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(c) Pester Lloyd / 09 - 2010 BUDAPEST 02.03.2010
Einsam im Fauteuil
Bed, Bad & Breakfest im Gellért Hotel Budapest
Die postmodernen Fortführungen des
Gundel, Gerbeaud und New York, die gastronomischen Legenden Budapests, hatten uns leider wenig Freude gemacht. Wir
versuchten es nun bei Bed, Bad und Breakfast in einer anderen "Institution": Das Gellért Hotel ist eine doppelte Zeitreise. Architektonisch geht es in die
Jahrhundertwende der selbstbewußt wachsenden Residenzstadt Budapest, im Detail landet der Besucher aber manchmal unversehens im Sozialismus. Bei den Preisen ist man seiner Zeit fast schon voraus.
Hotelkaffee muss anscheinend schlecht
schmecken. Und so trübt sich gleich mein erster Eindruck, während meiner Suche nach Oberschichtengefühl und Jugendstilromantik, die das Gellért vorgibt, konserviert zu haben.
Doch es bleibt eine künstliche Konservierung. Immerhin, der Page springt und greift beherzt nach Koffer und Tasche. Der Springbrunnen in der Lobby zeigt einen nackten Knaben in
femininer Haltung. Das Wasser ist ausgestellt. Die Anmeldung auf Deutsch ist kein Problem und der Schlüssel in Form und Größe einer Diskusscheibe wird ausgehändigt.
Bei der Buchung im Internet kann man sich
zwischen renovierten und zur Straße hin liegenden Zimmern und unrenovierten den Hinterhof betrachtenden Räumen entscheiden. Entweder neu eingerichtet im Stile des nachgeahmten beginnenden 20.
Jahrhunderts oder nicht renoviert und dann mit der Gefahr der defekten Heizung (die Unmöglichkeit des Selbstregulierens), der aus der Wand stehenden Steckdosen, dem
eventuell sehr wichtigen und dennoch fehlenden Föhn im Badezimmer. Im Zimmer 331 versperrt eine ca. 1qm große und mit Holz vertäfelte Säule Sicht und Platz. Ihre Funktion
erschließt sich genauso wenig wie ein ästhetischer Plan. Der Wandschrank ist sauber, die Minibar gefüllt. Nur die Sitzecke eben nicht nutzbar, weil die Holzsäule sie im Dunkeln
verschwinden lässt und den darin Sitzenden isoliert. Man fragt sich unweigerlich, was all die Berühmtheiten, Industrielle, Literaten, Staatsmänner, deren Aura das Gellért
weiterhin schamlos vorgaukelt, wohl zu solchem "Luxus" gesagt hätten.
Geschichte in buntem Glas
Hinaus aus dem Zimmer, die endlos verwirrenden verschwindenden Flure entlang hinein
ins Frühstückzimmer. Instrumentalmusik erklingt als Klangteppich und ich schwebe zum Tisch. Das Frühstückspublikum ist gemischt, pastellfarbenfroh und mit Perlenketten
behangen. Alte Männer mit Goldrandbrille und Hemd mit Schlips und die etwas geruhsamere Variante mit Bademantel und internetfähigem mobilem Telefon. Wichtig ist
man schließlich immer und überall. Eine Augenweide und eben der besagte, viel gerühmte Charme des Hotels sind unter anderem die mosaikartig gearbeiteten bunten Glasfenster,
die farbig Geschichte Ungarns zeigen und auf jedem Treppenabsatz anders aussehen. Das Hotel bietet einen Kaffeesalon, eine Nachtbar, eine Brasserie (eigentlich ein Pub, nur
teurer) und keinen freien Internetzugang. Im Zimmer kann man sich kabelfreien Internetzugang stundenweise kaufen (24h für 22 Euro). Sonntags ein Allerweltshotelbrunch für ca. 18,50 EUR pro Person.
Fahrstuhlführer reloaded
Vom Frühstück verwöhnt und daran
erinnert, dass manche Menschen immer und nur zum arbeiten verreisen, dass manche Kinder nie Kind sein dürfen und andere nur im Urlaub richtig zu essen lernen können, schwanke, wanke und dränge ich ins
Zimmer mit Säule. Der nächste Programmpunkt ist das hauseigene und mit Fahrstuhl verbundene Bad. Nur mit Badeanzug und Bademantel bekleidet drücke ich den Rufknopf des Fahrstuhles und warte
auf die Dame in weiß die, mir die Tür öffnet und mit mir in den Keller fährt. Der Beruf des Fahrstuhlführers neu wiederentdeckt.
Doch zwischen dem Bad und dem Gast steht
unüberwindlich die Proxy Watch. Bei Verlust der Uhr müssen 50 Euro gezahlt werden. Hotelgäste bekommen diese Innovation an der Rezeption ausgehändigt. Wenn man diesen
wichtigen Arbeitsschritt unabsichtlich auslässt, kann einem nur noch die Dame an der Information helfen. Helfen bedeutet ein rügender Blick über die Brillengläser, bedeutet
Augenrollen und das verdrehte Gefühl ich sei nicht länger Kunde sondern Dummkopf (mitunter ist letzteres hier die betriebsinterne Definition von Kunde, Anm. des Setzers).
Im Bad angekommen, herrscht gähnende Leere und dampfende Stille. Die Schwimmrichtung ist vorgeschrieben. Budapest hat viele Thermalbäder und eines besser
als das andere und spezieller. Das Gellértbad hat die besten, buntesten und imposantesten Fenster. Schwimmen wie in einer Kathedrale. Mondän ist das passende Attribut. Stille wie
in einer Kathedrale. Die Saunenlandschaft nach Geschlecht getrennt. Katholisch also auch noch.
Katherin Wagenknecht
Gellért Hotel Szent Gellért tér 1., 1111 Bp Telefon: +36(0)1 889 5500
Für Reservierungen: gellert.reservation@danubiushotels.com Winterangebote, andere Angebote Zimmerpreise für Einzelzimmer mit Bad/ Dusche: 44 bis 88 Euro, für Doppelzimmer 77 bis 182 Euro
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