene und -industrie.

Szenenfoto aus: „Bibliotheque Pascal“, der den Hauptpreis, die Goldene Filmrolle erhielt
Foto: Magyar Filmunió

6 Tage, 231 Produktionen, von denen 95 in 5 Kategorien im Wettbewerb um die heißbegehrten Preise standen,  zahllose Fernseh- und Radioteams in den Foyers des MOM-Park-Kinos und des Uránia Filmtheaters und eine Masse von Zuschauern, die sich durch die vollgestopften Flure und Treppen in die Kinosäle drängte: das war die 41. Ungarische Filmwoche vom 2. bis zum 8. Februar. Eröffnet mit dem Film „Oda Az Igazság“ (englischer Titel: So Much For Justice) des legendären Regisseurs Miklós Jancsó, begann die Filmwoche mit einem Historienepos über den ungarischen Renaissance-König Matthias Corvinus. Die historische Vorlage blieb allerdings nicht unverfremdet (so schützen sich Ritter mit Regenschirmen) und wurde unter anderem deshalb zu „einem der herausragendsten Eröffnungsfilme in der Geschichte der Filmwoche“ (Emil Novák, Vorstandsvorsitzender der 41. Ungarischen Filmwoche). Wie die Werke vieler anderer verdienter Regisseure und Regisseurinnen lief dieser Film „außer Konkurrenz“ im Programm der Filmwoche.

Die Kategorien

Um den Preis des besten Kurzfilmes konkurrierten 33 Filme, gewonnen hat ihn Bálint Szimler (geb. 1987), mit „Itt Vagyok“ (engl.: Here I Am), begleitet 35 Minuten lang einen jungen Mann, der nicht mehr schlafen kann und deshalb durch die Nacht streunt, Freunden und Unbekannten begegnet und dabei stets auf der Suche ist, ohne zu wissen wonach.

Als beste TV-Produktion kürte die Jury die Serie „Átok“ (engl: Curse) von Regisseur Áron Mátyássy. Es geht darin um die Hinterlassenschaft eines plötzlich verstorbenen Familienvaters: Während seine sterblichen Überreste seinem Willen gemäß über dem Balaton verstreut werden, tauchen plötzlich unbekannte Ereignisse aus seinem Leben auf. Die Familie ist so gezwungen, immer mehr Geheimnisse aufzudecken und die Beziehungen untereinander in ein gänzlich neues Licht zu rücken.

Unter den 7 Wissenschafts- oder Bildungsdokus setzte sich „Bence + A Többi Jómadár“ (engl: The Invisible Bird Photographer) von den Regisseuren Marcell Zsolt Tóth und Dávid Attila Molnár durch. Die beiden Regisseure begleiteten den exzentrischen Bence Máté, der als der Welt bester Vogelphotograph gilt, bei seiner Arbeit in verschiedenen Beobachtungsposten.

Nicht einigen konnte sich die Jury auf einen besten Dokumentarfilm – so kürten sie gleich zwei. „Bádogváros“ (Tincity) von László Csáki und „Puskás Hungary“ von Tamás Almási machten das Rennen gegen 28 weitere Konkurrenten. Ersterer porträtiert das Leben auf den Hügeln von Avas, Miskolc, die aufgrund der eigentümlichen Bauweise der Wohnhäuser „Blechstadt“ genannt wird – anhand der Geschichte der Bewohner macht sich Csáki auf den Weg, die Atmosphäre dieser Blechstadt einzufangen. Und „Puskás Hungary“? Nun ja, ein Film über den größten ungarischen Fußballhelden aller Zeiten, der mit Lebensfreude und Ungarn im Herzen die internationale Fußballbühne eroberte.

Hajdu Szabolcs, Regisseur von Bibliotheque Pascal, Foto: Péter Böszörményi

Auf der Suche nach Vergangenheit

Ein persönliches Highlight, das leider leer ausgegangen ist, war die Doku „Megtagadva“ (englischer Titel: denied). In dieser einfühlsamen Doku begleitet Regisseurin Antónia Mészáros den jetzt in Budapest lebenden Arpád Bogdán, der seine Kindheit in einem staatlichen Waisenhaus verbracht hat, auf der Suche nach seinen leiblichen Eltern. Bogdán hat 2007 selbst einen Spielfilm („Boldog új élet“ / „Happy New Life“) über die unfassbaren Zustände in den Waisenhäusern der siebziger gedreht und sich nun entschieden, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Die Zuschauer sehen einen tief verwundeten, durch die Institution geschliffenen und entwurzelten Mann, der sich mit beachtlichem Mut und dem nötigen Zorn auf eine Reise mit offenem Ende begibt, unterwegs seine Lehrer mit ihren Handlungen konfrontiert und nach und nach in Erfahrung bringt, wer seine Familie ist und warum er damals in das Waisenhaus gesperrt wurde. Nicht zuletzt geht es ihm auch darum, zu erfahren, was es bedeutet, ein Roma zu sein, denn außer, dass es eine Schande war und „dreckiger Zigeuner“ das schlimmste Schimpfwort war, das die überwiegend romastämmigen Kinder in dem Heim sich gegenseitig an den Kopf warfen, hatte keines der Kinder etwas darüber gelernt. Einzig der Geruch, der manchen Kindern nach einem zu Hause verbrachten Wochenende anhaftete, „der Geruch von offenem Feuer, der Duft von Freiheit“, weckte in Bogdán die Idee, dass es mehr sein könnte, als die Lehrer zu erzählen gewillt waren.

Das Rennen der Kinofilme

Das Hauptaugenmerk der Filmwoche lag aber natürlich auf dem Wettrennen der 16 Kinofilme um den Preis der „goldenen Filmrolle“ für den besten Film. Diese heimste mit Recht, ebenso wie den Preis der Studierendenjury und den Gene-Moskowitz-Preis der ausländischen Kritiker, Hajdu Szabolcs' „Bibliotheque Pascal“ ein – und das trotz einer Panne, aufgrund der die erste Vorführung um über eine halbe Stunde verschoben werden musste, während die internationalen Gäste ungeduldig auf ihren Sesseln hin- und herrutschten. Der Grund: Die Produktionsfirma hatte vergessen, die Filmrolle zu liefern.

Die Handlung des Films, der auch an der diesjährigen Berlinale in der Kategorie Forum zu sehen sein wird, ist schnell erzählt. Nach einem langen Aufenthalt in England kommt Mona Paparu zurück nach Rumänien, um festzustellen, dass ihre Tochter in ein Kinderheim eingewiesen wurde. Um sie wieder zurückzubekommen, muss sie der Kinderschutzbehörde umfassend Rechenschaft ablegen über die vergangenen Jahre. Statt eines sachlichen Berichts bekommt der Sachbearbeiter (und mit ihm der Zuschauer) aber eine Geschichte von Liebe und Verrat, von Ver- und Entführung, von Gewalt und Perversion zu hören, die immer wieder die Grenzen des Plausiblen überschreitet und in detailreichen, atemberaubenden, oft auch bedrängenden und verstörenden Bildern erzählt wird. Der Film von Hajdu Szabolcs ist ein Märchen inmitten der Moderne, eine nicht verklärende Liebeserklärung an die Phantasie, die auch den Zuschauer in den Bann zieht und am Ende die Frage stellt, ob nicht die Version von Mona Paparu, die für die Übermacht der Ereignisse eine ganz eigene Sprache findet, mehr Wahrheit besitzt als der realitätstreue Bericht, den der Sachbearbeiter einfordert.

Der Preis für die beste Kamera ging, ebenso für Bibliotheque Pascal, an András Nagy. Zur besten weiblichen Hauptrolle wählte die Jury Vica Éva Kerekes in „Ki/Be Tawaret“ (Out/ In Tawaret), zur besten männlichen Ferenc Elek in „Köntörfalak“ (Question in Details). Als beste Regisseure wurden Dyga Zsombor, auch für Köntörfalak, und Róbert Pejó für „Látogatás / Der Kameramörder“ ausgezeichnet. Ebenfalls an Köntörfalak ging der Publikumspreis.

Genremix und Handlungswirrwarr

Dass die aufwendige Produktion um das so entscheidende historische Ereignis 1956, „Kolorádó  Kid“ von András B. Vágvölgyi (Foto: Magyar Filmunió), den Preis für den besten Genrefilm erhalten hat, überrascht gleich doppelt. Denn der gewollte Stil- und Genremix aus Film-noir, Spionagethriller, Western und Gerichtsfilm kann sich gar nicht erst für ein Genre entscheiden. Und so wird aus der verwirrenden Geschichte des jungen Tunichtguts Béla Kreuzer, der recht unvermittelt in den Sog der revolutionären Ereignisse gerissen und drei Jahre später von der vor keinem Mittel zurückschreckenden Justiz verfolgt wird, ein Film, der alles will und alles ist: nur kein guter Film. Was schade ist, denn er ist ambitioniert und behandelt ein Ereignis, das ein besseres Ergebnis verdient hätte.

Psychoduell vor überschaubarer Kulisse

Den Preis für das beste Debüt bekam Réka Almási für ihren Film „Team Building“. Unaufdringlich und mit einfachen Mitteln erzählt, überzeugt dieser wieder rundum. Es ist die Geschichte eines Team-building Wochenendes, bei dem die Belegschaft zu zukünftigen „Managern“ trainiert werden soll und dazu die entsprechenden „sozialen Kompetenzen“ vermittelt bekommt. Das durch einen britischen Firmenchef, der auf die manchmal sensible Gemütslage seiner ungarischen Untertanen eher wenig einfühlsam reagiert. Nur einer der Angestellten lässt sich nicht alles gefallen und beginnt eine Rebellion gegen die Indoktrination. So entbrennt ein intelligentes und realistisches Psychoduell zwischen dem Chef und dem Rebell, das stellenweise zu einer schönen Parodie des Selfmanagement-Wahns ausschlägt. Doch welche Rolle hat der Kameramann Péter, der das ganze Wochenende filmen soll? In vielen Gesprächen unterhält er sich mit dem Chef, doch gleichzeitig ist er ein Jugendfreund des Rebells, den er allerdings seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat...

So ging gestern die 41. ungarische Filmwoche und mit ihr das große Spektakel der Filmindustrie zu Ende, das hoffen lässt, dass die existierenden Perlen des ungarischen Films ihren Weg über die ungarischen Grenzen und auch nach Westeuropa finden werden.

Frederic Heine

 

 

 

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