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(c) Pester Lloyd / 08 - 2010  BUDAPEST 22.02.2010

 

Kaffeehausersatz

Die schwierige Suche nach dem Kaffeehaus in Budapest - um sachdienliche Hinweise wird gebeten

Mit den Türken ging im 16. Jahrhundert zwar das unabhängige Ungarn, aber es kam der Mokka. Die braunen Bohnen und ihre Zubereitung sowie der stilgerechte Ausschank haben in Budapest eine lange Tradition. Es gab eine Zeit, in der man sagte, die Budapester Kaffeehäuser seien prächtiger als die Wiener, die Damen ohnehin eleganter und der Kaffee schwärzer. Doch diese Zeit ist wirklich vorbei, obwohl auch Wien nachgelassen hat...

Vom Kaffeehaussterben, das vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zum Ende der Kádárzeit eine Zeitspanne von 75 Jahre umfasste, hat sich Budapest bis heute nicht erholt. Mag das Gerbeaud oder erst recht das New York auch in der bombastischen Pracht alt-neuen Glanzes erstrahlen, das Central gut gefüllt sein und das Müvész sich immer noch auf der Andrássy neben Gucci und Tussi behaupten: flegelhaftes Personal ohne Ahnung, Zeit, Schmäh und Witz, ein aufs Merkantile der Touristenausbeute konzentriertes Management, exkl. 15% Serviceaufschlag und "ohne Tipp", zumindest aber ein ungemütlicher zeitgeistiger Sauseschritt ersticken jede Kaffeehausathmosphäre im Keim, ja eigentlich ist eine solche gar nicht erwünscht, weil das kulturell verrohte neureiche Besitzerlein im Hintergrund gar nicht weiß, was das ist.

Gegenüber der Oper an der Andrássy út, heute ein seit Jahren verwaister Ort,
der einer “Zukunft” als Luxushotel ausgesetzt sein wird...

Im besten Falle gehen andere Konzepte schon wieder als OFF-Szene durch oder behaupten den zweifelhaften Charme einer kamillenteegeschwängerten Studentencafeteria. So wie das Eckermann, dass früher an der Ecke der Andrássy ein wirklicher Ort war. Dann kam die unvermeidliche Luxusboutique auf seinen Platz, jetzt fristet es im Dickicht der Nebenstraßen ein Gnadenbrot. Oder denken wir an die ganzen Mirós, Vians, Ruszwurms dieser Stadt, die man nicht einmal schlecht finden muss, um ihre Seelenlosigkeit zu fühlen. Die genauere Rezension dieser Häuser böte dankbares Material für Zivilisationskritik und Endzeitszenarien, wie dies  - das muss man ehrlicherweise hinzufügen - auch schon während der Hochzeit der Kaffeehäuser der Fall war, als die Kaffeehausliteraten seligen Angedenkens diesen Job noch selbst erledigten.

Seelenlose Pracht: das zu Tode renovierte “New York” in Budapest. Legendär: eine Prozession angeführt von den namhaftesten Literaten der Stadt, die den Schlüssel des Kaffeehauses feierlich in der Donau versenkten, damit es rund um die Uhr geöffnet sein möge. Heute möchte man Taucher nach dem Schlüssel suchen lassen oder ganz anderes “Inventar” in die Fluten schicken...

Verendet im Messing-Chic der Vorstadtkonditoreien

Es fehlt eben auch das Publikum. Kaffeehausmenschen sind von besonderem Schlag gewesen, zeitlose Müßiggänger, die gezielt nichts spezielles taten und ihre endlose Zeit dennoch nicht vergeudeten, allein schon, weil sie durch ihre Anwesenheit selbst Ambiente wurden. Diese Spezies ist auf dem Rückzug, wir sind nicht mehr so. Die Künstler und Literaten landeten in Spelunken oder, wenn sie es schafften, in Lounges. Die Jugend fiel auf die Coffeeshops rein, Familienväter, die sonst behütet und beschnäuzt in den Kaffeehäusern thronten, verenden im Messing-Chic der Vorstadtkonditoreien, die Intellektuellen flohen nach Berlin. Der Rest schauspielert nur noch den Kaffeehausbesucher, ist es aber nicht mehr. Früher lebte man im Kaffeehaus, heute datet man unter W-Lan mit einem Latte to go.

Eigenartigerweise hat in Wien das Kaffeehaus in einigen beachtenswerten Nischen überlebt, personalseitig wenigstens; grantelnderweise schiebt der Kellner seinen Bauch an den Tisch, wie es schon Hans Moser in "Ober, zahlen!" getan hat. Hier spielt man wenigstens, dass man Zeit und Lust zum alten Ritual hat. Nur der Kaffee, Du meine Güte, es gibt wirklich Wiener, die einen “Großen Braunen” als schwarzen Aufguss mit portionierten Kaffeesahnedöschen servieren ohne rot zu werden. Doch dankbar für die Starrköpfigkeit der Wiener, die dem, der sehen und hören kann, in so manch einem Kaffeehaus einen echten Blick ins Gestern ermöglicht, erträgt man solche Sakrilege ebenso wie die hohen Preise.

Nicht den ganzen Kosmos in einer Nußschale suchen

Auf der Suche nach Kaffeehausathmosphäre in Budapest wird man dennoch fündig, auch wenn man vielleicht nicht allen klassischen Vorzügen an einem Ort begegnen kann. Man muss sich sein Kaffeehaus sozusagen in Einzelteilen zusammensuchen und darf nicht den ganzen Kosmos in jeder Nußschale erwarten: guten Kaffee, internationale Zeitungen, preiswerten, selbstgemachten Mittagstisch, Ambiente mit Grandezza und gleichzeitig einem Hauch bohèmesker Nachlässigkeit, wenigstens nette Bedienung, etwas Herzlichkeit und das Gefühl, den Platz nicht bald für den nächsten räumen zu sollen; dies alles auf einem Fleck, scheint im 21. Jh. einfach zu viel verlangt, zumal in einer Stadt, in der neu eröffnete Lokale schneller wieder schließen als Sie "Jó étvágyát" sagen können.

Liebenswerter Ersatz im Prag

Etwas Gelassenheit und kreative Langeweile mit einem Buch in der Hand sollte zumindest möglich sein. Man kann es auf dem Liszt Ferenc tér versuchen, wird aber scheitern. Wir versuchten es mal im Kaffeehaus Prag in der Baross utca, Nähe Kalvin Platz. Dort fanden wir immerhin den Willen. Mit angenehm gedämpftem Licht, welches immer noch ausreichend ist sich nicht die Augen zu verderben, mit vielen kleinen und kleinsten Tischen in Nischen und Ecken, mit vielen Räumen, die jeweils andere Lichtverhältnisse und Akustik haben und einem guten Kaffee- und Teeangebot ist das Prager Kaffeehaus schon der richtige Ort für zwischendurch und lange Sonntagnachmittage mit Buch.

Kaffee- und Teehaus Prag: Der Wille zur Gelassenheit.
Foto: Katherin Wagenknecht (c) Pester Lloyd

Hier zwängt man sich nicht zwischen Business-People mit subtilen Dresscodes auf den gefühlt schlechtesten Platz, hier begrüßen einen Blumentischdecken und alte Holzdielen. Es gibt schokoladigen Schokoladenkuchen für 390 Forint und Cappuccino für 350. Hier schauen die Kellner nicht so traurig unterwürfig oder aufreizend verjagend. Die Menschen um einen herum lesen Zeitung, lernen deutsch oder französisch, arbeiten am Computer, W-Lan darf nicht fehlen, reden, lachen, sitzen beisammen oder allein. Hier scheint es keine versteckte Kleiderordnung zu geben, die einen als dazugehörig ausweist. Hier gehört man dazu, wenn man will. Es ist kein Kaffeehaus im alten Sinne, zumindest aber ein liebenswerter Ersatz dafür, selbst dafür muss man heute schon dankbar sein. Wir hoffen auf sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung... online@pesterlloyd.net

K.W. / M.S.

Kaffee- und Teehaus Prag
Baross utca 8, 1080 Bp.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 7-22 Uhr,
Samstag 9-22 Uhr, Sonntag geschlossen

Julius Ludassy: Kaffeehausgrippe
Eine Wiener Elegie, aus dem Pester Lloyd von 1921

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