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(c) Pester Lloyd / 07 - 2010 WIRTSCHAFT 19.02.2010
Guter Schnitt
Im Elend Griechenlands glänzt sogar Ungarn, zumindest für Banker
Es ist auch nicht schlimmer als anderswo, so liest sich die Einschätzung der Volkswirtschaftler der Erste Group in Wien bezüglich des Defizits und der
Refinanzierungskosten für Staatsschulden im CEE-Raum. Im Vergleich zu Griechenland, Italien oder Spanien stehe man in Mittelosteuropa sogar fast
glänzend da, sagen die Banker. Wie kritisch aber wird eine Analyse sein, die von einer Bank stammt, die selbst einer der größten Aktienhhändler und
Kreditgeber der Region ist und auch an Staatsanleihen kräftig verdient?
Können sich die CEE-Länder ihre Staatsverschuldung leisten? - Mit
dieser hanebüchenen Frage überfällt uns die jüngste Lageanalyse der "Researcher" der Erste Group. Die Antwort fällt nicht nur erwartungsgemäß tiefgestapelt aus, sondern
beeindruckt durch ihre Chuzpe: "In den CEE-Ländern liegt die Staatsverschuldung sowohl nominell als auch relativ (auf das
BIP bezogen) deutlich unter jener der Länder des Euroraums. Die Staatsverschuldung Ungarns, der Tschechischen Republik, der Slowakei, Rumäniens und Kroatiens
beträgt zusammen etwa EUR 200 Mrd und damit weniger als die Staatsschuld Griechenlands (EUR 300 Mrd). Selbst bei Berücksichtigung Polens liegt die
Verschuldung der gesamten CEE6-Region noch unter EUR 400 Mrd und damit unter jener Spaniens (die auf EUR 700 Mrd geschätzt wird). Sie beträgt nicht einmal ein
Viertel der Staatsschuld Italiens (die auf EUR 1.800 Mrd geschätzt wird)", so Juraj Kotian, auf dessen Visitenkarte kryptisch-versponnen prankgt: Co-Head Macro/Fixed Income CEE.
Verstecktes und privates Defizit wird einfach verschwiegen
Wie beruhigend muss es für die Ungarn sein, zu wissen, dass es anderen Ländern
vermeintlich noch dreckiger geht als ihnen selbst. Freilich hat der Co-Head einiges vergessen zu erwähnen, u.a. das in überschuldeten und darniederliegenden
Staatsbetrieben versteckte Budgedefizit. In Ungarn macht das mutmaßlich 3-4 weitere Prozent des BIP aus, allein MÁV (Staatsbahn) und BKV (Budapester
Verkehrsbetriebe) sind für rund die Hälfte davon verantwortlich. Es taucht laut Maastricht-Kriterien zwar nicht auf, ist aber da und wird jedes Jahr größer.
Kein Wort auch über die Fremdwährungskredite, an denen auch die Erste einen
enormen Anteil hat. Bis zur Krise konnte man in Ungarn jeden Fön und jede Mikrowelle auf Kredit kaufen, zumal Autos, Wohnungen, Reisen, Häuser. Der Forint
stürzte ab, die Kreditraten stürzten herauf, die Kreditnehmer stürzten ins Elend, 755.000 kommen allein in Ungarn mit ihren Ratenzahlungen nicht hinterher, 2009
wurden geschätzt 70.000 Personen zwangsgeräumt oder wie es wienerlich heißt: delogiert. Das Währungsrisiko, dass Griechenland oder Spanien eben so nicht haben,
schwebt weiter als Damoklesschwert über dem Land, ein Privatdefizit der Bürger in Wartestellung sozusagen, auch wenn im Moment die Euroschwäche etwas hilft.
Vorhersagen über die nächsten Monate kann die Bank nicht machen, konnte sie auch nicht 2008!
Extralob für Ungarns Haushaltskonsolidierung
Lesen wir weiter: "Alle CEE-Länder (außer Ungarn) konnten ihre Staatsverschuldung
unter 60% des BIP halten. Die ungarische Staatsschuld wird für 2009 auf etwa 80% des BIP geschätzt, was genau dem Durchschnitt des Euroraums entspricht.
Angesichts des Umstands, dass die Defizite der CEE-Länder unter dem Durchschnitt des Euroraums liegen und dass einige Länder bereits früher mit den
Konsolidierungsbemühungen begonnen haben (Mitte 2009 und Anfang 2010), wird die Konsolidierung dort leichter zu erreichen sein und weniger schmerzhaft als im
Euroraum ausfallen," meint wiederum Co-Head Kotian.
Was in den CEE-Ländern wirklich abgeht, um "im Durchschnitt" des Euroraumes zu
bleiben, wird zumindest angedeutet: "Zur Steigerung des Steueraufkommens erhöhten viele von ihnen (Ungarn, Kroatien, Tschechische Republik) die
Mehrwertsteuersätze. Rumänien könnte eine Anhebung der Mehrwertsteuer vermeiden, führte jedoch andere Maßnahmen ein, um die IWF-Auflagen dieses Jahr
zu erfüllen (Kürzung der Personalkosten in öffentlichen Sektor, Reduzierung von Ermessensausgaben und diverse strukturelle Änderungen, wie eine Überarbeitung des
Pensionsrechts). Ungarn nimmt bei der Budgetkonsolidierung eine Vorreiterrolle ein. Das Land konnte sein Haushaltsdefizit trotz des schwachen Wirtschaftswachstums
und der Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise innerhalb von drei Jahren von 9,4% auf weniger als 4% des BIP senken."
Die Erste gibt weiterhin Prognosen dafür, wann die Konsolidierungen der Defizite
erreicht werden könnten: "Polen und Rumänien sollten ihre übermäßigen Defizite bis 2012, die Tschechische Republik und die Slowakei die ihrigen bis 2013 korrigieren.
Ausgehend vom Niveau des Jahres 2009 werden Polen und Rumänienihre Defizite pro Jahr um fast 2 Prozentpunkte reduzieren müssen, um das für 2012 gesteckte Ziel zu erreichen.
Alles auf Anfang: Fait vous jeux!
Was nutzt es Ungarn da also, im BIP-Defizit besser dazustehen als Griechenland? -
Gar nichts, außer dem Hinweis, dass Ungarn seinen Schuldendienst problemlos am freien Markt erledigen kann, was wiederum bedeutet, dass Anlegern und Banken
glänzende Geschäfte mit den Staatsschulden bevorstehen. Wir sehen also, wohin die Reise geht: die Erste will mit dem Analyse-Prospekt ihrer Volkswirtschaftsabteilung
gute Stimmung für den Kauf von Anleihen und Aktien im CEE-Raum machen, die Gelegenheit scheint günstig, wo doch aus anderen Regionen gerade so schlechte
Nachrichten kommen, dass man ein paar verschreckte Fonds und Anleger gern in die eigenen Gefilde einlädt, schließlich sind die Broker der Erste Bank an der Budapester
Börse die umsatzstärksten Händler, die dort einen guten Schnitt machten, unabhängig davon wie Ungarn dabei abschneidet. Ziel aller Bestrebungen, und da
mögen uns die Erste-Banker verzeihen, dass wir sie hier als unus inter pares heranziehen, ist die Herstellung des Status quo von vor der Krise, damit die Spiele von vorne beginnen mögen.
-red
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