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(c) Pester Lloyd / 07 - 2010 GESELLSCHAFT 18.02.2010
Treffpunkt der Idealisten
Warum demonstrieren in Ungarn so wenig Menschen gegen Rechts?
"Im Kalten Krieg der ungarischen Politik fehlt der Konsens der Demokraten", sagt Andrea Alföldi, Hauptorganisatorin der antifaschistischen Demonstration
vom letzten Samstag im Gespräch mit dem Pester Lloyd. Auch gibt es offenbar echte Angst, politisch klar Stellung zu beziehen. Doch ob die Duckmäuserei aus
der Kádárzeit als Erklärung dafür genügt? Ein Blick hinter die Kulissen einer Demo und in die zerklüftete Welt engagierter Kleinstgruppen.
Antifaschismus in Ungarn ein Randgruppenphänomen?
Auf der Demo am vergangenen Samstag in Budapest Fotos: Frederic Heine (c) Pester Lloyd
Die Demonstration gegen den (glücklicherweise ausgefallenen) „Tag der Ehre“ war
eine Enttäuschung. Eigentlich sollte die Demonstration am Samstag ein großes Ereignis werden. Doch selbst dafür waren die Erwartungen schon relativ gering: mit
bis zu 1.000 Menschen rechnete Andrea Alföldi, die Hauptorganisatorin der Demonstration noch am Freitag, als sie mit dem Pester Lloyd sprach. Statt dessen
wurden es gerade etwa 300. Es war ein buntes Programm bis 21 Uhr geplant, doch die Sache wurde bereits zwei Stunden vorher abgeblasen – nachdem die zweite Band
des Abends keinen Sinn mehr darin sah, vor den verbliebenen 30, 40 TeilnehmerInnen aufzutreten. Vielleicht war es zu kalt?
Vielleicht betrachteten viele die Demonstration aber auch als überflüssig, nachdem
die Rechtsradikalen ihren Aufmarsch zum „Tag der Ehre“ aus Gründen der Überschneidung mit Europas größter, aber erfolgreich verhinderter
Neonazi-Demonstration in Dresden verschoben hatten. Doch das zivile Engagement gegen Rechts war nicht nur an diesem Wochenende in Ungarn erschreckend
schwach. „Ich hatte eigentlich eine lange Rede vorbereitet“, sagte Péter Németh, Chefredakteur der Zeitung Népszava. Er hielt sie nicht und sprach stattdessen über
die Probleme der Mobilisierung gegen Rechts: „Zu wenige Menschen stehen auf gegen Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Sexismus, Faschismus!“.
In den Wind gesprochen: Rednerin vor wenigen Zuhörern
40, 50 Jahre hinter Westeuropa zurück
„Die sozialen Bewegungen in Ungarn hinken denen aus Westeuropa derzeit 40, 50
Jahre hinterher“, sagt Andrea Alföldi am Freitag, einen Tag vor der Demonstration, als hätte sie es geahnt. Mit Bedacht wählt sie ihre Worte und formuliert in kurzen,
präzisen Sätzen. Idealistin sei sie. Und sie bleibt trotz allem optimistisch: „Das sind Kinderkrankheiten des noch jungen demokratischen Engagements“. Zu diesen
Kinderkrankheiten zählte nicht nur die geringe Teilnehmerzahl, sondern auch Schwierigkeiten, Rednerinnen und Redner zu organisieren. 30, 40 Prominente hätte
Alföldi anschreiben müssen, bevor die ersten zusagten. „Offenbar gibt es eine große Angst, politisch klar Stellung zu beziehen. Sie befürchten, dass ihnen das nach den Wahlen teuer zu stehen kommen wird.“
Woher diese zum Teil irrational scheinende Angst kommt – die auch mit ein Grund
für die geringe Teilnehmerzahl sein dürfte – liegt für sie auf der Hand: die Angst vor der Bestrafung „dissidenten“ Verhaltens durch den ehemals totalitären Staat steckt
den meisten noch in den Knochen. Angesichts des derzeit in Ungarn herrschenden „Kalten Krieges der Politik“ - wie es Alföldi einmal formuliert – ist der Unwille, sich
plötzlich auf Seite der „Feinde Ungarns“ wiederzufinden und tagtäglich zumindest rhethorisch an den Pranger gestellt zu werden, gar nicht so unverständlich.
Buntes Netzwerk von Feministen und Sozialisten
„Kein Dialog mit Faschisten“ - das war das Motto der Kundgebung, zu der 54
Organisationen aufgerufen haben, so kamen von jeder im Durchschnitt also 5 Personen. Auch die Spitze der MSZP, der Noch-Regierungspartei war dabei, vielleicht, so absurd das klingt, auch ein Grund, warum
viele andere nicht kamen. In erster Linie sollte die Demonstration eine Gegenveranstaltung zum ausgebliebenen rechten Aufmarsch darstellen und dazu aufrufen, die Verherrlichung von NS- und
Pfeilkreuzlerzeit sowie derer williger Vollstrecker mit allen Mitteln zu bekämpfen. Die Veranstalter wollten ein Signal setzen und sich eindeutig auf die Seite derer stellen, die
Opfer der faschistischen Gewalt geworden sind. Und es ging darum, „die Leute vor den Wahlen noch einmal daran zu erinnern, dass Jobbik gegen „Zigeuner“ hetzt und eine rassistische Partei ist“.
“Wovor hast Du Angst, kleiner Husar?” - Plakat einer links-feministischen
Gruppe in Anspielung auf die rechtsextreme “Ungarische Garde”
Die Mischung der engagierten Gruppen ist bunt: die „ungarische antifaschistische
Liga“, die „Bewegung Bürger gegen die Radikale Rechte“, das „Netzwerk linker Feministinnen“ und die „Bewegung Neuer Sozialisten“ sind darunter. Den beiden
letzten gehört auch Andrea Alföldi an. Das Netzwerk linker Feministinnen wurde 2008 hauptsächlich von AkademikerInnen gegründet. Von Feminismus spricht Alföldi
an diesem Tag allerdings nicht, sondern betont, dass schon die Gründung des Netzwerkes im (Gegen-)Zeichen der Erstarkung der rechten Bewegung gestanden
hat. „Feministische Bewegungen sind immer ein Motor demokratischer Entwicklungen, und deshalb tragen sie zum Kampf gegen Rechts bei“; eine
Behauptung, die Alföldi durch einen langen Exkurs zur ungarischen Frauenbewegung fundiert.
Parteien in Ungarn sind im Kalten Krieg
Diesen Kampf will das Netzwerk nicht mehr nur publizistisch, sondern auch auf der
Straße führen. Die „Bewegung Neuer Sozialisten“ ist gerade mal zwei Wochen alt; die Demonstration ist ihr erster Auftritt. Sie setzt sich vor allem aus jungen, linken
AktivistInnen aus diversen Spektren zusammen. Ihre selbstgestellte Aufgabe ist es, eine „radikal sozialdemokratische“ Alternative zu den rechten Antworten auf die
gegenwärtigen Probleme der ungarischen Gesellschaft anzubieten; ihre Gründung steht in direktem Zusammenhang mit dem erwarteten Rechtsrutsch nach den
nächsten Wahlen. Unabhängig von wirtschaftlichen und parteipolitischen Interessen kann die Bewegung, so hofft Alföldi, die im Parlament gekippte Balance vielleicht ein wenig auf der Straße auffangen.
Denn der eigentliche Grund für den derzeitigen Rechtsradikalismus sei – abgesehen
von der Tatsache, dass es in Ungarn den in anderen europäischen Ländern teilweise vorhandenen Konsens demokratischer Akteure zur Ausgrenzung faschistischer
Parteien und Agitatoren nicht gibt – die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die aus den wirtschaftlichen Problemen resultiere. An diesen Problemen kann keine der
Parteien im Kalten Krieg der Politik derzeit erfolgreich etwas ändern. Das aber eröffnet, so hofft die Idealistin Alföldi, „die Möglichkeit für einen Wandel“, der
durch „Eine Revolution der Moral“ vollzogen werden könnte. „Vielleicht erreichen die Menschen jetzt einen Punkt, andem sie realisieren, dass auf die Parteien zu warten
keinen Sinn macht, und sie selber aktiv werden müssen“. Gegenwärtig vor allem gegen Rechts. Doch ob das ohne demokratischen Konsens und mit einer ängstlichen Bevölkerung zu machen ist?
Frederic Heine
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