|
(c) Pester Lloyd / 06 - 2010 BUDAPEST
12.02.2010
Mittagsruhe in einem Taubenschlag
Papa Fritzens Garküche in Budapest als männliche Interpretation eines Schnellrestaurants
Der Magen schreit nach einer Mahlzeit. Ich will
etwas warmes, etwas schnelles, etwas liebevoll gemachtes, etwas dennoch günstiges und ein breites Angebot mit vegetarischen Extras. Und ich will es jetzt. Ich laufe durch den sechsten
Bezirk und erhoffe Rettung hinter einem Schild - „Frici Papa Kifözdéje“ oder in der deutschen Übersetzung „Papa Fritzens Garküche“.
Ein älterer Herr mit Schnurrbart lächelt herab. Die
Kochmütze auf dem Kopf und ein rot-weiß kariertes Tuch um den Hals versprechen viel. Traditionelle Kochkunst mit ungarischer Schärfe und einer gewissen Bodenständigkeit. Mit frohem
Mut und Loch im Bauch betrete ich die Lokalität, vorbei an dicken durchsichtigen Gummistreifen, die kalte Luft abwehren sollen und hinein in einen gut beheizten, weil voll besetzten Raum. Erwartet habe
ich rustikale Eichenmöbel und erstaune um so mehr geblümte Wachstuchtischdecken mit Schnellkantinencharakter und minimale Dekoration vorzufinden.
Um meine Anpassungsfähigkeit zu beweisen, suche ich, passend zum Ambiente, die
Tabletts und die mit weiß gesteiften Schürzen bekleideten Kantinenfrauen mit dicken Bäuchen. Stattdessen werde ich mit ausgesprochener Freundlichkeit gefragt,
was ich essen wolle und wie man mir helfen könne. Man führt mich an den Tisch, es gibt getrennte Raucher- und Nichtraucherbereiche, auch keine
Selbstverständlichkeit. Die Bedienung spricht gut Englisch und reicht mir sofort eine englische Übersetzung der Menükarte.
Das Angebot ist, gemessen an Kantinenmaßstäben, groß und umfangreich.
Verschiedene Suppen (260 bis 400 Ft, also ab 90 Cent (!) bis 1,60 EUR), Vorspeisen (300 bis 450), Hauptgerichte (420 bis 799) und süße Desserts (200 bis 400). Den
bestellten Tee für 200 Ft bekomme ich im Bierglas serviert! Die überzeugende Größe bezwingt das stuzende ästhetische Empfinden. Ich entscheide mich für Gnocchi mit
Pörkolt (Gulasch) und als Nachspeise Mohnnudelnmit Puderzucker und Vanillesauce. Das Essen kommt schnell und warm und ein wenig ungesalzen, aber auf jedem Tisch
stehen Salz, Pfeffer und Chili zum nachwürzen bereit.
Während ich meine Nudeln genieße, betrachte ich das Treiben im Frici
Papas. Es scheint Kantine mit Bedienung, Lokal mit Wachsdecken, Restaurant mit Steinfliesen zu sein. Studenten sitzen neben Männern in Anzügen, Musikstudenten stapeln ihre Instrumente in eine Ecke, laute
Stimmen einer Damenrunde durchdringen die Luft und immer wieder Bewegung im Eingangsbereich, denn das Frici Papa bietet seine Speisen auch zum Mitnehmen an. Ein Take Away Lunch, der
gutes Bauchgefühl verspricht. Trubel, Jubel, Lautstärke, Menschen und ein Stimmengewirr, doch kein Stress seitens der Bedienung: Mittagsruhe inmitten eines
Taubenschlags. Mittagsruhe zwischen Bildern der alten Király utca und im Flair des bunt Kitschigen und original Ungarischen.
Katherin Wagenknecht
„Frici Papa Kifözdéje“ Király utca 55, 1077 Bp.
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 11-21 Uhr
KOMMENTAR IM GÄSTEBUCH ABGEBEN
|